Manfred Thumann
«Wir haben 27 Standorte untersucht und den besten ausgewählt»

Das Holzkraftwerk ist zu gross, am falschen Standort, es verschmutzt die Luft und nutzt die Energie schlecht aus. Zu dieser Kritik gegen das 100-Millionen-Projekt der NOK spricht CEO Manfred Thumann.

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Aargauer Zeitung

Von Hans Lüthi

Sie verkaufen das Holzkraftwerk Würenlingen als Teil des Axpo-Energieparks und als klimafreundlich. Überrascht Sie die massive Kritik?

Manfred Thumann: Ja, und zwar, weil wir die Zustimmung zu den Holzkraftwerken als ökologisch sinnvolle Lösung durch alle politischen Parteien gespürt haben. Jetzt sind wir überrascht, dass diese erneuerbare Energie auf so viel Widerstand stösst.

Warum ist es so gross und so nahe an den Würenlinger Wohnzonen?

Thumann: Zur Grösse ist dies zu sagen: Die haben wir aus dem Fernwärmebedarf abgeleitet. Die Anlage ist leicht kleiner definiert als der Bedarf. Der Kessel und die Filtereinrichtungen bestimmen die Dimensionen der Gebäude.

Die Beznau-Lücke können Sie damit aber nicht füllen?

Thumann: Ein so grosses Projekt würde nicht mehr sinnvoll sein. Wir haben geschaut, was in den nächsten 10 bis 15 Jahren passiert. Für Refuna-Bezüger ist wichtig, woher die Wärme nach dem Wegfall von Beznau 1 und 2 kommt. Wir kämpfen zwar für ein Ersatz-Kernkraftwerk, aber es braucht auch eine Redundanz, wenn dieses während der Revisionszeit nicht in Betrieb ist.

Ein Standort bei der Zementfabrik in Siggenthal oder bei der Gasturbine in Döttingen wäre doch viel besser.

Thumann: Wir haben in der Region 27 mögliche Standorte untersucht, und wir sind überzeugt, dass dieser Standort die geringsten Eingriffe bringt. Genau weil er eingeklemmt ist zwischen Schiene und Kantonsstrasse. Es ist Industrieareal, man muss kein neues Land beanspruchen. Zudem ist der Refuna-Südast hier, der den Wärmebedarf hat.

Viele klagen, Refuna verliere mit der CO2-Wärme ihre Unschuld. Verstehen Sie diese Kritik?

Thumann: Ja, das verstehe ich, es ist zweifellos so, dass die verbrennungsfreie Kernenergie keine Schadstoffe ausstösst. Das ist ein Vorteil der KKW. Aber wir halten die Holzverbrennung für verantwortbar, weil der Ausstoss gerade bei einer grossen und effizienten Anlage ungleich geringer ist, als wenn das Holz in vielen Kleinanlagen verbrannt wird.

Bedeutet das eine Abkehr der Axpo von der CO2-freien Stromproduktion?

Thumann: Heute sehen wir, dass wir die Probleme der Zukunft nicht mit Kernenergie allein lösen können. Darum versuchen wir, auch die CO2-neutralen Brennstoffe mitzubenutzen. Als Axpo-Konzern verwerten wir auch Abfall, wie eben das Altholz. Oder die Küchenabfälle beim Kompogas in Klingnau. Das ist doppelt sinnvoll, weil man aus vorhandenem Abfall zusätzlich Energie gewinnt.

Punkto Umwelt sprechen die Gegner von Dutzenden Kilogramm Quecksilber, Blei, Cadmium, Zink und viel Feinstaub. Was sagen Sie dazu?

Thumann: Auch Holz ist nicht unbelastet, das ist so. Deshalb gibt es die Luftreinhalteverordnung, die wir selbstverständlich einhalten. Beim Holzkraftwerk gelten verschärfte Anforderungen, die wir teils wesentlich unterschreiten. Also: Wir erfüllen alle Auflagen, welche die Behörden heute als sinnvoll einstufen.

Kommt belastetes Holz in den Ofen?

Thumann: Absichtlich nicht, aber bei grossen Mengen besteht das Risiko, dass immer ein kleiner Teil behandeltes Holz dabei ist. Die Abgasreinigung muss auch diese Schadstoffe zurückhalten können.

Bei 100 000 Tonnen im Jahr ist der Transport wichtig. Warum 80 Prozent auf der Strasse und 20 auf der Schiene anstatt umgekehrt?

Thumann: Im Umkreis von unter 150 Kilometern macht es ökologisch und ökonomisch keinen Sinn, zweimal umzuladen. Wir wollen ja das Altholz primär aus der engeren Region verwerten. Darum ist der Standort direkt an der Kantonsstrasse wichtig, um nicht zusätzlich durch den Wald fahren zu müssen. Das ganze Altholz wird schon heute transportiert. Das müsste man auch einbeziehen. Bei 250 000 Lastwagen pro Jahr tragen wir da 1 bis 5 Prozent bei.

Einsatz von Geothermie

Das Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Würenlingen ist zum Holzkraftwerk ebenfalls kritisch eingestellt. «Mit einer Vergasung könnte man die Energie aus dem Holz breiter nutzen. Der elektrische Wirkungsgrad stiege damit je nach Wärmenutzung von 21 bis 22 auf 30 Grad», sagt Vizedirektor und PSI-Stabschef Martin Jermann auf Anfrage.

Die Holzvergasung sei ein Projekt, das auch die Swisselectric unterstütze, bestätigt NOK-CEO Manfred Thumann. In Güssing im Vorarlberg (Ö) sei zwar eine Versuchsanlage in Betrieb. «Aber die Entwicklung steht erst am Anfang. Wir hoffen, dass es bis in 5 bis 8 Jahren solche Anlagen gibt, heute sind sie aber nicht baureif», versichert Thumann.
Die Region wäre laut Jermann vom PSI auch ausgezeichnet für Geothermie geeignet, weil die Wärme im Untergrund relativ hoch vorhanden ist und direkt ins Refuna-Netz einfliessen könnte. «Wir brauchen nicht nur Wärme, primär wollen wir Strom, aber die Wärme ebenfalls ausnutzen», sagt Thumann. (Lü.)

Rentiert das Kraftwerk auch ohne
kostendeckende Einspeisevergütung?

Thumann: Nein, denn das Holzkraftwerk ist extrem vom Holzpreis abhängig. Kein solches Werk wäre rentabel ohne eine solche Unterstützung.

Wird das atomfreundliche Klima im unteren Aaretal durch das Holzkraftwerk belastet?

Thumann: Uns belastet es, wenn der Eindruck erweckt wird, wir hätten nicht alles getan, um die Interessen der Bevölkerung einzubeziehen. Wir haben uns auch in diesem Fall sehr bemüht. Es tut uns leid, wenn das nicht überall so wahrgenommen worden ist. Das gute Verhältnis mit den Bürgern in der Region wollen wir auf keinen Fall gefährden.

Ihr Fazit aus dem grossen Konflikt um das Holzkraftwerk in Würenlingen?

Thumann: Es gibt heute kaum eine Infrastruktur oder ein Energieprojekt, das keine Nachteile hat. Auch ein Holzkraftwerk kann sofort zu einer kontroversen Dis-kussion führen. Es gibt keine Technologie, die nur gut ist. Die Sensibilität ist extrem hoch, wir müssen lernen, noch besser damit umgehen zu können.

Glauben Sie, dieses Kraftwerk könne in Würenlingen je gebaut werden?

Thumann: Dazu wage ich keine Prognose. Aber ich würde es mir wünschen, weil es ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist und der Region einen Nutzen bringt. Wir werden die Diskussion auch mit den Kritikern offen und intensiv führen.