«Wir mussten uns selbst helfen»

Der Fernsehempfang in Morgarten war lange Zeit ein Ärgernis. Bis die Bevölkerung das Heft selber in die Hand nahm. Noch heute profitieren sie von den tiefen Gebühren.

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Karl Nussbaumer, hier fotografiert am Ägerisee, ist Vorsitzender der Antennen-Genossenschaft Morgarten. (Bild: Jakob Ineichen / Neue LZ)

Karl Nussbaumer, hier fotografiert am Ägerisee, ist Vorsitzender der Antennen-Genossenschaft Morgarten. (Bild: Jakob Ineichen / Neue LZ)

Angefangen hat alles mit einem Mangel. In der idyllischen Ortschaft Morgarten am Ägerisee konnten bis Mitte der 80er-Jahre nur wenige Fernsehsender empfangen werden und auch diese wenigen nur mit grossen Einschränkungen. «Im Höchstfall hatten wir ein Angebot von sechs oder sieben Fernsehsendern, und auch der Radioempfang über die UKW war zum Teil beschränkt», erinnert sich Charly Nussbaumer (58). Zu wenig, um als Touristendestination und Wohnort auf Dauer attraktiv zu sein. «Es fehlten die Westschweizer Sender mit ihren Sportsendungen, die Tessiner Sender und auch englischsprachige Kanäle», erzählt Nussbaumer, Gastwirt und Besitzer des Gasthauses Morgarten.

Der innere Kern des Ortes habe damals aber nur aus Einzelhäusern bestanden, die lokale Fernsehgesellschaft habe kein Interesse gehabt, die wenigen Häuser an ihr Kabelnetz anzuschliessen. «Also mussten wir uns selber helfen. Auch um Wohnungen vermieten zu können, brauchten wir ein grösseres Angebot an Fernsehsendern», sagt Nussbaumer. Die klassische Ausgangslage für die Entstehung einer Genossenschaft.

Kein ZDF, keine Schweizer Sender

Im August 1987 war es so weit, die Antennengenossenschaft Morgarten wurde gegründet. 25 Genossenschafter zählten zu den Gründungsmitgliedern, heute sind es rund 60. Wäre in diese Zeit nicht auch die Abwassererschliessung des Ortes gefallen, die Verlegung der Kabelanschlüsse wäre wohl kaum finanzierbar gewesen. «Viele Hausbesitzer haben bei der Verlegung geholfen, es wurde viel ehrenamtliche Arbeit geleistet», erinnert sich Charly Nussbaumer. Er amtete von Anfang an als Präsident der Genossenschaft. Anfangs hatten nur rund 15 Häuser einen besseren Empfang, später kamen das Schulhaus und die Gewerbezone hinzu.

Rund 68 000 Franken investierte die Genossenschaft in eine neue Antennenanlage, jeder einzelne Haushalt benötigte eine eigene Antenne auf dem Dach. Doch auch das hatte seine Tücken. «Manch ein Haushalt konnte zwar die ARD empfangen, aber das ZDF nicht. Manche konnten sogar kein Schweizer Fernsehen empfangen», sagt Nussbaumer. Das verbesserte sich durch eine Antennenanlage mit Parabolspiegel, auch die Sendervielfalt nahm zu.

Verkauf scheitert am Preis

Der technische Quantensprung erfolgte dann 2004. Die Wasserwerke Zug (WWZ) verlegten in den Ägerisee ein Stromkabel mit integriertem Glasfaser- Antennen- und -Telefonkabel. Damals hat die Antennengenossenschaft auch über einen Verkauf ihres Kabelnetzes nachgedacht. «Wir haben eine Offerte bei der WWZ eingeholt, aber das Angebot war uns zu niedrig. Ausserdem hätten wir langfristig höhere Gebühren zahlen müssen», sagt Nussbaumer. Wieder stand der Selbsthilfegedanke im Zentrum. Um künftig auch Internet und Telefonie empfangen zu können, musste die Genossenschaft alle Kabel auswechseln, eine Investition von 80 000 Franken musste finanziert werden. Dies erfolgte über Finanzierungsscheine über 1000 Franken, die an den Genossenschafter ausgegeben wurden. «Diese sind mittlerweile längst zurückbezahlt», sagt Nussbaumer.

Seitdem bezieht die Genossenschaft das Fernseh- und das Radiosignal von den WWZ, der Hauptverteilkasten befindet sich immer noch bei einem Privathaus. Den Störungsdienst und die Wartung übernehmen ebenfalls die Wasserwerke und Data Zug. Im Gegenzug bietet die Genossenschaft ihren Mitgliedern seitdem auch Telefonie- und Internetverbindungen an. «Heute würde das alles über die Swisscom laufen», schmunzelt Karl Nussbaumer. Der Aufwand lohnt sich dennoch für die Mitglieder. 240 Franken zahlt ein Haushalt pro Jahr für seinen Fernsehanschluss. Damit sei das Angebot der Antennengenossenschaft um einiges günstiger als bei der Konkurrenz, sagt der Gastwirt.

Jubiläum im kommenden Jahr

Nächstes Jahr wird die Genossenschaft 25 Jahre alt, auch ein Grund zum Feiern. «So lange die Kommunikation über das Seekabel läuft, werden wir weiterbestehen. Ich denke, es gibt uns auch in 20 Jahren noch», ist Nussbaumer optimistisch. Der Aufwand habe sich bisher gelohnt. «Der Ort wurde touristisch aufgewertet, die Wohnqualität hat sich erhöht», sagt Nussbaumer. Die erfolgreich geleistete Selbsthilfe habe den Zusammenhalt im Ort gefördert.

Hans-Peter Hoeren