Interview

Luzerner Kantonalbank rechnet wegen Corona-Pandemie mit mehr Konkursen

Fabian Fischer, Leiter Unternehmerbank bei der Luzerner Kantonalbank, über mögliche Liquiditätshilfen für Unternehmen in der Corona-Krise.

Christopher Gilb
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Betriebe müssen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter sicherstellen und gleichzeitig die Produktion am laufen halten.

Betriebe müssen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter sicherstellen und gleichzeitig die Produktion am laufen halten.

Bild: Christian Beutler/Keystone

Touristen bleiben aus, Veranstaltungen dürfen nicht durchgeführt werden, Lieferanten produzieren nicht mehr: Der Corona-Virus trifft die Zentralschweizer Wirtschaft schwer und wird damit auch automatisch zum Fall für die Luzerner Kantonalbank (LUKB). Zwei von drei Unternehmen im Kanton Luzern und etliche in der Zentralschweiz pflegen mit dem grössten Finanzinstitut der Region eine Geschäftsbeziehung.

Fabian Fischer, Leiter Unternehmerbank der Luzerner Kantonalbank.

Fabian Fischer, Leiter Unternehmerbank der Luzerner Kantonalbank.

Bid: PD

Wie viele Unternehmen haben schon wegen der Corona-Krise um zusätzliche Kredite gebeten?

Fabian Fischer: Es ist für uns eher überraschend, dass wir noch nicht von Anfragen überrannt werden. Es gibt erst vereinzelte Fälle. Ein mir bekanntes Unternehmen beispielsweise musste Stornierungen fast aller Aufträge entgegennehmen und hat nur noch Liquidität für vier bis acht Wochen.

Was denken Sie, ist der Grund, dass sich der Bedarf noch in Grenzen hält?

Wir haben angefangen, Firmenkunden von uns aus zu kontaktieren, um zu fragen, wie sie betroffen sind und wie wir helfen können. Dabei stellen wir fest, dass sich die meisten Unternehmen aktuell mit den operativen Herausforderungen und noch weniger prioritär mit den finanziellen Auswirkungen beschäftigen.

Wie meinen Sie das?

In den letzten Tagen standen in den Firmen operative Fragen im Vordergrund: Schutz der Mitarbeiter, Aufrechterhaltung des Betriebs, Bedienung der Kunden etwa durch das Ausweichen auf andere Lieferanten. Aber wir stellen uns definitiv auf mehr Anfragen ein, denn wenn die Schutzmassnahmen umgesetzt sind, stehen bei den Firmen als Nächstes die Finanzen auf der Agenda; Kurzarbeit wurde vielerorts schnell eingeführt, nun muss man sich mit der Liquiditätsplanung auseinandersetzen, denn bald müssen auch wieder Löhne bezahlt werden.

Die Zürcher Kantonalbank stellt 100 Millionen Franken zur Überbrückung von Engpässen bereit. Hat die LUKB ähnliche Pläne?

Wir haben keinen konkreten Betrag definiert, sind aber sehr bestrebt, Unternehmen, die unverschuldet stark betroffen sind und Liquiditätsengpässe haben, zu unterstützen. Das wird sehr zeitnah und lösungsorientiert passieren, da sind wir als Hausbank natürlich gefordert.

Was meinen Sie mit unverschuldet?

Die meisten Unternehmen in der Zentralschweiz sind finanziell robust. Nichtsdestotrotz gibt es Unternehmen, die schon vor der Corona-Krise angeschlagen waren, etwa in Anbetracht des starken Frankens, wegen der Handelsstreitigkeiten oder weil sie in rückläufige Industrien geliefert haben. Für diese Minderheit könnte sich die aktuelle Krise zu einer existenziellen Bedrohung entwickeln. Strukturelle Probleme lassen sich nicht durch kurzfristige Zusatzkredite lösen.

Sie rechnen also auch mit einer steigenden Anzahl von Konkursen in der Region?

Davon muss man leider ausgehen. Aber eben: Wenn ein Unternehmen solide aufgestellt ist, kann es sich erfahrungsgemäss von zeitlich befristeten Schocks rasch wieder erholen. Zuversichtlich stimmt uns auch, dass KMU mit schwierigen Situationen souveräner umgehen als früher, teils haben sie sogar schon vorbereitete Notfallszenarien in der Schublade.

Wie kommt das?

Das sind die Lehren aus den verschiedenen Krisen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Von Sars bis zur Aufhebung der Frankenobergrenze zum Euro. Firmen haben sich auf potenzielle Risiken eingestellt und sind sowohl im Absatz- wie auch im Beschaffungsbereich flexibler geworden.

Luzerner FDP verlangt Massnahmen zur Sicherung von Arbeitsplätzen

FDP-Kantonsrat Patrick Hauser will in einer gestern eingereichten dringlichen Anfrage vom Regierungsrat wissen, wie der Kanton Luzern auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie vorbereitet ist und wie der Erhalt von Arbeitsplätzen branchenübergreifend gesichert werden kann. Denn viele Arbeitsplätze und KMU seien durch diese Situation akut gefährdet, so Hauser. Auch will Hauser wissen, wie sich der Regierungsrat beim Bund einsetzen könne, damit dieser zeitnahe «alle heute möglichen Instrumente» zu Gunsten der Wirtschaft einsetzt, oder zusätzliche einführt. Er verweist als Beispiel auf den Kanton Basel-Stadt, der am Mittwoch angekündigt hat, dass er ergänzende Massnahmen zur Sicherung der Liquidität von Unternehmen vorsieht. (cg)

Was erwarten Sie für Auswirkungen auf die Konjunktur? Ursprünglich hat die LUKB für 2020 für die Schweiz ein BIP-Wachstum von 1,4 Prozent prognostiziert.

Wir müssen mit einer kräftigen, aber temporären Abflachung der Schweizer Konjunktur rechnen. Unsere revidierte Jahresprognose geht jedoch immer noch von einem Wachstum von 0,9 Prozent aus. Luzern als starke Tourismusdestination dürfte aber stärker betroffen sein als der Schweizer Durchschnitt. Derzeit rechnen wir damit, dass sich erst im dritten oder vierten Quartal eine Normalisierung einstellen wird, das wird einen deutlichen Einfluss auf die Jahresergebnisse von vielen Unternehmen haben.

Können die Firmen die jetzt entstehenden Verluste später im Jahr wieder ausgleichen?

Es wird je nach Branche gewisse Aufholeffekte geben, aber um die stark betroffene Hotellerie als Beispiel zu nehmen: Wenn ein Bett jetzt leer ist, kann es im September nicht doppelt verkauft werden.

Fabian Fischer (43) ist seit 2016 Leiter Unternehmerbank der LUKB. Diese betreut KMU in der gesamten Deutschschweiz.