Weltwirtschaftsforum
«Wir sind sehr enttäuscht – es wäre eine einmalige Chance gewesen»: So reagiert die Zentralschweiz auf die WEF-Absage

Das Weltwirtschaftsforum 2021 findet definitiv nicht auf dem Bürgenstock, sondern in Singapur statt. In der Schweiz trauern die Organisatoren vor allem dem globalen Marketing-Effekt nach.

Daniel Zulauf & Linda Leuenberger
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Singapur statt Bürgenstock: Das WEF findet nun definitiv nicht in der Zentralschweiz statt.

Singapur statt Bürgenstock: Das WEF findet nun definitiv nicht in der Zentralschweiz statt.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) wird im kommenden Jahr in Singapur und nicht auf dem Bürgenstock im Kanton Nidwalden stattfinden. Die 24 Mitglieder des obersten Aufsichtsorgans, dem sogenannten «Board of Trustees», haben sich am Montag auf diesen Plan geeinigt.

Für die Schweiz bedeutet der Umzug des Wirtschaftsforums zunächst eine Einbusse an ökonomischer Wertschöpfung. Gemäss einer Untersuchung der Universität St.Gallen aus dem Jahr 2017 bringt das WEF der Davoser Wirtschaft in normalen Zeiten einen Mehrumsatz von über 100 Millionen Franken. Nach Abzug des staatlichen Aufwandes für Sicherheitsleistungen verbleibt ein Wertschöpfungsbeitrag von rund 60 Millionen Franken.

Allerdings ist schon länger klar, dass das Forum aufgrund der Pandemie nicht im bisherigen Rahmen stattfinden wird. «The Great Reset» oder «Der grosse Neustart», wie das anstehende Stelldichein thematisch überschrieben wird, wurde von den WEF-Organisatoren bereits im Juni als «einzigartige Konfiguration» für ein physisches und virtuelles Zusammentreffen von führenden Persönlichkeiten mit einem breiten Kreis gesellschaftlicher Anspruchsgruppen angekündigt. Das Motto «Zwillingsgipfel» soll das 51. Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums offenbar auch in Singapur beibehalten.

Schweiz büsst bei der weltweiten Visibilität ein

Um dem abgespeckten WEF auch äusserlich einen anderen Anstrich zu geben, wurde dieses im Oktober von Davos auf den Bürgenstock verlegt. Für das luxuriöse Kongresszentrum wiegt der Verlust der Grossveranstaltung natürlich schwer, doch gewichtiger ist für die Schweiz die Einbusse an globaler Visibilität. Jürgen Dunsch, ehemaliger Schweiz-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeine Zeitung», ist ein langjähriger WEF-Besucher und hat seine Recherchen über dessen Gründer Klaus Schwab 2016 im Buch «Gastgeber der Mächtigen» (Finanzbuch Verlag, München) niedergeschrieben. «Das WEF war stets ein grosser Imagegewinn für die Schweiz. Das Land konnte sich damit international immer wieder von seiner besten Seite zeigen», sagt der Journalist. Das WEF und die Schweiz sind nach Dunsch’s Meinung aber nicht zwingend auf ewig verheiratet. Schwab wird die Veranstaltung immer dorthin bringen wollen, wo sie den maximalen Nutzen erhält. «Singapur ist wohl keine schlechte Wahl», sagt Dunsch.

Obschon die Zeichen in der Weltwirtschaft derzeit nicht mehr so sehr auf «Globalisierung» steht, gibt Dunsch dem WEF eine gute Zukunft: «Die Globalisierung wird nicht verschwinden, sie wird einfach neue Formen annehmen».

«Die Arbeit ist nicht für die Katz»

Derweil zeigt man sich in der Zentralschweiz enttäuscht über den Entscheid, auch wenn sich dieser in den letzten Tagen abgezeichnet habe. «Der Traum vom WEF 2021 auf dem Bürgenstock nimmt coronabedingt ein jähes Ende», schreiben die involvierten Vertreter in einer gemeinsamen Mitteilung - dazu gehören die Kantone Luzern und Nidwalden sowie die Stadt Luzern, die Gemeinde Stansstad und das World Economic Forum. So sagt der Nidwaldner Landammann Othmar Filliger:

Es wäre eine einmalige Chance gewesen, den Bürgenstock und die Region als Standort für internationale Spitzenkongresse in der ganzen Welt zu positionieren.

Zudem wäre die dadurch ausgelöste wirtschaftliche Dynamik für die lokalen Unternehmen ein hoch willkommener Impuls gewesen. Die Zusammenarbeit mit dem WEF habe aber bestätigt, dass der Bürgenstock und Luzern sehr gute Voraussetzungen für internationale Anlässe mitbringen. Der Luzerner Sicherheitsdirektor Paul Winiker fügt hinzu: «Die Arbeit ist nun nicht für die Katz. Wir haben Strukturen und Prozesse etabliert, die in Zukunft von Nutzen sein werden.»

«Ein gewisser Marketingeffekt geht verloren»

Wie viel Geld den Kantonen nun durch die Lappen geht, kann Filliger nicht beziffern. Klar ist: Es hätte sich um einen willkommenen Effekt gehandelt – gerade angesichts dessen, dass sich viele Hotels und die Gastronomie wegen Corona in einer schwierigen Situation befinden. Ebenso gehe nun ein beachtlicher Marketingeffekt verloren, den der Bürgenstock, die Zentralschweiz und ebenso die ganze Schweiz für sich hätten nutzen können.

Die Mitglieder der politischen Steuerungsgruppe können den Entscheid aber auch nachvollziehen. Schliesslich überwiege das Positive: Die Zentralschweiz habe gezeigt, dass man schnell, pragmatisch und konstruktiv zusammenarbeiten könne. Das Dossier für zukünftige Grossanlässe liege bereit, sagt der Luzerner Regierungsrat Paul Winiker. Die gemeinsame Mitteilung schliesst mit dem Satz:

Das Thema WEF ist für die Zentralschweiz für den Moment zwar aufgeschoben, aber nach der guten Zusammenarbeit und den in Aussicht gestellten möglichen anderen Treffen keineswegs aufgehoben!

Das WEF seinerseits stellt klar:« Leider ist die Situation allgemein in Europa sehr kompliziert und schwierig und daher wurde Singapur als Ort für das nächste physische Treffen ausgewählt.» Trotz des Entscheids gegen die Schweiz als Austragungsort sei es das Ziel der Organisation, zum Jahrestreffen 2022 wieder in Davos zu residieren.

Dem Weltwirtschaftsforum sei bewusst, dass sich viele Schweizer Unternehmen zurzeit in einer schwierigen Situation befinden würden, lässt sich Alois Zwinggi, WEF-Managing-Director, zitieren. Und dass in diesem Kontext die ursprüngliche Entscheidung, das Jahrestreffen in der Zentralschweiz abzuhalten, von grosser Bedeutung war. Weiter sagt Zwinggi: «Wir sind sehr enttäuscht, dass es uns die momentane Lage in Europa nicht erlaubt, unser Treffen in der Schweiz durchzuführen.» Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Parteien sei hervorragend gewesen.

«Das WEF ist eben weit mehr als ein Elitetreffen»

Der Luzerner Regierungspräsident Reto Wyss pflichtet Zwinggi gegenüber unserer Zeitung bei: «Wir sind dankbar, dass der Kontakt entstehen konnte.» Und dennoch können die Zentralschweizer eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen. Reto Wyss sagt: «Das WEF ist eben weit mehr als ein Elitetreffen. Es ist eine weltweit beachtete Bühne, wo Problemstellungen in Lösungsansätze überführt werden wollen. Die Standorte Bürgenstock-Luzern hätten für diese Diskussionen einen äusserst passenden sowie auch sicheren Rahmen setzen können.»