«Wir tuckern mit der Zahnradbahn aus der Rezession»

Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz über die Krise: Der Aufschwung komme frühestens 2010, vielleicht erst 2011, sagt Pierin Vincenz. Als Chef der Raiffeisenbank kennt er die Situation der Schweizer KMU wie kaum ein anderer.

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Vincenz

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Aargauer Zeitung

Christian Dorer, Peter Wanner

Wenn Pierin Vincenz von seiner Raiffeisenbank erzählt, kommt er ins Schwärmen. Lang hat er gegen den Trend gearbeitet: am Genossenschaftsmodell festgehalten, während andere es abschafften; Filialen eröffnet, während andere auf Online-Banking setzten; die Regionen gestärkt, während andere zentralisierten. Der Erfolg in der Krise gibt ihm im Nachhinein recht.

Herr Vincenz, was hören Sie von Ihren Firmenkunden: Wie geht es der Schweizer Wirtschaft?
Pierin Vincenz: Nicht gut. Die Lage wird sich dieses Jahr weiter verschlechtern, speziell auf dem Arbeitsmarkt. Das wird sich auch negativ auf den Konsum auswirken.

Gehts wenigstens den kleinen und mittleren Unternehmen, den KMU, besser?
Vincenz: Je nach Branche. Dramatisch ist der Geschäftsgang bei exportorientierten Firmen, weniger betroffen sind Bau und Gewerbe. Aber: Dank den Konjunkturprogrammen und den tiefen Zinsen bin ich mittelfristig optimistisch.

Gehts 2010 wieder aufwärts?
Vincenz: Frühestens. Vielleicht auch erst 2011. Wir sind im Schnellzug in die Rezession gefahren und tuckern mit der Zahnradbahn raus. Der Aufschwung wird kommen, die Nachfrage auf der Welt ist prinzipiell vorhanden und viel billiges Geld ebenfalls.

Was bringen die Konjunkturmassnahmen?
Vincenz: Das wird man erst in einigen Jahren sehen. Noch nie wurde innert so kurzer Zeit so viel Geld in die Wirtschaft gepumpt, und zwar weltweit - nach gesunder Logik muss das nützen. Aber eben: Es braucht Zeit. Auch deshalb, weil das Finanzsystem immer noch angeschlagen ist. Das drosselt natürlich das Tempo des Aufschwungs.

Funktioniert das Interbanken-System denn noch nicht richtig?
Vincenz: Es funktioniert, aber anders als vor der Krise: Damals gab es praktisch einen einheitlichen Zinssatz für alle, jetzt wird auch unter den Banken nach Risiko gewichtet. Das heisst, viele müssen einen Aufschlag bezahlen.

Auch die Raiffeisenbank?
Vincenz: Weil wir als eine der wenigen Banken nicht unter Staatsgarantie stehen, können wir uns weniger günstig refinanzieren. Die Kantonal- und die Grossbanken haben da völlig zu Unrecht einen riesigen Wettbewerbsvorteil. Das ist, wie wenn Ihre Zeitung das Papier billiger einkaufen könnte, nur weil Sie Mittelland Zeitung heissen.

Welche Konsequenzen hat das für Sie?
Vincenz: Wir haben einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil. Wenn eine Refinanzierung wegen der Staatsgarantie 0,3 Prozent tiefer zu liegen kommt, dann kann eine Hypothek 0,3 Prozent billiger angeboten werden. Gerade die UBS versucht stark, in diesen Markt zurückzukommen, auch bei kleineren Objekten, für die sie sich in den guten Zeiten nicht interessiert hat. Ich habe nichts gegen Wettbewerb, aber er darf nicht durch eine Staatsgarantie verfälscht werden, wie das jetzt passiert.

Geht nicht ohnehin keine Bank unter eine bestimmte Marge, sodass es trotz Wettbewerb allen gut geht?
Vincenz: Nicht nur der Preis spielt eine Rolle, wie zum Beispiel in der Baubranche, sondern auch das Vertrauen, die Kundennähe und die Beratung. Schliesslich geht es ums eigene Geld und um eine langfristige Beziehung. Im Moment tobt der Preiskampf aber extrem: Wer eine Hypothek will, kann in einem zuvor unbekannten Mass verhandeln.

Man hört in Bern, Sie hätten stark gegen eine Bankenlizenz für die Post lobbyiert.
Vincenz: Das stimmt, denn die Schweiz braucht nicht noch eine staatlich unterstützte Bank, sondern das Gegenteil: Der Staat muss sich wieder aus seinen Verpflichtungen lösen.
Die Post wird ja nicht staatlich unterstützt, sondern macht Gewinn.
Vincenz: Die Post gehört dem Staat und hat damit eine Staatsgarantie, was im Effekt vergleichbar ist mit Subventionen.

Letztlich entscheidet der Kunde, wohin er sein Geld bringen will.
Vincenz: Die Post hat eine durchsichtige Strategie: Sie lockt mit hohen Zinsen viel Geld an und sagt dann, jetzt brauchen wir eine Bankenlizenz, weil wir so viel Geld haben.

Fürchten Sie die Post, weil sie wie die Raiffeisenbank auch auf dem Land stark präsent ist?
Vincenz: Unser Geschäftsmodell ist anders. Wir haben 370 eigenständige Raiffeisen-Genossenschaften an 1150 Standorten. Die Angestellten vor Ort haben einen sehr hohen Entscheidungsspielraum und müssen nicht ständig irgendwen in der Zentrale fragen. Aber: Die Finanzkrise hat das Bankensystem völlig durchgeschüttelt. Es gibt nun staatliche Kantonalbanken, Grossbanken mit Staatsgarantie, die staatliche Post - und plötzlich nur noch wenige Regionalbanken und uns, die ausserhalb stehen. Mich stören diese ungleichen Spiesse.

So leidend wirken Sie aber nicht, Ihrer Bank gehts ja auch ohne Staatsgarantie blendend.
Vincenz: Das stimmt, und wir sind stolz darauf, aber einen dauerhaften Wettbewerbsnachteil können wir nicht akzeptieren. Wenn die Politik diese Tendenz hin zu Staatsbanken nicht stoppt, passiert dasselbe wie in Österreich. Dort haben sich praktisch alle Banken unter Staatsschutz gestellt, weil es viel bequemer ist. Das kann in der Schweiz doch nicht das Ziel sein.

Der Staat kann eine Grossbank nun mal nicht in Konkurs gehen lassen - der Schaden für die Volkswirtschaft wäre zu gross.Vincenz: Darum darf es keine Bank mehr geben «too big to fail», die also zu gross ist, als dass man sie in Konkurs gehen lassen kann.

Dann plädieren Sie dafür, UBS und CS aufzuspalten?
Vincenz: Nein, denn auch für künftige Generationen ist es ein Vorteil, wenn die Schweiz zwei Grossbanken hat, unter anderem auch wegen der Arbeits- und Ausbildungsplätze für internationale Karrieren. Wir müssen vielmehr in guten Zeiten gesetzlich dafür sorgen, dass bei einem allfälligen Konkurs ein geordnetes Liquidationsverfahren durchgeführt werden könnte, also ähnlich dem «Chapter 11» in den USA. Dann bestünde nicht die Gefahr, dass die Bank von einem Tag auf den anderen zusammenbricht und die Kunden die Schalter stürmen. Das müsste kombiniert werden mit einem starken Einlegerschutz.

Reichen die 100 000 Franken?
Vincenz: Aus meiner Sicht genügt das. Gelöst werden muss noch die Finanzierung dieses Einlegerschutzes.

Wie viele UBS-Banker bewerben sich eigentlich derzeit bei Ihnen?
Vincenz: Viele. Nur passen sie in den meisten Fällen nicht zu uns, weil wir Retail-Banker sind und keine Investmentbanker. Zudem bieten wir praktisch allen unseren jährlich rund 300 Lehrabgängern eine Stelle an, sodass wir wenig externe Banker suchen.

Fliesst immer noch viel Kundengeld von den Grossbanken ab?
Vincenz: Es hat nachgelassen.

Die Raiffeisenbank hatte im vergangenen Jahr 10 Milliarden Geldzufluss. Glauben Sie, dass das dauerhaft bleibt?
Vincenz: Viele Kunden haben nicht einfach ihr Geld abgezogen, sondern es auf verschiedene Banken aufgeteilt, um die Risiken zu verteilen. Deshalb denke ich, dass die neuen Kunden bei uns bleiben. Es ist aber nun unsere Aufgabe, sie gut zu betreuen.

Haben Sie überhaupt noch Anlagemöglichkeiten für das viele Neugeld?
Vincenz: Im ersten Quartal hatten wir drei Milliarden Franken Neugeldzufluss, zwei Milliarden davon gingen in Form von Krediten wieder raus.

Welche Konsequenzen hat die Lockerung des Bankgeheimnisses für den Bankenplatz Schweiz?
Vincenz: Das kommt jetzt stark darauf an, wie die Verhandlungen ausgehen: Welche Elemente des Bankkundengeheimnisses können wir über den Persönlichkeitsschutz retten? Die EU will den gläsernen Kunden, wir wollen Marktzugang. Irgendwo wird man sich finden müssen, aber ja: Das strikte Bankkundengeheimnis wird es nicht mehr geben.

Dann können die Schweizer Banken beweisen, dass ihre Kunden nicht nur deshalb bei ihnen sind.
Vincenz: Die Schweiz hat auch andere Vorteile für vermögende Kunden: die Stabilität, die Sicherheit und die gute Infrastruktur. Aber der Konkurrenzkampf unter den Finanzplätzen wird härter, und die Kunden kommen nicht mehr automatisch. Der Geldfluss wird versiegen, die Banken müssen aktiv akquirieren.

Aber das Vermögen in der Schweiz wird abnehmen?
Vincenz: Ja, das muss man realistisch sehen. Ich vermute eine Abnahme zwischen 10 und 20 Prozent - je nach Lösung, die jetzt ausgehandelt wird.