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«Wir überschätzen uns selber»

Silvio Borner, emeritierter Wirtschaftsprofessor. (Bild: Stefan Kaiser)

Silvio Borner, emeritierter Wirtschaftsprofessor. (Bild: Stefan Kaiser)

Schweiz–EU Für den emeritierten Basler Wirtschaftsprofessor Silvio Borner (76) war die Schweiz 1990 ein «Sanierungsfall». Sein Buch mit dem gleichnamigen Titel, das er zusammen mit seinen damaligen wissenschaftlichen Mitarbeitern Aymo Brunetti und Thomas Straubhaar geschrieben hatte, versetzte die Schweiz in Aufregung.

Herr Borner, Ihr Buch «Die Schweiz AG: Vom Sonderfall zum Sanierungsfall?» gefiel nur wenigen ganz hartgesottenen Wirtschaftsliberalen.

Das können Sie laut sagen. Wir hatten eigentlich kein Fragezeichen im Titel. Dieses wollte der Nationalfonds gesetzt haben, weil ihm das Ergebnis unserer Analyse etwas gar streng erschienen war und er auch den Bundesrat nicht gleich vor den Kopf stossen wollte.

Sie sollten die wirtschaftlichen Herausforderungen der Schweiz «in einer sich ändernden Welt» herausarbeiten. Wie sah diese Welt vor 30 Jahren denn aus?

Wir hatten gerade den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt. In der EU stand die Schaffung des Binnenmarktes kurz bevor. Die globale Handelsliberalisierung im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt), aus dem die heutige Welthandelsorganisation (WTO) wurde, bröckelte langsam. Starke Handelsblöcke schlossen bilaterale Abkommen, was für Drittländer die Gefahr einer Diskriminierung mit sich brachte. Das war eine grosse Bedrohung für die Schweiz, weil unser Land der vielleicht grösste Profiteur des globalen Freihandelssystems nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die Liste der damals absehbaren Herausforderungen für unser Land liesse sich natürlich verlängern.

Wie real waren diese Bedrohungen?

Sie waren immerhin real genug, dass sich eine damals noch weitsichtige Regierung mit ihnen auseinandersetzte. Aber die Schweiz war auch sonst schon sichtbar gefordert. Das Wirtschaftswachstum lag über längere Zeit unter dem Durchschnitt der EU-Länder. Offensichtlich wurde auch die Differenz zwischen der sehr wettbewerbsfähigen Schweizer Exportwirtschaft und einer wenig produktiven, von Kartellen durchsetzten und via Landwirtschaftspolitik indirekt abgeschotteten Binnenwirtschaft.

Ihre Empfehlung war, dass die Schweiz langfristig näher an die EU heranrücken sollte und kurzfristig aus eigener Kraft so viel reformieren sollte wie möglich. Das Nein zum EWR im Dezember 1992 war ein Schock für die Wirtschaft.

Ja, das EWR-Nein war ein Schock für die Wirtschaft. Für mich war das damals eine schlechte Entscheidung. Ich war überzeugt, dass wir aufgrund unserer engen wirtschaftlichen Verbindung zu Europa in irgendeiner Form an diesem EU-Binnenmarkt teilnehmen sollten.

Es gab ja dann diesen Jetzt-erst-recht-Effekt, unter dem die Schweiz eine ungeahnte Reformfreude an den Tag legte.

Ja, das war das eine. Brunetti war hier stark engagiert bei der Entwicklung eines Wachstumsprogrammes durch den Bund. Dieses hatte seine Wirkung dann auch nicht verfehlt. Das wichtigste Element des Programms war vermutlich die Einführung der Schuldenbremse. Aber ebenso wichtig war es, dass es uns gelungen war, bilaterale Verhandlungen mit der EU abzuschliessen. Die Verträge mit der EU haben gewisse Liberalisierungen erzwungen, die wir in der Schweiz selber wohl nicht zu Stande gebracht hätten.

Ist die Schweiz vom Sanierungsfall im Jahr 1990 wieder zum vorbild­lichen Sonderfall geworden?

Das könnte man denken, aber es ist nicht so. Wir sollten so dringend weiter an der Liberalisierung und Modernisierung unseres Landes arbeiten wie damals. Aber wir überschätzen uns selber und blicken zu stark nur nach innen. Das ist die grosse Parallele zum Jahre 1992. Ich spüre wieder diese Stimmung von einst, wir hätten in den grossen Linien alles richtig gemacht und könnten uns jetzt nur noch mit punktuellen Perfektionierungen unseres Systems oder moralisierenden Alleingängen zur Weltrettung beschäftigen. (dz)

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