Wird die Rezession doch nicht so schlimm? Fünf Gründe für den verblüffenden Anstieg der Aktienbörsen

Die Börsen sind seit dem Tiefpunkt im März stark gestiegen - und das, obwohl die Wirtschaft gerade in die tiefste Rezession seit fast 100 Jahren schlittert. Was steckt hinter dem (vermeintlichen) Widerspruch? Fünf Punkte, die erklären, warum die Zuversicht der Anleger zunimmt.

Patrik Müller
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Der Bulle - Symbol des Börsenhöhenflugs - ist zurück. Hier in Frankfurt trägt er zurzeit eine Schutzmaske.

Der Bulle - Symbol des Börsenhöhenflugs - ist zurück. Hier in Frankfurt trägt er zurzeit eine Schutzmaske.

Oliver Ruether/Laif / laif

Die schlechten Nachrichten aus der Realwirtschaft reissen nicht ab. Hier eine kleine Sammlung:

Mit diesen rabenschwarzen Entwicklungen kontrastieren die Aktienmärkte. Ende Februar begann zwar ein Sturzflug und bis Mitte März schienen die Kurse ins Bodenlose zu fallen - doch danach kam es zu einer kräftigen Gegenbewegung. Die wichtigsten US-Aktienindizes stiegen seither um rund 30 Prozent. Der Swiss Market Index (SMI) hat seit seinem Tief ebenfalls stark aufgeholt, um 20 Prozent. Woran liegt das?

1. Aktien grosser Firmen stützen die Börsenindizes

Wer sich nur die Börsenindizes vor Augen hält, bekommt ein falsches Bild. Denn wie «Schweiz am Wochenende»-Geldexperte François Bloch im Video-Talk erklärte, sind 95 Prozent der Aktien stark negativ. Sehr gut halten sich jedoch die Pharmafirmen Roche (auf Allzeithöchst!), Novartis und der Nahrungsmittelmulti Nestlé. Diese drei Aktien machen mehr als 50 Prozent des ganzen SMI-Gewichts aus. In den USA ist es ähnlich. Dort sind die digitalen Mega-Konzerne Amazon, Microsoft, Alphabet (Google) und Facebook von der Coronakrise viel weniger stark betroffen als andere Branchen. Auch sie sind Schwergewichte und ziehen die US-Börsenindizes nach oben. Aktien vieler kleinerer Firmen sind aber nach wie vor im Keller. Fluggesellschaften oder Restaurantketten, die besonders leiden, haben in den Indizes nur ein sehr kleines Gewicht.

Kurse des Swiss Performance Index (SPI), von Roche und Nestlé seit Anfang Jahr: Die Schwergewichte schneiden besser ab als der Gesamtindex.

Kurse des Swiss Performance Index (SPI), von Roche und Nestlé seit Anfang Jahr: Die Schwergewichte schneiden besser ab als der Gesamtindex.

2. Die Zentralbanken helfen den Börsen

Weltweit haben die Notenbanken die Schleusen geöffnet wie nie zuvor. Auch die Schweizerische Nationalbank hat an den Märkten stark interveniert, wie SNB-Präsident Thomas Jordan am Wochenende sagte. Mit ihrer Politik trugen die Zentralbanken dazu bei, dass zumindest die Angst vor einer neuen Finanzkrise, verbunden mit einer Kreditklemme, verschwunden ist. Es sind vor allem solche Krisen, bei denen die Anleger in Panik geraten, wie man zuletzt 2008/2009 sah.

3. Die Börsen wetten auf eine rasche Erholung der Realwirtschaft

Die Infektionskurven flachen in fast allen Ländern ab, auch in der weltgrössten Volkswirtschaft USA. Das lässt an den Börsen die Hoffnung spriessen, dass die Staaten die Pandemie in den Griff bekommen - eher schneller als befürchtet. Gleiches gilt für die Öffnung der Wirtschaft, die in weiten Teilen Europas, aber auch Amerikas zurzeit stattfindet. «Die Börsen wetten auf die V-Kurve», schrieb das «Wall Street Journal». Gemeint ist der Verlauf der Konjunktur: Nach dem schnellen, steilen Absturz wird eine ebensolche Erholung kommen. Ob dieses Szenario eintrifft, weiss noch niemand. Aber die meisten Konjunkturforschungsinstitute - auch in der Schweiz - gehen tatsächlich von einer kräftigen Erholung im nächsten Jahr aus. Die Börsen nehmen Erwartungen immer vorweg - darum steigen die Kurse schon jetzt. Das heisst aber auch: Sollten die Erwartungen enttäuscht werden, dürften die Kurse wieder fallen.

4. Es fehlt an Anlage-Alternativen zu Aktien

Niemand rechnet damit, dass die Zinsen auf absehbare Zeit ansteigen werden. Die Geldpolitik der tiefen (und gar negativen) Zinsen führt dazu, dass es zu Aktien kaum Anlage-Alternativen gibt. Wer sein Geld gewinnbringend anlegen möchte, dem bleiben fast nur Aktien - unter Inkaufnahme von Risiko. Auf Rohstoffe wird zwar spekuliert, aber da deren Preise - vor allem beim Öl - enorm gesunken sind und volatil bleiben, sind sie für gewöhnliche Anleger keine Alternative.

5. Anleger sind Herdentiere - doch sie könnten die Richtung wieder wechseln

Angesichts der um sich greifenden Zuversicht an den Börsen haben viele Anleger Angst, Gewinnchancen zu verpassen. Und weil sie Herdentiere sind, kaufen sie - trotz mulmigem Gefühl. Doch die Lage an den Börsen kann sich täglich ändern und ins Gegenteil kehren. Frühere Börseneinbrüche zeigten: Meist kommt es nach schockartigen Rückgängen, wie Ende Februar/Anfang März, zu einer Erholung. Das erleben wir jetzt. Doch diese Erholung verläuft selten ohne Rückschläge. Die Märkte testen meistens noch einmal neue Tiefstwerte. So wie es bei den Infektionen zu einer zweiten Welle kommen könnte, ist auch eine zweite Absturzphase an den Börsen denkbar. Und: Unsicherheiten gibt es nicht zur bezüglich der epidemiologischen Entwicklung, sondern auch was die Politik der Zentralbanken und der Regierungen betrifft. Wirken die milliardenschweren Hilfen, oder dauert die Rezession eben doch länger? Das weiss niemand. Klar ist nur eines: Die Schwankungen an den Börsen werden anhalten. Bei schlechten Nachrichten könnten die Herdentiere ihre Richtung um 180 Grad kehren.

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