WIRTSCHAFT: Es braucht spezielle Jobs für Mütter

Der Bundesrat will für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen eine Quote durchsetzen. Ist die Politik noch nicht klüger geworden? Ein Meinungsstück.

Flurina Valsecchi*
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Kind und Karriere: Wie können Mütter Familie und Beruf miteinander vereinbaren? (Bild: Getty)

Kind und Karriere: Wie können Mütter Familie und Beruf miteinander vereinbaren? (Bild: Getty)

Flurina Valsecchi*

flurina.valsecchi@luzernerzeitung.ch

Geht es nach dem Bundesrat, soll für Verwaltungsräte künftig eine Frauenquote von 30 Prozent gelten, bei Geschäftsleitungen verlangt er einen sogenannten «Richtwert» von 20 Prozent. Es ist schon absehbar: Der Bundesrat wird mit seiner Zwangsverordnung nicht mehr Frauen an die Spitze katapultieren können. Wer Erfolg haben will, der beginnt nicht zuoberst, sondern zuunterst.

Zur Ausgangslage: Frauen haben heute in der Schweiz die gleichen Startchancen wie Männer. Sie haben dieselben Ausbildungsmöglichkeiten. Auch im Berufseinstieg haben junge Frauen heute die gleichen Voraussetzungen wie ihre männlichen Kollegen. Frauen schaffen es bis ganz nach oben. In der Politik: die Bundesrätinnen Doris Leuthard und Simonetta Sommaruga. In der Wirtschaft: Monika Rühl (Direktorin Economiesuisse) und Monika Ribar (Verwaltungsratspräsidentin SBB), um nur einige Namen zu nennen.

Was haben diese Frauen gemeinsam? Sie sind – fast ausnahmslos – kinderlos. Das muss niemanden wundern. Jede siebte beruflich aktive Frau verlässt den Arbeitsmarkt nach der Mutterschaft, wie die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung zeigt. Politiker wie Firmenchefs haben den Kern des Problems nicht erkannt: Es geht nicht um Frauen-, sondern um Mütterförderung. Und das ist ein grosser Unterschied.

Keine verlängerte Pause nach der Geburt

Der Stress beginnt im Gebärsaal. Kaum ist das Baby auf der Welt, erteilen Mütterberaterinnen, Hebammen und Ärzte der Mutter bereits die guten Ratschläge. Ein Beispiel: Das Kind sollte im Idealfall 6 Monate mit der Muttermilch gestillt werden. Gleichzeitig erwartet der Chef die Mutter möglichst bald (nach 14 Wochen) zurück in der Firma. Tatsächlich gewähren viele Vorgesetzte ihren Mitarbeiterinnen keinen Tag länger Mutterschaftsurlaub als staatlich verordnet.

Wie soll das im Alltag funktionieren? Leider erlebt heute kaum eine Mutter den Idealfall, die Krippe gleich neben dem Büro zu haben oder in ihrem Job so flexibel zu sein, immer gerade dann stillen zu können, wenn das Baby danach schreit. Und weil Mütter von heute perfekte Mütter sein wollen, entscheiden sie sich fürs Baby und gegen den Job.

Mütter müssen nicht perfekt sein

Junge Mütter von heute müssen Alleskönnerinnen sein, das zeigt uns eine Schwemme an Ratgebern, Mütterkursen und die Diskussionen in den Medien. Dieses Bild wird auch durch die Frauen selber geprägt. Die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm beschrieb die Situation kürzlich in der NZZ zutreffend: «Es gibt zwei gesellschaftliche Überzeugungen, welche Mütter mit kleinen Kindern hindern, sich in die Berufskarriere zu stürzen und durchzustarten. Die erste Vorstellung ist die der perfekten Mutter, die zweite, dass sie von Natur aus die geeignetste Fürsorgeperson ist und deshalb in den ersten Lebensjahren die Kinder selber betreuen soll.» Und Stamm führt weiter aus: «Frauen sollten lernen, sich für Kind und Familie weniger allein verantwortlich zu fühlen und anstatt die beste nur eine hinreichend gute Mutter zu sein.»

Davon profitieren übrigens auch die Kinder. Sie lernen, mehreren Bezugspersonen vertrauen zu können. Und erleben ihre Väter intensiver. Gut so, denn Väter können vieles ebenso gut wie die Mütter, wenn nicht gar besser.

Mütterförderung sollte schon früh beginnen. Gerne vergessen gehen nämlich die 9 Monate vor der Geburt. Die Schwangerschaft wird heute oft idealisiert und tabuisiert. Daran sind die Frauen selber nicht unschuldig. Bei aller Vorfreude: Eine Schwangerschaft zehrt an den Kräften. Frauen können nicht bis zum letzten Tag im gleichen Tempo mithalten – und sie müssten es auch nicht. In anderen Ländern setzen die Frauen staatlich bewilligt rund zwei Monate vor der Geburt aus. Es ist eine vorbeugende Massnahme. Denn: Wer schon vor der Geburt in den Erschöpfungszustand kommt, wird sich nachher für die Erholung umso mehr Zeit ausbedingen.

Viele Mütter entscheiden sich nach der Geburt, ganz auszusetzen. Sie wollen – irgendwann – wieder in den Beruf einsteigen. Damit erweisen sie sich – nicht nur im Hinblick auf eine Karriere – einen Bärendienst. Ist die betreuungs­intensive Zeit vorbei, sehnen sich viele Mütter nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Den Anschluss haben sie aber schnell verpasst. Die Konkurrenz ist gross. Der Wiedereinstieg nach etlichen Jahren ist viel happiger, als wenn die Mütter immer einen Fuss im Berufs­leben lassen. Jede fünfte Mutter nimmt heute nicht am Arbeitsmarkt teil. Schade um die guten Ausbildungen, die Erfahrung und das Wissen dieser vielen Frauen. Erstaunlich, dass Staat und Arbeitgeber dieses Potenzial «kampflos» Familie und Herd überlassen.

Doppelrolle bringt die Mütter an den Rand ihrer Kräfte

Beginnt die Frau nach der Geburt – früher oder später – wieder zu arbeiten, dann geschieht das erst mal in kleinen Pensen von zwei bis drei Tagen pro Woche. Dabei erleben die Frauen neben viel Schönem oft auch viel Frust. Wenn sie die Kinderbetreuung organisieren und erkennen, dass sich die fixen Krippenzeiten just mit vielen typischen Frauen­berufen (Gesundheit/Pflege, Gastrobereich etc.) nicht vereinbaren lassen. Oder wenn sie feststellen, dass die Krippenrechnung einen grossen Teil ihres Teilzeitlohns auffrisst. Frauen versuchen dann, die bezahlte Fremdbetreuung so gering wie möglich zu halten. Und tanzen dementsprechend auf vielen Hochzeiten.

Diese Doppelbelastung bringt viele Mütter an den Rand ihrer Kräfte. Die Frauen können in dieser Phase nicht rechtzeitig Alarm schlagen. Und die Chefs erfahren erst davon, wenn es zu spät ist.

Ideen, wie man diese Situation entschärfen kann, gibt es genug: zum Beispiel die Krippenkosten durch Staat oder Arbeitgeber stark senken. Die nordischen Staaten machen es vor, mit grossem Erfolg. Etwas kreativer ist das massgeschneiderte Jobprofil für Mütter: Dieses besteht unter anderem aus einem Teil Homeoffice, flexiblen Arbeitszeiten und spezieller Aufgabenteilung. Das hat nicht nur den Vorteil, dass die Mutter der Firma auch nach der Geburt ihres Kindes treu bleibt, sondern auch, dass die Frau das leisten kann, was die Firma von ihr erwartet. Eine Win-win-Situation.

Wenig Beachtung schenken die Firmen dem Inhalt der Arbeit, die sie den Teilzeitmüttern übertragen. Oft bleibt für sie noch das übrig, was niemand anders erledigen will. So fühlen sich Frauen manchmal unterfordert. Wer bewusst ein Jobprofil für Mütter entwirft, der kann ihnen durchaus verantwortungsvolle Aufgaben anvertrauen.

Teilzeitchefs dürfen keine Ausnahme bleiben

Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass sie die Mütter nach der Geburt in irgendeiner Art und Weise im Job behalten können. Nur so kommen auch mehr Frauen in Frage, wenn es um die Besetzung einer Kaderfunktion geht. Oft fehlt den Frauen beim Karriereschritt die nötige Vernetzung. Während sich die Männer zum Feierabendbier treffen, hetzen die Frauen zur Krippe, um ihren Nachwuchs noch rechtzeitig abzuholen. Auch hier könnte eine Firma durch gezielte Treffen eine Unterstützung bieten.

In vielen Chefetagen muss sich die Mentalität ändern. Heute gilt der weit verbreitete Irrglaube: Ein guter Chef muss rund um die Uhr verfügbar sein. Deshalb wollen viele Vorgesetzte nichts von Teilzeitpensen in Führungsfunktionen wissen, und schon gar nicht erst bewilligen sie Co-Leitungen. Kein Wunder, verzichten Mütter getrost auf ein solches Karriereangebot, das eine hohe Anwesenheit erfordert. Frauen gebären doch kein Kind, um es dann nicht aufwachsen zu sehen. Interessant: Jeder CEO weiss, Führung bedeutet gutes Zeitmanagement und Prioritäten setzen. Zwei Tugenden, die besonders Mütter gut beherrschen.

Von dieser Allzeit-Verfügbarkeits-Direktive betroffen sind die Mütter meistens vor allem indirekt. Es geht hier auch um die Väter. Der Mann macht Karriere in der Regel in einem 100-Prozent-Pensum, die Ehefrau bleibt als «Kompromiss» ganz daheim. Das bedeutet, dass sich Väter nicht als gleichwertige Partner in der Familienarbeit beteiligen können. Auch hier lohnt sich ein Blick in die Statistik: Während jede siebte Frau nach der Mutterschaft den Arbeitsmarkt verlässt, lässt sich bei den Männern nach der Geburt eines Kindes keine signifikante Tendenz zu beruflicher Inaktivität feststellen. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für den Familienalltag.

Väter engagieren sich aktiv im Familienhaushalt

Wollen Mütter im Beruf aktiv sein, muss sich der Vater ebenfalls im Familienhaushalt engagieren – und zwar nicht nur an den Wochenenden. Vater sein bedeutet mehr als möglichst hohe Lego­türme und eindrückliche Sandburgen zu bauen. Auch der im Moment gerne angepriesene Vaterschaftsurlaub ist nichts mehr als eine auf wenige Tage beschränkte und deshalb kaum nachhaltige Unterstützung der Mutter.

Mütter fördern bedeutet in erster Linie also nicht, viel Geld zu investieren oder eine Quote staatlich zu verordnen, sondern es bedarf eines Umdenkens in der Führung. Dieser Einsatz wird belohnt. Jede Firma, die wichtige Entscheidungen fällen muss, braucht eine ganzheitliche Optik auf ihre Arbeit, dazu ist die Denkweise und das Handeln von Frauen und Männern unabdingbar. Und es profitieren die Frauen selber – denn in ihren Herzen schlägt nicht nur die Liebe zu ihren Kindern, sondern auch die Leidenschaft für ihren Beruf.

* Flurina Valsecchi (36) ist stellvertretende Chefredaktorin und Leiterin der regionalen Ressorts der «Luzerner Zeitung». Sie ist Mutter von zwei Mädchen (7 und 5) und eines Sohnes (3). Der Arbeitgeber hat ihr Jobprofil Jahr für Jahr so angepasst, dass sich Familie und Beruf vereinbaren liessen. Heute arbeitet sie wie ihr Mann in einem 80-Prozent-­Pensum, die Kinderbetreuung über­nimmt das Paar zu gleichen Teilen. Unterstützt wird die Familie von einem Au-pair aus der Romandie sowie von einer Tante und den Grosseltern.