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WIRTSCHAFT: «Nobelpreisträger sind oft ahnungslos»

Wirtschaftsprofessor Bruno S. Frey sieht ein Problem in der medialen Überhöhung von Nobelpreisträgern, wie sie mitunter durch das jährliche Schaulaufen dieser Weltstars an der Tagung in Lindau am Bodensee befeuert wird.
Daniel Zulauf
Der Basler Bruno S. Frey gilt als einer der Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und der ökonomischen Glücksforschung. (Bild: Christian Schnur/Keystone)

Der Basler Bruno S. Frey gilt als einer der Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und der ökonomischen Glücksforschung. (Bild: Christian Schnur/Keystone)

Interview: Daniel Zulauf

Herr Frey, die Promotoren der Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften preisen den Austausch der Forscher über Länder und Grenzen hinweg. Nicht selten werden die Ökonomen aber auch politisch sehr konkret, zum Beispiel indem amerikanische Nobelpreisträger mit Empfehlungen für europäische Regierungen aufwarten. Ist das legitim?

Gegen gute Ratschläge kann man keine Einwände haben. Aber ich finde gerade in der aktuellen Situation sollten sich die amerikanischen Ökonomen vor allem um die Wirtschaftspolitik im eigenen Land kümmern. Es gibt einige Ökonomen, die gerne überall in der Welt verkünden, was andere Länder besser tun oder lassen sollten. Zurzeit hätten die USA die Ratschläge ihrer Spitzenökonomen aber selber besonders nötig.

Gibt es eine Dominanz von amerikanischen Ökonomen in der Welt?

Ja, diese gibt es absolut. Die amerikanische Dominanz in den Wirtschaftswissenschaften kommt daher, dass die fünf wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen alle amerikanisch sind und jeder Ökonom, der weltweit gehört werden will, muss seine Forschung in einer dieser Publikationen veröffentlicht haben. Aus diesen Publikationen kommt das ganze Prestige, und junge Ökonomen, die Professuren anstreben, werden auf dieser Grundlage auf die Lehrstühle berufen. Aus diesem Grund gibt es viele europäische Ökonomen, die mehr über das amerikanische Federal Reserve als über die Notenbank im eigenen Land oder die Europäische Zentralbank wissen.

Werden so amerikanische Rezepte auf europäische Probleme angewandt?

Sicher. Nehmen Sie nur das Beispiel der geringen Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Das ist ein aussergewöhnliches Phänomen und die Ergründung von deren Ursachen wäre für die Wissenschaft sehr bedeutend. Aber es gibt nur wenige amerikanische Ökonomen, die von dieser Situation überhaupt Kenntnis haben. Es würde sich auch einem Nobelpreisträger gut anstehen, wenn er sich einmal der Frage annähme, was die Schweiz denn anders und vielleicht besser macht als andere Länder. Meine eigene Forschung zeigt auch, dass die Menschen in der Schweiz wesentlich glücklicher sind als in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, sagte diese Woche in Lindau, dass fast alles, was die ökonomische Wissenschaft produziert, eine politische Wirkung entfalte. Sollten wir uns darüber freuen oder davor fürchten?

Ich würde sagen, wir können uns freuen, aber natürlich nicht uneingeschränkt. Immerhin, vergleicht man den gesellschaftlichen Nutzen der Volkswirtschaftslehre mit jenem anderer Disziplinen, so sind wir meiner Meinung nach doch gut aufgestellt.

Als der österreichische Ökonom Friedrich von Hayek 1974 den Nobelpreis erhielt, sagte er, es sei eigentlich keine gute Idee, Ökonomen mit dieser Auszeichnung zu beehren. Ein einzelner Ökonom könne sich diese Ehre gar nicht verdienen und überdies erhalte er damit zu viel politischen Einfluss. Hatte Hayek Recht?

Ja, ich stimme Hayek zu. Viele Nobelpreisträger in der Ökonomie haben die Auszeichnung für eine ziemlich spezielle Forschung erhalten. Dessen ungeachtet werden sie danach aber zu allen Themen in der Wirtschaft und in der Gesellschaft befragt. In vielen dieser Fragen sind sie dann natürlich ziemlich ahnungslos, sehen sich aber trotzdem gezwungen, Aussagen zu machen.

Sie selbst wurden schon mehrfach als möglicher Kandidat für den Nobelpreis genannt. Wie würden Sie mit dieser Ehrung umgehen?

Ich würde mich natürlich riesig freuen, weil es bei allen Einschränkungen eine sehr grosse Auszeichnung bleibt, die jeder Ökonom haben möchte. Meine Forschung ist allerdings viel breiter als jene anderer Ökonomen. Deshalb erachte ich meine Chancen, den Preis zu gewinnen, als sehr klein.

Es gibt die Kritik, dass die Ökonomie in der Spezialisierung zu weit gegangen ist. Was denken Sie darüber?

Ich teile diese Kritik. Vor allem junge Ökonomen, die ihre Forschung in den renommiertesten Fachzeitschriften publizieren möchten, müssen sehr spezielle und konkrete Untersuchungen anstellen, die nicht unbedingt von allgemeiner Relevanz sind. Das hat zu einer enormen Spezialisierung bei jungen Ökonomen geführt, die ich auch mit Blick auf die Lehre an den Universitäten für problematisch halte.

Sie haben kürzlich ein Buch herausgegeben mit 71 ökonomischen Ideen zum Vergessen. Welche Ideen sollten wir auf keinen Fall vergessen?

Das sind die grundlegenden Erkenntnisse zum Beispiel, dass nicht nur Zusammenarbeit, sondern auch Wettbewerb etwas Gutes ist. Wichtig sind auch die institutionellen Bedingungen und die Erkenntnis, dass das Individuum entscheidend ist.

Vor 200 Jahren hat David Ricardo in seinen «Priniciples of Political Economy and Taxation» den Beweis erbracht, dass Handel über die Grenzen hinweg immer zu einer Mehrung des Wohlstandes führt. Warum reicht diese Erkenntnis nicht mehr aus, um Protektionismus zu verhindern?

Der türkische Ökonom Dani Rodrik, der in Harvard lehrt, sagt, Demokratie und Freihandel seien unvereinbar miteinander. Freihandel schafft zwar Wohlstand, bringt aber immer auch Verlierer hervor. Diese wehren sich in einer Demokratie und nötigen der Politik Einschränkungen des Freihandels ab. Das Phänomen beobachtet man ja sehr aktuell in den USA. Der Freihandel steht zwar unter Druck, aber als allgemeines Prinzip bleibt die Idee grossartig.

Sie haben erwähnt, dass die Schweizer glücklicher sind als die Amerikaner. In dem Buch über ökonomische Ideen zum Vergessen findet man einen Aufsatz vom Ökonom Richard Easterlin, der besagt, dass Wirtschaftswachstum die Menschen nicht glücklicher macht. Stimmen Sie zu?

Easterlins Aussage ist umstritten. Ich selber vertrete die Auffassung, dass Wirtschaftswachstum für viele Länder und auch bei uns für die unteren Einkommensschichten sehr wichtig ist. In den vergangenen Jahrzehnten konnte die Armut in der Welt gewaltig vermindert werden dadurch, dass Indien und China das Wachstum erfolgreich gefördert haben. Diese Errungenschaft sollte man nicht kleinreden.

Was kann man an der Tagung der Wirtschaftswissenschaften mit Nobelpreisprominenz in Lindau lernen?

Die Tagung ist ein Gewinn in verschiedener Hinsicht. Es treffen sich dort viele Ökonomen, die sich gegenseitig noch gar nicht kennen. Auch viele junge Ökonomen werden eingeladen, und diese erleben dort, wie die oft ziemlich angejahrten Nobelpreisträger teilweise reichlich veraltete Theorien vortragen. Die jungen Ökonomen lernen, dass Theorien einen Lebenszyklus und ein Ablaufdatum haben und dass man sich immer neuer, aktueller Fragen annehmen muss. Zum Beispiel sollte sich die Wirtschaftswissenschaft dringend des Flüchtlingsproblems annehmen. Es braucht vernünftige Lösungen, die wenig mit alten Theorien zu tun haben, weil es das Problem in dieser Form früher gar nicht gegeben hat.

Hinweis

Bruno S. Frey wird seit vielen Jahren zu den renommiertesten und einflussreichsten Ökonomen der Schweiz gezählt. Der 76-jährige Basler ist als ständiger Gastprofessor an der Universität Basel tätig und wirkt im Universitätsrat der Universität Luzern mit. Frey hat sich in seiner Forschung auf die Anwendung der Ökonomie auf nicht-wirtschaftliche Bereiche von Gesellschaft und Politik spezialisiert. Er hat über 20 Bücher verfasst, zahlreiche Preise und Ehrendoktorwürden empfangen und zusammen mit Jana Gallus soeben ein Buch zum ökonomischen Wert von Auszeichnungen veröffentlicht («Honors versus Money. Economics of Awards. Oxford University Press, 2017).

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