WIRTSCHAFT: «Polarisierung treibt Schweiz in die EU»

Der Ökonom Klaus Wellershoff (50) wirft einen zaghaft optimistischen Blick auf Europa und rät der Schweiz zu mehr Gelassenheit.

Interview Daniel Zulauf
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Klaus Wellershoff wurde als langjähriger Chefökonom der UBS bekannt. Heute leitet er sein eigenes Beratungsunternehmen. (Bild: Freshfocus/Siggi Bucher)

Klaus Wellershoff wurde als langjähriger Chefökonom der UBS bekannt. Heute leitet er sein eigenes Beratungsunternehmen. (Bild: Freshfocus/Siggi Bucher)

Interview Daniel Zulauf

Klaus Wellershoff, 2014 war weltwirtschaftlich gesehen kein schlechtes, aber auch kein wirklich gutes Jahr. Sollten wir zufrieden sein oder doch eher unzufrieden, weil es in vielen Regionen nicht richtig vorwärtsgeht?

Klaus Wellershoff: Bei mir überwiegt eher die Freude. In den Industrieländern hat sich das Wachstum mit Ausnahme Japans beschleunigt, und es gibt doch eine Reihe von Anzeichen, dass es im kommenden Jahr noch besser wird.

In Europa machte sich Anfang 2014 Optimismus breit. Inzwischen herrscht aber wieder Katerstimmung. Ist das kein Grund, sich zu grämen?

Wellershoff: In Europa liegt noch vieles im Argen. Das sollte man sicher nicht verschweigen. Aber die Wachstumsrate der Eurozone von derzeit 0,7 Prozent ist immerhin schon ansprechend, und die vorlaufenden Indikatoren weisen darauf hin, dass es mit Ausnahme Italiens überall aufwärtsgeht. Wir sollten im nächsten Jahr wieder mehr als 1 Prozent Wachstum sehen in Europa. Das ist doch schon mal eine positive Entwicklung.

Fakt ist aber, dass 2014 der Schuldenabbau in den Industrieländern nicht stattgefunden hat – weder in den USA, noch in Europa oder Japan.

Wellershoff: Es stimmt, private Schulden wurden weitgehend durch Staatsschulden ersetzt, und die Gesamtverschuldung der Industrieländer ist so nicht gesunken, sondern eher noch gestiegen.

Was müssen wir daraus lernen?

Wellershoff: Es bedeutet, dass kein Industrieland diesen Weg der Entschuldung wirklich ernsthaft beschreiten will oder kann. Vor die Wahl gestellt, das Problem der strukturellen Ungleichgewichte anzugehen, sind viele Länder zunächst geneigt die negativen Folgen eines solchen Prozesses zu verhindern – so nach dem Motto, wasch meinen Pelz, aber mach mich nicht nass. Dass das nicht geht, ist offensichtlich. Es führt kein Weg an einer schmerzvollen Anpassung vorbei, das gilt für die Fiskalpolitik ebenso wie für die Geldpolitik.

Es scheint, als hoffe manch eine Regierung, dass ihr die Inflation die Arbeit beim Sparen abnimmt. Zu Recht?

Wellershoff: Nominales Wachstum kann schon helfen, über höhere Steuereinnahmen die Defizite mittelfristig zu reduzieren, aber es dauert lange, bis es so weit ist. Man kann dem Verschuldungsproblem entwachsen, aber nur unter Einhaltung einer strengen fiskalischen Disziplin – die Defizite müssen zwingend zurückgefahren werden. Die USA und Grossbritannien haben vorgeführt, was passiert, wenn dieser Pfad verlassen wird. Die beiden Länder sind mit einem im Vergleich zur Eurozone relativ soliden Staatshaushalt in die Finanzkrise hineingeschlittert. Sie haben den Vorsprung verspielt, und ihre Staatsverschuldung ist inzwischen höher als jene der Eurozone.

Sie waren bei unserem letzten Gespräch sehr pessimistisch für die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Warum ist es anders gekommen?

Wellershoff: Wir sehen unsere damalige Prognose sehr selbstkritisch. Wir waren zu stark auf die Situation der Industrie fokussiert. Es ist zwar eine Tatsache, dass sich der hiesige Werkplatz in den vergangenen drei Jahren sehr schwergetan hat, was mit Blick auf den immer noch sehr starken Franken und die politischen Unsicherheiten im Verhältnis zur EU auch nicht verwundert. Aber wir haben klar die Entwicklung des privaten Konsums unterschätzt. Neben der Zuwanderung wurde dieser auch durch den Wechselkurs stark angetrieben. Mit dem starken Franken hat sich die Kaufkraft der Bevölkerung erhöht, und das hat dazu geführt, dass beispielsweise mehr langlebige Konsumgüter wie Autos oder ­Uhren gekauft wurden.

Wie geht es weiter?

Wellershoff: Vielleicht verbessert sich die Lage der Industrie wieder etwas. Das gäbe etwas Rückenwind. Mit Blick auf unsere südlichen Nachbarn kann man da allerdings durchaus pessimistisch bleiben. Italien wird sich schwertun, bald aus der Rezession herauszukommen. Beim privaten Konsum laufen die Sonderfaktoren langsam aus. Wachstumsraten von 2 Prozent oder mehr dürften deshalb eher der Vergangenheit angehören. Aber solange die Weltwirtschaft einigermassen vernünftig wächst und sich die Schweiz selber keine weiteren politischen Eier legt, müssten Wachstumsraten von vielleicht 1,5 Prozent auch in Zukunft noch drin liegen.

Sie sagen, die Schweizer hätten eine verzerrte Wahrnehmung von Europa ...

Wellershoff: ... und von sich selbst.

Inwiefern denn?

Wellershoff: Ich lebe seit 27 Jahren hier und habe die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen schon von Berufes wegen sehr genau verfolgt. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der wir so selbstkritisch waren, wie dies derzeit der Fall ist. In meinem Bekanntenkreis tönt es, als bestünde der Bundesrat aus lauter unfähigen Leuten. Dabei ist die Schweiz ein extrem erfolgreiches Land. Sie können das Wachstum der vergangenen Jahre nehmen. 2 Prozent kann kaum ein anderes europäisches Land vorweisen. Oder schauen Sie sich an, wie die Finanzkrise bewältigt wurde. Das Land hat zwei riesige, grundsätzlich überdimensionierte Banken und gehört trotzdem zu den Ländern, die am besten durch die Krise gekommen sind.

Böse Zungen sagen, das alles sei trotz des Bundesrates möglich gewesen.

Wellershoff: Sie meinen das ja ironisch, und ein solches Argument ist in der Tat ein Witz. Die UBS wurde im Wesentlichen durch politische Entscheidungen in ruhigeres Gewässer geführt. Die Politik hat sehr besonnen gehandelt, und sie hat dem Land damit das ganze Ungemach erspart, unter dem viele andere Länder leiden. Ich glaube, ich habe noch kaum einmal einen Schweizer oder eine Schweizerin gehört, die das positiv gewürdigt hätte.

Sie wollten auch über das verzerrte Bild der Schweizer von Europa reden.

Wellershoff: Die Schweiz ist über die Entwicklung in Europa so verunsichert wie noch nie. Ich war doch schon 1992 bei der EWR-Abstimmung hier, und das Thema begleitet uns seither auf Schritt und Tritt. Aber was wir derzeit erleben, ist einmalig. Nehmen Sie die Nationalbank. Sie hat ihre geldpolitische Unabhängigkeit einseitig aufgegeben. Mit der Einführung dieses Euro-Mindestkurses hat die Schweiz einen zentralen Eckstein ihrer Souveränität einfach versenkt. Trotzdem kenne ich niemanden, der die Politik der SNB nicht gut fände. Das ist doch wirklich seltsam.

Sie meinen, die Souveränität der Schweiz innerhalb Europa ist eine Illusion?

Wellershoff: Das haben Sie gesagt. Ich stelle nur fest, dass die Wahrnehmung der Schweizerinnen und Schweizer von ihrem souveränen Land in vielerlei Hinsicht nicht mit der Realität übereinstimmt.

Was halten denn Sie vom Euro-Mindestkurs?

Wellershoff: Ich glaube, es war eine aussergewöhnliche Massnahme, die im Kontext der Eurokrise vor zweieinhalb Jahren verständlich war. Uns ist allerdings nicht ganz klar, wie die Nationalbank da heil wieder herauskommen will. Wir sind uns aber sicher, dass die SNB den Mindestkurs als einmalige Massnahme versteht und dass sie ihn wieder aufheben wird, weil sie die Unabhängigkeit der Schweiz bewahren will. Insofern erwarten wir, dass die Nationalbank ihre derzeitige Politik schneller ändern wird, als sich dies die meisten Leute jetzt noch vorstellen können.

Hat die Goldinitiative nicht ein Unbehagen gegenüber der Politik der Nationalbank zum Ausdruck gebracht?

Wellershoff: Ich bin mir sicher, dass die Nationalbank mit ihrer Politik eine sehr grosse Akzeptanz in der Schweizer Bevölkerung geniesst. Ich glaube, in der Goldinitiative drückt sich eine tief gehende Verunsicherung darüber aus, wie es mit der Schweiz und Europa weitergeht. Und diese Verunsicherung kann ich sehr gut nachvollziehen. Die ganzen Europa-Entscheidungen waren immer sehr eng, und sie wurden in der Mitte entschieden. Jetzt stehen wir in der Schweiz in einem Wahljahr. Es ist absehbar, dass die Linke wie auch die Rechte an dem Thema polarisieren wird. Ich glaube, dass die Verunsicherung zunehmen wird. Viele, die bisher in der Mitte waren, werden nochmals sehr genau darüber nachdenken, ob sie sich nicht doch auf die eine oder andere Seite schlagen sollen. Solange die EU die Schweizer Anliegen ignoriert, werden die Menschen den Eindruck bekommen, dass sich die Schweizer Interessen in der EU besser durchsetzen lassen als ausserhalb. Die Polarisierung treibt die Schweiz in die EU.

Hinweis

Klaus Wellershoff war von 1997 bis 2009 UBS-Chefökonom. Seit 2009 betreibt er in Zürich sein eigenes Beratungsunternehmen. Wellershoff wurde 1964 in Wilhelmshaven an der Nordsee geboren. Nach einer Lehre bei der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim jr. & Cie. absolvierte er ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule St. Gallen. Seit 2011 wirkt er dort als Honorar­professor und präsidiert den geschäftsleitenden Ausschuss der Forschungs­gemeinschaft für Nationalökonomie. Wellershoff ist verheiratet und Vater von vier Söhnen.

Zweifel an einer längeren Erholung in den USA

Wir haben uns zum letzten Mal vor zwei Jahren getroffen. Damals herrschte helle Aufregung. Von einem Auseinanderbrechen der Eurozone war die Rede. Wie stabil ist die Gemeinschaftswährung jetzt?

Klaus Wellershoff: Wir haben schon damals gesagt, dass das Gerede über ein Auseinanderbrechen des Euro an den wirtschaftspolitischen Realitäten in Europa vorbeigeht. Ausserhalb Grossbritanniens und der Schweiz gab es ja auch kaum solche Diskussionen. Die Wahrnehmung der Eurokrise war in diesen beiden Ländern schon immer verzerrt. Ich vermute, das hängt mit der ungeheuren Wertschätzung der eigenen Souveränität der Schweizer und der Briten zusammen. Die Schweiz wäre gut beraten, die Probleme des Euro weniger zu dramatisieren – zum eigenen Vorteil. Im Sommer 2011 wurde der Franken zum Euro ja nicht deshalb so stark, weil alle Europäer nur noch Franken haben wollten. Es waren die Schweizer selber, die ihre Euro-Positionen panisch abgestossen hatten, um sich in den Franken zu retten.

Also rein in den Euro?

Wellershoff: Aus einer Optik der langfristigen Währungsstabilität würde ich diese Frage sicher bejahen. Der Euro bewegt sich gegenüber dem Dollar in einer geringeren Schwankungsbreite, als dies bei der Deutschen Mark der Fall gewesen war. Allein das zeigt, dass man von einer Destabilisierung der Währung überhaupt nicht reden kann. Als der Euro eingeführt wurde, notierte er zum Dollar bei etwa 1.18. Fünfzehn Jahre und eine grosse Eurokrise später notiert die Gemeinschaftswährung immer noch deutlicher über jenem Niveau.

Haben sie Zweifel am Aufwärtstrend der US-Wirtschaft?

Wellershoff: Nein, wir sind sogar sehr optimistisch für Amerika und erwarten in der ersten Hälfte des nächsten Jahres ein Wachstum von 4 Prozent.

Im ersten Quartal 2014 war die US-Wirtschaftsleistung noch rückläufig. Woher kam der Umschwung?

Wellershoff: Es gibt vor allem zwei Gründe dafür. Der eine ist, dass die Unternehmensinvestitionen in den USA bis vor kurzem sehr niedrig waren. In einer solchen Situation ist eine Volkswirtschaft anfällig für relativ kleine Schwankungen im Aussenhandel oder im Konsum. Das hat sich in der Zwischenzeit gebessert. Der andere Grund ist die labile Konsumentenstimmung. Auch diese hat sich stabilisiert, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass der private Konsum mit einem Beitrag von 70 Prozent zum Bruttoinlandprodukt nachhaltig ist und langfristig als Wachstumslokomotive dienen kann.

Was wäre die Folge davon?

Wellershoff: Wir gehen davon aus, dass die Trendwachstumsrate Amerikas in den nächsten Jahren deutlich tiefer sein wird, als wir uns dies bisher gewohnt waren. Wir schätzen, dass das Trendwachstum Amerikas schon jetzt deutlich unter 2 Prozent liegt. Der aktuelle konjunkturelle Aufschwung überdeckt diese Tatsache. Ich bin überzeugt, dass wir hier noch eine grosse Ernüchterung erleben werden.

Auch die Schwellenländer – mit China – zeigen deutliche Wachstumsschwächen. Woher soll die Nachfrage noch kommen?

Wellershoff: Der Haupttreiber für das Wachstum bleibt der Binnenmarkt und für die Schweiz die angrenzenden Länder. Die Bedeutung Chinas wird stark überschätzt. Der jährliche Beitrag Chinas zu unserem Bruttoinlandprodukt entspricht etwa dem Betrag, den wir hierzulande für Alkohol ausgeben. Solange wir es schaffen, die Wertschöpfung beziehungsweise die Produktivität zu steigern und wie in den Vorjahren die Beschäftigung zu erhöhen, können wir hervorragend leben, auch wenn in China die Wachstumsraten kontinuierlich zurückgehen.