Jede vierte Zentralschweizer Firma erwägt Entlassungen

Zentralschweizer Unternehmen erwarten schon bald andere Herausforderungen als noch zu Beginn der Krise.

Gregory Remez
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Sechs Monate. So lange, glauben Schweizer Unternehmen, wird es mindestens noch dauern, bis sich ihre Geschäftstätigkeit wieder normalisiert hat. Besonders von der aktuellen Krise betroffene Industrien wie die Tourismusbranche oder die Aviatik rechnen gar erst in zwei Jahren mit einer Normalisierung. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Umfrage des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse und des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

Bei einigen rollen die Fliessbänder auch in Zeiten der Krise weiter – bei anderen herrscht dagegen totaler Stillstand: Blick in die Produktion des Backwarenherstellers Hug in Malters.

Bei einigen rollen die Fliessbänder auch in Zeiten der Krise weiter – bei anderen herrscht dagegen totaler Stillstand: Blick in die Produktion des Backwarenherstellers Hug in Malters.

Bild: Dominik Wunderli

Es ist bereits die zweite Umfrage unter Schweizer Unternehmen dieser Art; die Ergebnisse der ersten wurden Ende März publiziert. Während damals aber nur 84 Antworten eingegangen waren, kann die aktuelle Studie bereits mit 281 Teilnehmern aufwarten. Und auch wenn die Resultate aufgrund der mangelnden Repräsentativität der Umfrage mit Vorsicht zu geniessen sind, erlauben sie doch gewisse Rückschlüsse auf das aktuelle Stimmungsbild innerhalb der Schweizer Wirtschaft – und das ist ziemlich durchwachsen. So gaben 85 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Lage seit der letzten Befragung verschlechtert hat.

Betroffenheit ist gross, auch in der Zentralschweiz

Ein Blick auf die Umfragedaten aus der Zentralschweiz, die im Auftrag von Economiesuisse von der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) erhoben wurden und unserer Zeitung vorliegen, zeigt, dass die Betroffenheit auch in unserer Region gross ist, wenn auch weniger ausgeprägt. So ist der Anteil der Unternehmen, die seit März eine Verschlechterung festgestellt haben, mit 66 Prozent tiefer als im schweizweiten Vergleich.

Noch frappanter ist die Differenz bei der Beurteilung der im März vom Bundesrat verabschiedeten Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie. Während schweizweit fast die Hälfte der Antwortenden diese negativ beurteilte – in der Westschweiz gar noch mehr –, zeigten sich in der Zentralschweiz nur 16 Prozent der Unternehmen unzufrieden mit den bundesrätlichen Massnahmen, primär jene aus dem Detailhandel und dem Dienstleistungssektor.

Nun ist auch bei diesen Umfrageergebnissen eine gewisse Vorsicht geboten. Aufgrund methodischer Erhebungsdiskrepanzen zwischen den verschiedenen Landesteilen sind die Daten für die Gesamt- und die Zentralschweiz nur bedingt miteinander vergleichbar. «Wir haben in der Zentralschweiz 60 Unternehmen angefragt», erläutert IHZ-Direktor Adrian Derungs die Problematik. «In anderen Landesteilen wurden dagegen nicht nur Unternehmen, sondern auch Branchenverbände angefragt, konsolidiert für ihre jeweilige Branche. Somit ist ein Vergleich über alle Daten hinweg schwierig.»

Rund ein Viertel der Firmen erwägt Entlassungen

Aussagekräftiger wird es hingegen, wenn man die Daten für die Zentralschweiz isoliert betrachtet. So fällt beispielsweise auf, dass sich bei den Unternehmen eine Veränderung der Problemwahrnehmung abzeichnet. Stellte zu Beginn der Krise der Bezug von Vorprodukten, also Verpackungsmaterial, elektronische Komponenten oder Autoersatzteile, noch die Hauptsorge dar, dürften sich in den nächsten zwei Monaten die Nachfrageausfälle im Ausland zur grössten Herausforderung entwickeln (siehe Grafik unten). Zudem dürfte der Anteil jener Unternehmen, die in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, auf über 30 Prozent ansteigen.

Zurückzuführen ist diese Verschiebung der Probleme unter anderem auf die sinkende Konsumentenstimmung, die zunehmenden Sekundäreffekte sowie den Stillstand in wichtigen Absatzmärkten, allen voran in Italien und Frankreich. «Viele Zentralschweizer Unternehmen beklagen einen markanten Nachfragerückgang», kommentiert IHZ-Präsident Andreas Ruch die Resultate. Seit Ausbruch der Pandemie seien ihre Umsätze im Schnitt um 25 Prozent zurückgegangen. Deshalb könne rund ein Viertel der Firmen Entlassungen in den nächsten zwei Monaten nicht ausschliessen – und dies trotz der Einführung von Kurzarbeit.