Wirtschafts-Professor Straubhaar: «Im Vergleich zur Corona-Krise war 9/11 ein bescheidenes Ereignis»

Der Berner Thomas Straubhaar ist einer der angesehensten Wirtschaftsprofessoren Deutschlands. Im Interview sagt er, warum 9/11 im Vergleich zur Corona-Krise ein «bescheidenes Ereignis» war, ob der Corona-Crash das Ende des Kapitalismus bedeutet und wer die Gewinner der Pandemie sind.

Adrian Müller / watson.ch
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Alle Läden zu: Der Lockdown trifft die Schweizer Unternehmen ins Mark. Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar wagt einen Ausblick.

Alle Läden zu: Der Lockdown trifft die Schweizer Unternehmen ins Mark. Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar wagt einen Ausblick.

Keystone/Chris Iseli/Montage_CH Media

Ob der 11. September, der Ölschock in den 70er-Jahren oder der Banken-Crash: Der renommierte Berner Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar (62) hat in seiner Karriere schon viele wirtschaftliche Beben erlebt.

Die Corona-Krise aber hat eine Dimension, die auch er nur erahnen kann. Im watson-Interview beantwortet er die drängendsten Fragen.

Herr Straubhaar, löst das Coronavirus die schlimmste Wirtschaftskrise aller Zeiten aus?

Thomas Straubhaar: Ja, für die Nachkriegszeit auf jeden Fall. Im Vergleich zur Corona-Krise waren 9/11 oder der Finanzmarkt-Crash von 2008 bescheidene, kurzfristige Ereignisse. Ich habe noch nicht annähernd einen derartigen Wirtschaftsschock erlebt wie jetzt beim Coronavirus. Die Auswirkungen dieser Pandemie sind völlig unvorhersehbar. Der Corona-Crash wird deshalb gerade auch für die Wirtschaft eine Wucht haben, die wir noch kaum abschätzen können. Er wird viel grösser sein als alles, was die Nachkriegsgenerationen bislang erlebt haben.

«Im Vergleich zur Corona-Krise waren 9/11 oder der Finanzmarkt-Crash von 2008 bescheidene, kurzfristige Ereignisse.»

Warum?

Zuerst kommen die unmittelbaren Folgen der vielen Erkrankungen. Noch unterschätzen aber die Regierungen, was der aktuelle Vollstopp der realen Wirtschaft für die Gesellschaft bedeutet. Der Angebotsschock reisst ganze Wertschöpfungsketten auseinander und ganze Wirtschaftszweige in den Abgrund. Von einem Tag auf den anderen und für längere Zeit. Das hat es noch nie gegeben.

Was denken Sie: Sind die wirtschaftlichen Folgen schlimmer als nach dem 2. Weltkrieg oder der spanischen Grippe vor 100 Jahren?

Solche historischen Krisen darf man nicht miteinander vergleichen, das ist ethisch-moralisch nicht gerechtfertigt. So dramatisch die Corona-Krise ist, davon sollte man die Finger lassen.

Wegen der Corona-Krise ist eine Rezession unausweichlich. Wie lange dauert die Talfahrt der Wirtschaft an?

Noch ist völlig unklar, wie lange der Lockdown bestehen bleibt. Im besten Fall einige Wochen oder Monate. Im schlimmsten Fall bleibt der Alltag jedoch beeinträchtigt, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar ist. Das könnte noch über ein Jahr dauern. So oder so wird die Wirtschaft lange brauchen, den Schock zu verdauen. Ich vermute, dass wir die nächsten ein bis zwei Jahre von der Hand in den Mund leben müssen. Eine Rückkehr zur Normalität könnte entsprechend lange dauern. Wer hofft, dass sich die Sache bis im Sommer wieder normalisiert, macht sich Illusionen. Der dem Angebotsschock folgende Nachfrageschock kann nicht aufgeholt werden.

«Ich vermute, dass wir die nächsten ein bis zwei Jahre von der Hand in den Mund leben müssen.»
Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar.

AP

In die Schweiz: Der Bundesrat hat bislang erst zehn Milliarden Soforthilfe gesprochen. Das ist wenig im Vergleich zu anderen Ländern. Wie beurteilen Sie das zögerliche Vorgehen der Landesregierung?

Ich muss den Bundesrat etwas in Schutz nehmen. Wenn ich die nächsten Monate irgendwo auf der Welt leben möchte, dann in Mitteleuropa und besonders in der Schweiz oder Deutschland. Hier sind die Voraussetzungen vergleichsweise weitaus am besten, die Krise zu bewältigen. Der Bundesrat ist nun gut beraten, nichts zu überstürzen und die einzelnen Massnahmen genau abzuwägen. Bei jeder Krisenbewältigung gibt es die Tendenz, zu überborden. Die richtige Balance zu finden, ist sehr schwierig. Denn es geht für viele Menschen um Leben und Tod, aber eben auch um existenzielle Bedrohungen jenseits des Coronavirus. Es darf nicht sein, dass Unternehmen Finanzhilfen massenhaft missbrauchen können. Ein Beispiel: In Deutschland versucht etwa gerade die aus strukturellen Gründen ohnehin angeschlagene Autoindustrie, die Corona-Krise auszunutzen, um an Staatsgelder zu kommen.

Ob Barbesitzer, Coiffeuse oder Kulturveranstalter: Die Krise trifft besonders Selbstständigerwerbende hart. Dies, weil sie weder Kurzarbeit beantragen können noch Arbeitslosengeld erhalten. Dänemark etwa zahlt nun den Betroffenen ab sofort 80 Prozent des Lohnes. Muss die Schweiz nachziehen?

Unbedingt, es braucht jetzt massive Soforthilfen für die Wirtschaft. Der Staat muss sofort einspringen. Und zwar zu allererst für die Kleinbetriebe. Sonst droht tausenden KMU's der Bankrott. Das wäre verheerend für die Wirtschaft und die Gesellschaft.

Zur Person: Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar (62) ist seit 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Uni Hamburg. Von 2005 bis 2014 war Straubhaar zudem Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Er studierte in Bern und ist in Interlaken aufgewachsen.

Thomas Straubhaar (62) ist seit 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Uni Hamburg. Von 2005 bis 2014 war Straubhaar zudem Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Er studierte in Bern und ist in Interlaken aufgewachsen.

Braucht es jetzt ein Grundeinkommen für alle?

Ich habe schon lange in der Vergangenheit für ein Grundeinkommen plädiert. Aber jetzt ist der falsche Zeitpunkt dafür. Diese Diskussion müssen wir nach der Krise führen, sie ist dringender denn je. Konsumchecks im Wert von 1000 Dollar in die Haushalte zu schicken, wie das die USA jetzt tun, trifft eben momentan nicht den Kern der Sache – die Menschen sollen ja zuhause bleiben und nicht shoppen gehen. Vielmehr sollte der Staat beispielsweise Steuern stunden und Firmen zinslose, langlaufende Kredite geben.

Blicken wir nach Italien. Das Land ist auch in normalen Zeiten knapp bei Kasse. Droht dort jetzt wegen des landesweiten Lockdowns eine Massenarbeitslosigkeit?

Es ist noch viel zu früh zu sagen, welche Effekte der Lockdown tatsächlich auf Italien hat. Dort genauso wie auch im übrigen Europa. Es ist gut möglich, dass die Menschen in Zukunft wieder viel stärker auf die lokale Produktion zurückgreifen, lokale Dienstleistungen vor ausländischen bevorzugen. Die Wirtschaft wird sich irgendwann wieder stabilisieren, aber auf tieferem Niveau. Die Lebensbedingungen werden sich im Schnitt aber verschlechtern. Nicht nur in Italien.

«Es ist gut möglich, dass die Menschen in Zukunft wieder viel stärker auf die lokale Produktion zurückgreifen. Lokale Dienstleistungen vor ausländischen bevorzugen.»

Sie sagen, die Leute bevorzugen nach der Krise wieder vermehrt lokale Produkte. Bedeutet das Coronavirus das Ende des Kapitalismus?

Ich habe schon bei der Klimadiskussion, Big Data, und der künstlichen Intelligenz gesagt, dass wir wirtschaftliche Dinge radikal neu denken müssen. So wie bis anhin kann und darf es nicht weitergehen – gerade auch der ökonomischen Effizienz wegen. Aber mitten in der Corona-Krise ist der falsche Zeitpunkt, um über einen Systemwechsel zu diskutieren. In den nächsten ein, zwei Jahren geht es um existenzielle Probleme: Wie verhindern wir, dass zu viele Menschen gesundheitlich zu stark leiden? Wie verhindern wir Massenarbeitslosigkeit? Wir müssen dafür sorgen, dass sich aus der Corona-Krise keine gesellschaftliche Krise entwickelt.

Bei jeder Krise gibt es Gewinner. Wer sind die beim Coronavirus?

Die Digitalisierung beschleunigt sich massiv. Und der Onlinehandel profitiert natürlich extrem. Ich bestelle nun fast alle Produkte online. Das habe ich vorher nicht in diesem Ausmass gemacht.