Wirtschaftskrimi in Kanada: Die Suche nach dem Code

In Kanada spielt sich aktuell ein wahrer Wirtschaftskrimi ab: Der Gründer einer Kryptobörse wird für tot erklärt. Doch nur er hat die Schlüssel für die Geldreserven. War der Tod bloss vorgetäuscht?

Adrian Lobe
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Gerald Cotten - Gründer der kanadischen Kryptobörse QuadrigaCX - litt an Morbus Crohn. (Bild: Facebook)

Gerald Cotten - Gründer der kanadischen Kryptobörse QuadrigaCX - litt an Morbus Crohn. (Bild: Facebook)

Es klingt wie der Plot eines Wirtschaftskrimis: Der Gründer einer Kryptobörse stirbt an einer seltenen Krankheit. Er hinterlässt einen Laptop, auf den allerdings niemand Zugriff hat ausser der Verstorbene selbst. Das Passwort und der Wiederherstellungsschlüssel sind verschollen. Doch der Reihe nach. Am 9. Dezember 2018 verstirbt der 30-jährige Gerald Cotten, Gründer der kanadischen Kryptobörse QuadrigaCX, auf einer Indien-Reise unerwartet an den Folgen von Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Das Unternehmen gibt die Todesnachricht allerdings erst am 14. Januar 2019 auf Facebook bekannt.

Nach dem Tod kamen die Kunden von QuadrigaCX nicht mehr an ihre Einlagen heran. Quadriga zählte 363000 registrierte Nutzer, 115000 davon hatten Bargeld oder Bitcoin im Wert von 145 Millionen US-Dollar hinterlegt. Cotten war der Einzige, der über den Zugangscode verfügte. Cottens Witwe, Jennifer Robertson, sagte, der Laptop, von dem aus ihr Mann die operativen Geschäfte führte, sei verschlüsselt. Trotz wiederholter Suchen sei es ihr nicht gelungen, das Passwort oder den Wiederherstellungsschlüssel zu finden.

Fehlerhafter Totenschein

Die Mitarbeiter von QuadrigaCX versuchten derweil fieberhaft die Geldreserven auf den sogenannten Cold Wallets zu erschliessen. Der Hintergrund: Bei einer Kryptobörse wird aus Sicherheitsgründen nur ein Teil der Einlagen tatsächlich auf einem Bitcoin-Wallet verwaltet. Der Rest wird an Cold Wallets transferiert, um sie vor allfälligen Hackerangriffen oder virtuellen Diebstählen zu schützen. Der für die Auszahlung notwendige Schlüssel wird dabei nicht auf einem Rechner selbst, sondern auf einem Offlinegerät wie zum Beispiel einem USB-Stick gespeichert. Doch auch dieser war nicht auffindbar. In einer Pressemeldung teilte das Unternehmen mit: «Quadriga war ausserstande, die Cold Wallets zu erschliessen.»

Um mögliche Ansprüche abzuwehren, hat Cottens Witwe bei einem Gericht in Nova Scotia einen Antrag auf Gläubigerschutz gestellt, dem die Richter zustimmten und bis April verlängerten. Die Kryptobörse hat sich damit etwas Zeit erkauft. Den Anlegern kommt die Sache jedoch spanisch vor. Im Online­forum Reddit kursieren derweil allerlei Verschwörungstheorien. Cotten könnte den Tod bloss vorgetäuscht haben und mit dem Geld untergetaucht sein. Nutzer melden auch Zweifel an der Echtheit des Totenscheins an, den die indischen Behörden ausgestellt hatten. Auf dem Dokument ist der Name falsch geschrieben. Ferner müsse es möglich sein, den Laptop zu hacken, um so an den Schlüssel zu gelangen. Was die Gerüchteküche weiter anheizt, ist die Tatsache, dass Cotten zwölf Tage vor seinem angeblichen Tod ein Testament verfasst hat. Darin verfügt er, dass alle Vermögensposten seiner Frau übertragen werden. Dazu zählen mehrere Grundstücke, ein Auto, eine Jacht sowie ein Privatjet.

Leergeräumter Cybertresor

Ist das Ganze also ein abgekartetes Spiel? Vor wenigen Tagen gab es in dem Fall nun entscheidende Hinweise: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die im Rahmen eines Restrukturierungsprozesses mit der Überwachung der Finanzen beauftragt wurde, fand bei ihren Prüfungen heraus, dass die digitalen Tresore bei QuadrigaCX leer sind. Laut dem Bericht wurde die letzte Transaktion auf einem der sechs identifizierten Cold Wallets am 3. Dezember 2018 durchgeführt – sechs Tage vor dem vermeintlichen Tod Cottens. Nun muss man wissen, dass man bei der Prüfung einer Kryptobörse nicht einfach in die Bücher schauen kann, sondern cyberforensische Kenntnisse benötigt, um Kontobewegungen festzustellen. In dem Bericht heisst es, die identifizierten Konten seien unter verschiedenen Pseudonymen geführt worden. Wollte Cotten also Transaktionen verschleiern? Wollte er die Kontrolleure in die Irre führen? Sicher ist: Die Coins sind bis auf weiteres verschollen.

Ob der Tod des Quadriga-Gründers nur vorgetäuscht ist und dieser möglicherweise unter falscher Identität weiterlebt, wird die Öffentlichkeit wohl nie erfahren. Die Anleger müssen sich darauf einstellen, dass sie ihr Geld so schnell nicht wiedersehen.