Euro
Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann: Amerikaner wollen Euro zerstören

Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann erklärt, warum die Amerikaner den Euro mit gezielten Spekulationen vernichten wollen. Er zeigt auf, wie ein gegenüber dem Euro anhaltend starker Franken zu massiven Arbeitsplatzverlusten führen kann. Und er vermutet, dass die UBS und Credit Suisse zusammen 2600 Milliarden Franken an Euro-Anleihen in Schrottpapieren rückversicherten.

Vasilije Mustur
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Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann

Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann

Herr Wittmann, wie schlimm steht es um den Euro?
Walter Wittmann: Es geht ihm nicht gut. Doch der Euro ist nicht vom Untergang bedroht.

Warum nicht?
Wittmann: Griechenland trägt mit seiner Volkswirtschaft nur zwei Prozent zur gesamten Ökonomie des Euro-Raumes bei. Darüber hinaus exportiert Deutschland nur drei Prozent nach Griechenland. Von den Proportionen her, ist das Euro-Problem marginal.

Wie erklären Sie sich dann, dass der Euro derart unter Druck ist?
Wittmann: In New York wurde begonnen, gegen den Euro zu wetten. Die Amerikaner wollen den Dollar stärken und den Euro schwächen. Die USA hatte von Anfang an etwas gegen den Euro. Früher sagten sie: Der Euro wird nicht kommen. Als er trotzdem kam, behaupteten sie, dass er nicht lange überleben wird.

Sie wollen also damit sagen, dass die angelsächsische Finanzindustrie - darunter auch Banken - den Euro vernichten will!
Wittmann: So ist es. Die Spekulanten verkaufen an der Börse Euro in grossen Mengen. Sie müssen wissen: Der Dollar war lange Zeit die Weltwährung - auch für Währungsreserven. Heute halten die Notenbanken weltweit 30 Prozent ihrer Geldreserven in Euro. Die Amerikaner mögen es nicht, wenn jemand ihren Dollar konkurrenziert. Zudem waren sie immer gegen den politischen Zusammenschluss innerhalb Europas. Sie sehen es lieber, wenn sich die Europäer untereinander streiten. Dann kann die USA davon profitieren.

Trotzdem glauben Sie nicht daran, dass der Euro auseinander bricht.Wittmann: Nein. Er kann sich zwar weiter abschwächen, doch dann wird irgendwann wieder die Gegenbewegung in Gang gesetzt. Wenn die angelsächsischen Finanzinstitute den Euro genug geschwächt haben, werden sie die Spekulationskurve wieder nach oben treiben, damit sie wieder Geld verdienen. Dieses Spiel läuft zyklisch ab.

Wann ist der Euro in Gefahr?Wittmann: Erst dann, wenn die Europäische Zentralbank im grossen Stil beginnt, Geld zu schöpfen.

Was meinen Sie damit?Wittmann: Wenn die EU beschliesst, dass die Europäische Zentralbank beliebig marode Staatsanleihen der wankenden Staaten kaufen soll, dann läuft die EU in ein grösseres Problem hinein. Drittpersonen, welche griechische Staatsanleihen halten, könnten die Staatsanleihen an der Frankfurter Börse der Europäischen Zentralbank verkaufen. Um diese Anleihen zu kaufen, muss die Zentralbank Geld drucken.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die EU der Zentralbank den Auftrag gibt, diese maroden Anleihen zu kaufen?Wittmann: Derzeit wird in Brüssel in dieser Sache Druck auf die Zentralbank ausgeübt. Setzt sich die EU durch, wäre dies eine nachhaltige Schwächung des Euro. Wenn eine Notenbank mehr Geld drucken muss, um Staatsanleihen aufzukaufen, hat das Inflationspotential. Das Schlimmste, was uns blühen könnte ist, dass wir das Vertrauen in die Währung verlieren und sich Bevölkerung und Wirtschaft weigern Ware für den Euro herzugeben. So treiben sie die Warenpreise in die Höhe. Dann hätten Sie eine Inflation in einer Wirtschaftskrise.

Was hätte die Inflation für Folgen?
Wittmann: Die Inflation hat auch Vorteile. Für den Staat ist die Inflation attraktiv, denn er kann sich so seiner Schulden entledigen, denn durch die Geldentwertung würden die Staatsschulden entwertet. Der Ablauf eines Staatsbankrotts läuft in der Regel so ab: Der Staat führt die Inflation herbei, danach sind die Schulden nichts mehr wert und der Staat hat das Problem weginflationalisiert.

Aber für die Normalbürger hätte die Inflation katastrophale Folgen.
Wittmann: Wenn die Inflation nicht ausgeglichen wird, verlieren die Löhne an Kaufkraft.

Sie sind auch der Meinung, dass es dem Euro heute besser gehen würde, wenn die EU Griechenland fallen lassen würde. Warum?Wittmann: Weil sich durch den Konkurs die Hälfte der Schulden abschreiben lassen.

Was kann die Schweiz tun, damit der Euro nicht noch schwächer wird?Wittmann: Die Schweiz kann nicht viel tun. Die Nationalbank hat einzig Mengen Schweizer Franken verkauft und im Gegenzug Euro gekauft, um den Franken nicht zu stark werden zu lassen.

Wie viel Reserven an Euro hält die Nationalbank derzeit?Wittmann: Zwischen 80 und 90 Milliarden Franken. Damit der Frankenkurs nicht steigt. Das Pulver ist jetzt aber verschossen, weil die Nationalbank ansonsten Geld drucken müssten, wenn die Währungshüter weiter Euro ankaufen wollen. Das Vertrauen in den Euro kommt erst zurück, wenn die Griechenland-Rettung gelingt.

Wie geht es weiter, wenn es der Nationalbank nicht gelingt, den Franken künstlich schwach zu halten?Wittmann: Wenn der Euro noch schwächer wird und der Franken so stark wird, dass die Schweiz ihre Güter nicht mehr exportieren kann, müssen wir den Franken an den Euro binden.

Was heisst das konkret?Wittmann: Wir fixieren einen fixen Kurs zum Euro. So verhindern sie, dass der Schweizer Franken stärker wird. Diesen Kurs müssen wir aber in der Lage sein, zu verteidigen. Und wenn nichts mehr funktioniert, dann müssen wir den Euro übernehmen. Das sind wir das Problem los. Dann kriegen aber 69 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ein Magengeschwür.

Was würde geschehen, wenn der Euro zusammenbrechen würde?Wittmann: Dann würde Chaos herrschen.

Offenbar werden die maroden Staatsanleihen von den Schweizer Banken rückversichert. Stimmt das?Wittmann: Ja. Die UBS allein hat 1400 Milliarden Franken an Euro-Anleihen rückversichert. Die Credit Suisse etwa 1200 Milliarden Franken.

Aus welchen Ländern stammen diese rückversicherten Anleihen?Wittmann: In der Regel rückversichern Banken Anleihen von diesen Ländern, bei denen man sich nicht sicher fühlt. Stellen Sie sich vor: Wenn nur fünf Prozent ausfallen, dann haben die Banken bereits kein Eigenkapital mehr.

Der tiefe Euro ist auch ein Problem für die Schweizer Exportwirtschaft.Wittmann: Wenn der Euro um zehn Prozent sinkt, ist die Schweizer Exportindustrie zehn Prozent teurer, als die Konkurrenz. Ich teile die Ansicht, dass schweizerische und ausländische Firmen mit Sitz in der Schweiz die Produktion in den Euro-Raum verlagern könnten, falls der Euro weiterhin so tief bleiben sollte.

Das hätte einen massiven Stellenabbau zur Folge.Wittmann: Natürlich.

In welchem Ausmass?
Wittmann: Das ist schwer zu sagen. In den 90iger Jahren verlagerte die Schweizer Exportwirtschaft aus der Schweiz 500000 Arbeitsplätze in fünf Jahren.