ZAHLUNGSMITTEL: WIR-Genossenschafter stellen die Vertrauensfrage

Beim alternativen Zahlungsmittel WIR ist der Machtkampf noch nicht ausgestanden. Die Opposition nutzt die Generalversammlung von Mittwoch zur Kraftprobe. Der Showdown ist vorprogrammiert.

Daniel Zulauf
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Die WIR-Bank in Basel. (Bild: Arnd Wiegmann/Reuters (5. Mai 2017))

Die WIR-Bank in Basel. (Bild: Arnd Wiegmann/Reuters (5. Mai 2017))

Daniel Zulauf

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

René R.* ist unglücklich. Was bei der WIR in Basel seit einiger Zeit abgehe, sei «unhaltbar». Die neuen Geschäftsbedingungen und die Art und Weise, wie sie der Verwaltungsrat und die Geschäftsführung durchsetzen, seien schlicht «nicht mehr tragbar». Der Inhaber einer Büromöbelhandelsfirma fühlt sich als Direktbetroffener zum Handeln gezwungen.

René R. ist seit 32 Jahren Mitglied der WIR-Genossenschaft. Er sagt: «Wenn wir nichts unternehmen, könnte es sein, dass es uns bis in zehn Jahren nicht mehr gibt.» Morgen Mittwoch um 10 Uhr werden sich die WIR-Genossenschafter in Basel zur ordentlichen Generalversammlung treffen. Opposition ist dabei zu erwarten. Je nach deren Stärke könnten René R. und seine Mitstreiter bald die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung verlangen. Entsprechende Vorbereitungen dafür hat René R. unlängst bereits getroffen. Über einen von ihm selber mitbegründeten Verein, der sich selber auch im Internet präsentiert, sucht der KMU-Unternehmer nach Gleichgesinnten für das Vorhaben.

Die WIR-Bank wurde 1934 während der Wirtschaftskrise als Selbsthilfeaktion des Gewerbes gegründet mit dem Ziel, dass sich die Betriebe gegenseitig Geschäfte zuhalten. Doch die Umsätze in WIR-Franken sind als Folge des extrem tiefen Zinsniveaus und aus anderen Gründen seit vielen Jahren rückläufig. René R. kritisiert die Gegenmassnahmen der WIR-Leitung als wirkungslos und sogar als schädlich.

Kritik an geänderten Geschäftsbedingungen

Eine im November vorgenommene Änderung der allgemeinen Geschäftsbedingungen hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Höhere und einheitliche Netzwerkbeiträge für alle WIR-Teilnehmer, zwingende Offenlegung der bisher stillen WIR-Teilnehmer, Annahmeverpflichtungen für alle WIR-Teilnehmer: Das sind Massnahmen, die nach Meinung von René R. geeignet sind, die Zahl der WIR-Teilnehmer weiter schrumpfen statt wachsen zu lassen.

Trotzdem haben seine ersten beiden Aufrufe für eine ausserordentliche Versammlung der insgesamt rund 2100 Genossenschafter nicht so gefruchtet, wie er sich das noch im April erhofft hatte. Zwar hätten sich mehr als 215 Genossenschafter durch Unterzeichnung eines Formulars bereiterklärt, an einer ausser­ordentlichen Generalversammlung direkt oder indirekt zu partizipieren – was nach den Statuten auch reichen würde, eine solche Versammlung durchzuführen. Doch René R. hatte mit 500 positiven Zuschriften gerechnet. Deshalb will er über das weitere Vorgehen erst nach der ordentlichen Generalversammlung von morgen entscheiden.

Auf die leichte Schulter nehmen kann die Leitung der WIR-Bank-Genossenschaft den Widerstand aus der Basis trotzdem nicht. Die Generalversammlung sei unabhängig von der Anzahl ihrer Teilnehmer beschlussfähig, sagt Sprecher Volker Strohm auf Anfrage. Wie viele Genossenschafter jeweils an die Veranstaltung kommen, gibt die Bank in ihren entsprechenden Medienmitteilungen nicht bekannt. Es dürften aber selten mehr als 200 sein. Die meisten kämen ohnehin nur fürs Essen, meint René R. Vor diesem Hintergrund ist nicht auszuschliessen, dass die Zahl der üblichen Teilnehmer an einer ausserordentlichen Generalversammlung deutlich geringer und das Gewicht der Opposition deshalb deutlich grösser ausfallen könnte. Für eine Statutenänderung seien zwei Drittel der anwesenden Stimmen notwendig, sagt Volker Strohm.

Vor zwei Jahren war René R. in der Generalversammlung schon einmal vorgeprellt und hatte die Wiederaufnahme eines regelmässigen Versandes der Adressen aller aktuellen Genossenschafter verlangt. Der Antrag sei gemäss Strohm «grossmehrheitlich» abgelehnt worden. René R. sagt, er habe 85 von 209 Stimmen erhalten. Um die Opposition dennoch zu organisieren, reiste er im April nach Basel, um die 2100 Namen der Genossenschafter während sechseinhalb Stunden unter Aufsicht eines WIR-Mitarbeiters handschriftlich abzuschreiben. Die Begründung der Bank, ihrem Genossenschafter diese Arbeit zuzumuten, klingt distanziert: «Gemäss Statuten liegt das Verzeichnis auf sämtlichen Filialen der WIR-Bank zur Einsicht auf. Eine Digitalisierung ist daher nicht vorgesehen.»

Hinweis: * Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.