Lohnherbst kommt in Fahrt – «Es ist Zeit für einen deutlichen Lohnschub»

Der Gewerkschaftsbund fordert 2 bis 2,5 Prozent höhere Saläre für das kommende Jahr. Er sieht grossen Aufholbedarf. Den orten die Arbeitgeber nicht bei den Entschädigungen, sondern bei den Investitionen.

Rainer Rickenbach
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Laut Gewerkschaftsbund sollen Arbeitnehmer mehr vom Wirtschaftswachstum profitieren. (Bild: Laurent Gillieron/Keystone (Aubonne, 29. Juni 2017))

Laut Gewerkschaftsbund sollen Arbeitnehmer mehr vom Wirtschaftswachstum profitieren. (Bild: Laurent Gillieron/Keystone (Aubonne, 29. Juni 2017))

Trotz respektablem Aufschwung war 2017 für die Arbeitnehmenden kein gutes Jahr. Zwar stiegen die Löhne leicht (siehe Grafik). Doch die Teuerung von einem halben Prozent machte den ohnehin geringen Zuwachs zunichte. Unter dem Strich blieb eine um 0,1 Prozent geschmälerte Kaufkraft.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) findet mit Blick auf das gefestigte Wirtschaftswachstum, es sei Zeit für einen deutlichen Lohnschub. Ihm schweben Lohnerhöhungen in der Bandbreite von 2 bis 2,5 Prozent für alle Angestellten vor. Die schwierigen Jahre mit der Finanzkrise und der Frankenüberbewertung seien von Lohnsta­gnation geprägt gewesen. «Deshalb ist es höchste Zeit für eine reale Lohnrunde», sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner gestern, als er an einem Medientermin den Lohnherbst lancierte. Die Krankenkassenprämien seien der Lohnentwicklung enteilt und wegen des schwächeren Frankens tendiere auch die Teuerung wieder nach oben.

Mini-Erhöhungen und Minusteuerung

Dramatische Schilderungen begleiten Lohnverhandlungen, seit es sie gibt. Ganz so schlimm, wie es Rechsteiner darstellt, haben sich die Saläre in den letzten zehn Jahren nicht entwickelt. Der jährliche Reallohnzuwachs zwischen 2013 und 2017 belief sich immerhin auf durchschnittliche 0,9 Prozent. Nicht weil die Löhne in die Höhe schossen, sondern weil die Preise sanken (Minusteuerung). 2015 und 2016 schaute unter dem Strich sogar ein Kaufkraftzuwachs von über 1 Prozent heraus.

Beim Arbeitgeberverband beurteilt man die Lohnkurve denn auch anders. «Die Arbeitnehmer haben in den zurückliegenden Jahren trotz schwachem Konjunkturgang von deutlichen Lohnsteigerungen profitiert», sagt Verbandssprecher Fredy Greuter. «Die Kaufkraft der Arbeitnehmenden hat sich in der jüngsten Vergangenheit – wie schon in den Jahrzehnten davor – weiterhin kontinuierlich verbessert. Von einem Nachholbedarf bei den Löhnen kann also keine Rede sein.» Ein Blick auf die Einkommensverteilung des Bruttoinlandproduktes (BIP) mache deutlich, wie die Unternehmensgewinne in den letzten Jahren deutlich weniger zugelegt haben als die Entlöhnung. Der Anteil der Arbeitseinkommen an der gesamten Wirtschaftsleistung ist gemäss Greuter gestiegen. Gelitten habe unter dieser Entwicklung hingegen die Produktivität. Die Schweiz stelle dort im internationalen Vergleich bloss noch Mittelmass dar. Greuter: «Die Schere zwischen Lohnentwicklung und Produktivität hat sich bedenklich geöffnet.» Nicht zuletzt deshalb müssten zahlreiche Unternehmen jetzt nach Jahren mit einem starken Margendruck wegen des überbewerteten Frankens erst einmal aufgeschobene Ersatzinvestitionen tätigen.

Auf dem Bau soll es 150 Franken mehr geben

Mit der Währung argumentieren auch die Gewerkschafter. Der Franken sei schwächer als noch vor gut einem Jahr, was der Schweizer Wirtschaft bessere Wachstumschancen eröffne. Hinzu komme, dass die Suva den Industriefirmen 2019 einen Rabatt von durchschnittlich 15 Prozent auf die Prämien für die Berufsunfallversicherung gewähre und die Lohnnebenkosten damit sinken.

Ein Dorn im Auge ist der Arbeitnehmerorganisation, dass mehr und mehr Firmen zwar die Lohnsumme ausdehnen, jedoch nur ein Teil der Angestellten auch etwas davon hat. «Die Lohnerhöhungen müssen generell gewährt werden. Es darf nicht sein, dass drei Viertel der gewährten Lohnerhöhungen individuell verteilt werden. Denn davon profitieren insbesondere die höheren Einkommen», so Rechsteiner. Individuelle Lohnerhöhungen würden mehr Leistungsanreiz bieten, hält Greuter dagegen. «Generelle Lohnerhöhungen sollen dort erfolgen, wo Leistungen für das Unternehmen gemeinschaftlich im Zusammenspiel der Mitarbeitenden erbracht wurden und nicht einzelnen Mitarbeitenden zugewiesen werden können», sagt er.

Die Gewerkschaftsorganisationen haben für einige Branchen ihre Forderungen konkretisiert. Auf dem Bau soll es generell 150 Franken mehr monatlich geben, für Pharmaunternehmen verlangen sie ein Plus von 3 Prozent. In staatsnahen Unternehmen wie Swisscom oder Post halten sie mindestens 2 Prozent mehr Gehalt für angemessen. Die verbesserte Finanzlage von Bund und Kantonen lasse ihrer Ansicht nach auch deutliche Lohnerhöhungen beim Staatspersonal zu.