Geschichte
Zeit ist Geld: der Zins als Wert für die Gegenwartspräferenz

Geld für geliehenes Geld zu fordern, galt lange als unmoralisch. Dabei ist der Zins nur ein Mass unserer Ungeduld. Unser Redaktor erklärt anhand von anschaulichen Beispielen, dass der Zins viel menschlicher ist als sein Ruf.

Tommaso Manzin
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«Der Geldwechsler und seine Frau» des flämischen Malers Quentin Massys aus dem Jahr 1514.

«Der Geldwechsler und seine Frau» des flämischen Malers Quentin Massys aus dem Jahr 1514.

Quentin Massys/Wikipedia

Zeit ist Geld. Das ist in der Arbeitswelt so. Wir werden entschädigt, wenn wir unsere Zeit zur Verfügung stellen, obwohl uns sicher etwas Besseres einfallen würde. Auch im Kreditwesen ist es so: Wir verlangen für das Überlassen von Geld etwas. Denn wir können das Geld für die Laufzeit des Kredits nicht nutzen. Noch schlimmer: Vielleicht sehen wir das Geld auch nie wieder.

Der Zins ist also der Preis für das Überlassen von Kapital. Er ist ein Mass für die Gegenwartspräferenz, also die Intensität, mit der wir etwas lieber jetzt als später nutzen. Je nachdem, wie gut die Aussichten sind, mit dem Geld Besseres anzufangen – durch Konsum oder alternative Investitionen –, desto grösser der Widerwille, es auszuleihen.

In guten Wirtschaftszeiten ist der Zins daher höher. Genau deshalb hat die US-Notenbank die Zinsen am Mittwoch erstmals seit Jahren erhöht: Sie hält die Wirtschaft offenbar endlich für stark genug, um höhere Renditen zu erzielen und daher mit höheren Zinsen zu leben.

Wir leben lieber jetzt als später
Ein wichtiges Prinzip in der Wirtschaft geht so: Kaufe ich ein Buch, habe ich gleichzeitig entschieden, nichts anderes zu kaufen mit demselben Geld. Und beginne ich zu lesen, kann ich nichts anderes lesen – und auch nicht etwa Fahrrad fahren. Zu den Kosten jeder Handlung gehört der entgangene Nutzen einer deswegen unterlassenen Alternative.

Gier, Geld und Geist

Seit den Anfängen des Münzwesens werden Zins und Geldverleih mit Argwohn betrachtet. Für Aristoteles (4. Jh. v. Chr.) war der Zins widernatürlich, weil der Gewinn aus dem Münzgeld selber stamme, nicht aus der Verwendung. Zins sei «Geld, gezeugt von Geld». In verschiedenen Religionen wurden Zinsverbote aufgestellt. Den Juden wurde das Nehmen von Zinsen untereinander untersagt, Fremden gegenüber aber erlaubt. Für Christen galt das Verbot formell bis in das 18. Jahrhundert. In einigen islamischen Staaten ist jegliches Nehmen von Geldzinsen Wucher. In der Praxis wurden und werden Zinsverbote umgangen, denn Fakt ist: Seit es Eigentum gibt, wird Zins verlangt und gezahlt. Daher wurde schon in den ersten Hochkulturen die Höhe des Zinses oft begrenzt. In Mesopotamien galt ein Maximalzins von 20 Prozent für Silberkredite. Im klassischen Griechenland und im Römischen Reich sind Zinssätze von 6 bis 10 Prozent überliefert. Im Mittelalter bestand kein geregeltes Bankwesen. Erst in der Renaissance entwickelte sich, ausgehend von Norditalien, wieder ein Bankwesen, begünstigt durch das Aufkommen des Fernhandels in Venedig, Pisa, Genua, Florenz und in Portugal, sowie im 15. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Belgien und der Niederlande.

Den entgangenen Nutzen nennt die Ökonomie Opportunitätskosten. Auf Kredite übertragen heisst das: Je besser die Alternativen, in die wir das Geld stecken könnten, desto höher die Opportunitätskosten und daher der Zins. Und noch ein weiterer Punkt, der wichtig ist. Je höher die Inflation, desto weniger ist eine Geldeinheit in Zukunft wert. Verlangen wir pro Jahr 3 Prozent Zins für ein Jahr ohne Inflation, wollen wir bei einer Teuerung von 2 Prozent insgesamt für das Jahr 5 Prozent Zins.

Der Zins, das sollen die Beispiele zeigen, ist also menschlicher als sein Ruf. Er ist ein Barometer unseres Gefühls, dass die Zukunft ungewiss ist. Wir leben lieber jetzt als später. Und so, wie jede Gefahr schrumpft, je weiter sie in der Zukunft liegt, genau so schwindet auch jeder Nutzen, je länger wir warten müssen.

Für einige Religionen ist der Zins als Ausdruck von Gier dennoch des Teufels. Er ist ein Gewinn, der ohne Arbeit anfällt und damit ungerechtfertigt ist. Schlaue Köpfe entgegneten: Der Zins sei kein Gewinn, sondern die Vermeidung eines Verlusts.

Ja, er sei die Kompensation eines asketisch angehauchten Verzichts zugunsten einer ungewissen Zukunft. Religionen müssten gerade dafür ein feines Gehör haben: Was ist nämlich das Paradies anderes als der Lohn für Verzicht auf Erden?

Lange galt ein Zinsverbot
Kommt hinzu, dass das Zinsverbot, das die katholische Kirche lange predigte, die Kreditvergabe in die Illegalität verschob. Wegen der drohenden Strafen wurde sie riskanter, die Zinsen stiegen. Die meisten Staaten kennen eine Obergrenze, ab der Zins als Wucher gilt.

In der Schweiz wurde sie diese Woche von 15 auf 10 Prozent gesenkt. Die Protestanten glaubten, durch Reichtum schon zu Lebzeiten zeigen zu können, ein gottgefälliges Leben zu führen. Diese Geisteshaltung führte – etwas pointiert – dazu, dass zurückgezahlte Kredite nicht ausgegeben, sondern reinvestiert wurden. Sparen und Investieren wurden Selbstzweck. Diese «Innerweltliche Askese», wie sie der Soziologe Max Weber nannte, war eine zentreale Triebfeder des Kapitalismus.

Die Vorliebe für die Gegenwart verringert den Wert der Zukunft: Ob Dividendenzahlungen aus Aktien, Erbschaften, Löhne, Unternehmensgewinne oder Auszahlungen aus der Pensionskasse: genauso wie ausgeliehenes Geld bis zur Rückzahlung verzinst wird, müssen künftige Beträge auf heute «abgezinst» werden, um ihren Bar- oder Gegenwartswert mit anderen Investitionen vergleichen zu können.

Die bisherigen Betrachtungen beziehen sich nur darauf, dass wir bei einem gewissen Zins bereit sind, das Geld zu sparen und anderen zu überlassen. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Geld nach der vereinbarten Zeit samt Zinsen zurückgezahlt wurde. Doch auch das ist unsicher. Die meisten Staaten kennen zwar einen Einlagenschutz, aber nur bis zu einem bestimmten Betrag. Geht die Bank in Konkurs, ist der Rest verloren. Das Risiko, dass ein Teil des Geldes nicht zurückgezahlt wird, heisst Kreditrisiko.

Risiko-Kompensation
Wichtiger als beim Bankkonto ist das Kreditrisiko für Anleihen. Je nach dem, wer sie ausgibt, verlangt der Markt mehr Zins. Nicht jeder Schuldner hat dieselbe Bonität. Um beim Bild zu bleiben: Unser Trennungsschmerz wird erhöht um die Unsicherheit, unser Geld wiederzusehen.

Wir schlagen also eine Risikoprämie auf den Zins: den Spread. Er erlangte traurige Aktualität in der Euroschuldenkrise: Der Spreads von Krisenländern zeigte uns den Unterschied ihrer Kreditwürdigkeit zu den als sicher geltenden Ländern. Sie mussten für ihre Schulden nur den «risikolosen» Zins zahlen.