Pharma
Zeitbombe: Neue teure Krebstherapien bringen Bund in vertrackte Situation

Die steigende Zahl neuer und enorm teurer Krebstherapien bringen nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Pharmaindustrie in Bedrängnis. Der Bund versucht nun zwischen den Playern zu vermitteln – doch bisher ist es erst zu einer Verhandlungslösung gekommen.

Andreas Möckli
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Während Patienten von neuen Krebstherapien profitieren, steigen deren Kosten aufgrund neuer Medikamente markant. Shutterstock

Während Patienten von neuen Krebstherapien profitieren, steigen deren Kosten aufgrund neuer Medikamente markant. Shutterstock

Die steigenden Preise für Krebsmedikamente sind ein grosses Problem. Und dies nicht nur für das Gesundheitssystem und damit für die Prämienzahler. Auch der Pharmaindustrie selbst ist angesichts der horrenden Kosten nicht mehr wohl. Nun ist mit der stark wachsenden Zahl von Kombinationstherapien mit einem weiteren Schub zu rechnen. «Die Zeitbombe tickt immer lauter», sagt ein Manager eines Schweizer Pharmakonzerns dazu.

In der Onkologie erfährt die Industrie einen regelrechten Boom, was neue Präparate anbelangt. Die neusten Krebsmittel aktivieren das körpereigene Immunsystem, um Tumore zu bekämpfen. In der Bekämpfung von Hautkrebs hat die Pharmabranche bereits erstaunliche Fortschritte erzielt, gerade auch mit der Kombination mehrerer Medikamente. Da sich Krebszellen rasch resistent gegen einzelne Behandlungen zeigen, sind sogenannte Kombinationstherapien erfolgsversprechender.

Die US-Marktforschungsfirma IMS rechnet in den nächsten drei Jahren mit 47 neuen Kombinationstherapien, die auf den Markt kommen könnten. Was für Betroffene eine erfreuliche Entwicklung ist, bereitet den hiesigen Behörden Kopfschmerzen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist in der Schweiz zuständig für die Festlegung der Medikamentenpreise.

Das Problem: Würden einfach die einzelnen Preise der Medikamente einer Kombinationstherapie addiert, wären Kosten von mehreren hunderttausend Franken pro Jahr und Patient keine Seltenheit mehr. Selbst in der Pharmaindustrie sorgt diese Entwicklung für Unbehagen. Die Angst vor einem grossen Rufschaden sei enorm, sagt der eingangs erwähnte Manager, der nicht namentlich zitiert werden will. Vielen Firmen sei mittlerweile klar, dass der langfristige Nachteil höher sei als die kurzfristigen Gewinne, die sich dank der hohen Preise erzielen lassen.

Feilschen um Rabatte

Die Entwicklung neuer Medikamente dauert lange. Deshalb haben die wichtigsten Player im Gesundheitswesen das Problem schon seit einigen Jahren auf dem Radar. Ende 2014 gründeten Interpharma, einzelne Firmen wie Roche und Novartis sowie mehrere Krankenkassen eine Arbeitsgruppe, um des Problems der teuren Kombinationstherapien Herr zu werden. Zwar wurde inzwischen eine Lösung gefunden, doch sie ist mit mehreren Fallstricken behaftet.

Um auf einen tieferen Preis zu gelangen als die Summe der einzelnen Präparate, muss das BAG auf einem der beteiligten Medikamente einer Kombinationstherapie einen Rabatt aushandeln. Dies ist schon dann nicht einfach, wenn alle Präparate einer Kombinationstherapie von einem Hersteller stammen. Weit komplizierter wird es, wenn mehrere Pharmaunternehmen beteiligt sind. Die Firmen stellen sich auf den Standpunkt, nicht untereinander verhandeln zu dürfen, da sie sich sonst wettbewerbsrechtliche Probleme einhandeln, sagt Jörg Indermitte, Co-Leiter Sektion Medikamente des BAG. Eine Stellungnahme der Wettbewerbskommission (Weko) gebe es dazu aber bisher nicht, sagt Indermitte.

Der Bund in der Vermittlerrolle

Unabhängig von der Haltung der Weko hat das BAG nun begonnen, zwischen den Herstellern zu vermitteln und eine für alle beteiligten Unternehmen erträgliche Lösung zu finden. Was auf dem Papier einfach klingt, hat in der Realität harte Verhandlungen zur Folge. Denn kein Pharmaunternehmen wird von sich aus einfach so einem vom BAG verfügten Rabatt auf seinem Präparat zustimmen. Dem BAG kommt somit die Rolle eines Mediators zu, der zwischen den beteiligten Firmen vermitteln muss.

Bisher ist es erst ein Mal zu einer solchen Verhandlungslösung zwischen zwei US-Pharmafirmen und dem BAG gekommen. Beide Hersteller, Amgen und Celgene, müssen je einen Rabatt von rund 20 Prozent auf ihren Medikamenten hinnehmen, wenn sie als Kombinationstherapie zum Einsatz kommen. Weitere Fälle sind beim BAG hängig, wie Indermitte sagt. Die Namen der Hersteller will er aus Vertraulichkeitsgründen nicht nennen.

Eine weitere Herausforderung: Das BAG kann den Preis eines bestehenden Medikaments, das neu auch im Rahmen einer Kombinationstherapie eingesetzt wird, nicht einfach so senken. Wehrt sich ein Pharmaunternehmen gegen den neu festgelegten Preis durch das Bundesamt, so könnte sich die Vergütung der Kombination aufgrund des Beschwerdeverfahrens um Jahre verzögern. Ärzte müssen in diesem Fall mit einem komplizierten Prozedere das Einverständnis bei den Krankenkassen einholen, damit diese das Arzneimittel vergüten.

Damit das BAG die Vergütung von Kombinationstherapien einfacher und schneller umsetzen kann, müssten im Rahmen einer Revision des Krankenversicherungsgesetzes die rechtlichen Grundlagen angepasst werden, sagt Indermitte. Allerdings ist es alles andere als klar, ob eine solche Forderung die Beratungen im Parlament übersteht.

So gesehen, ist das Bundesamt bis auf weiteres auf den Goodwill der beteiligten Pharmafirmen angewiesen. Je mehr Beteiligte am Verhandlungstisch sitzen, umso komplizierter wird es. Schliesslich wird es künftig Kombinationstherapien geben, die aus Medikamenten dreier Hersteller bestehen. Spätestens dann verkommt die Preisfestlegung zur höheren Mathematik.