Aussichten
Schnäppchenjäger gegen die Inflation?

Wer Schnäppchen jagt, sollte als Heldin oder Held gefeiert werden. Sie helfen nämlich, das ökonomische Problem der Inflation in den Griff zu bekommen.

Christoph Hauser
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Christoph Hauser.

Christoph Hauser.

Den Black Friday haben wir hinter uns, der Cyber Monday kommt noch. Es ist das Fest der Rabatte, die Stunde der Schnäppchenjägerinnen. Da rümpfen manche die Nase und finden, wir sollten nicht so tiefpreisgeil sein. Doch wie verhält sich dies eigentlich in Zeiten der Inflation? Auch wenn wir mit drei bis vier Prozent Teuerung im Vergleich zu anderen Ländern noch gut bedient sind, lautet die Frage: Hilft, wer auf den Preis schaut, die Inflation zu bekämpfen?

In den USA liegt die Inflation momentan bei knapp acht Prozent, und dies längst nicht nur wegen höheren Energiepreisen. Anders als in der EU ist die Wirtschaft in den USA (noch) in einer sehr guten Verfassung, und viele Unternehmen machen satte Gewinne. PepsiCo zum Beispiel hat seine Preise deutlich erhöht und konnte im letzten Quartal den Umsatz um neun Prozent, den Gewinn um zwanzig Prozent steigern. Ist das trotz – oder sogar wegen der Inflation möglich?

Auch Coca-Cola hat mehr verdient. Weitere Inflationsgewinnler in anderen Branchen sind bekannt. Mindestens der Verdacht liegt in der Luft, dass Inflation eine willkommene Ausrede für Preiserhöhungen bietet. Solange Preise insgesamt stabil geblieben waren, wäre jeder Preisaufschlag auch als solcher zu erkennen gewesen. Jetzt aber, wo manches offensichtlich aufschlägt, können auch Produkte teurer werden, deren Produktionskosten nicht wirklich gestiegen sind. Aus ökonomischer Sicht ist dies schon deshalb unerwünscht, weil es die Inflation weiter antreibt und Teil der gefürchteten Inflationsspirale wird.

Nicht nur Konsumierende, auch KMU spüren steigende Preise. Bei der jüngsten Umfrage des Luzerner Gewerbeverbands kam heraus, dass die Befragten für 2023 eine Erhöhung der Einkaufspreise von durchschnittlich 11,5 Prozent erwarten. Zwar dürfte diese Zahl vor dem Hintergrund anderer volkswirtschaftlicher Prognosen (hoffentlich) weit überzogen sein. Doch Einkäuferinnen und Einkäufer von Firmen scheinen offenbar auch mit solchen Lieferanten zu verhandeln, die die gegenwärtigen Turbulenzen für ungerechtfertigte Preisaufschläge missbrauchen. Auch in den KMU sind daher verhandlungsstarke Schnäppchenjäger und gewiefte Vertragsmanagerinnen hilfreich im Kampf gegen die Inflation.

Wer Schnäppchen jagt, sollte darum als Heldin oder Held gefeiert werden. Sie helfen nämlich, das ökonomische Problem der Inflation in den Griff zu bekommen. Aber bevor nun alle auf Anraten des Ökonomen in einen Cyber-Montags-Kaufrausch verfallen: Das funktioniert natürlich nur unter bestimmten Voraussetzungen. Das Wichtigste ist, nur zu kaufen, was man auch braucht. Inflation drückt nämlich auch ein Ungleichgewicht zwischen verfügbarem Geld und dem Angebot aus. Wenn mehr Geld ausgegeben werden will, als Angebot vorhanden ist, dann werden die Dinge eben teurer. Die wirklichen Inflationsheldinnen und -helden sind also die Stillen, die die erst mal zuwarten, und sich weiterhin an ihren alten Geräten oder Hosen erfreuen können, weil sie sich damals für eine gute Qualität entschieden haben. Oder jetzt für eine Reparatur.

Gar nichts einkaufen ist auch keine Lösung, aber bewusster. Auf der Hochpreisinsel Schweiz tragen insbesondere international gehandelte Konsumgüter oft ein Preisschild, das mit den eigentlichen Produktionskosten nicht mehr viel zu tun hat. Der Preis einer Zahnpasta wird so festgelegt, dass die Leute bereit sind, den Preis gerade noch zu zahlen. Für einen Preisaufschlag ist Inflation eine gute Gelegenheit – aber eine schlechte Ausrede. Der Wettbewerb spielt somit eine entscheidende Rolle. Wenn das Süssgetränk und die Lieblingszahnpasta plötzlich teuer werden, dann kann man dank Wettbewerbs auf ein anderes Getränk umsteigen und zur alternativen Zahncreme greifen, deren Preise sich nicht erhöht haben. So funktionieren Preiserhöhungen im Windschatten der Inflation weniger gut.

Professor für Wirtschaftspolitik an der Hochschule Luzern und Leiter des Kompetenzzentrums Management & Law.