Aussichten
Vermögensverzehr als Problem

Der finanzielle «Umbruch» vom Kapitalaufbau zum Kapitalabbau ist ein Wendepunkt, den viele Menschen so weit wie möglich hinausschieben.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

Immer mehr zeigt sich, wie junge Menschen diszipliniert sparen. Wohl zu unsicher scheint ihnen die Perspektive auf eine AHV- und eine bröckelnde BVG-Rente. Das erhöht den Druck, im Rahmen der dritten Säule eine allfällige Lücke zu schliessen.

Verbreitet hat sich das disziplinierte, langfristige Wertpapiersparen, das sich durch den Zinseszinseffekt besonders stark auszahlt. Dagegen zeigt sich, dass mit dem Banksparen über längere Frist nicht einmal der Kaufkraftverlust durch die Inflation wettgemacht werden kann. Und die träumerischen Versuche, langfristiges Kapital mittels (de facto substanzloser) Kryptoanlagen anzusparen, erlitten in jüngster Zeit einen massiven Rückschlag in der Realität. Nur weiss man noch nicht, ob diesbezüglich der Betrug oder die Desillusionierung grösser ist.

Doch mit Sparen allein ist es nicht getan. Ökonomisch betrachtet handelt es sich dabei um einen Konsumverzicht in der Gegenwart zwecks späterer Verwendung. Nicht eine «lebenslange Fastenzeit» wird bezweckt. Das Kapital soll auch mal einer lust- und genussvollen Nutzung zugeführt werden. Gegen das Ende des Lebenszyklus taucht jedoch ein neuartiges Problem auf. Ältere Menschen tun sich seelisch schwer mit dem Kapitalverzehr. Der finanzielle «Umbruch» vom Kapitalaufbau zum Kapitalabbau ist ein Wendepunkt, den viele Menschen so weit wie möglich hinausschieben.

Damit ich richtig verstanden werde: Natürlich macht eine Rücklage für Hilfe in Notfällen Sinn. Aber manche haben Angst vor dem Kapitalverzehr, als käme am Lebensabend eine Lawine von Notfällen heruntergedonnert. Trotz dem Ende der pandemiebedingten Reiserestriktionen leisten sie sich nicht einmal mehr Ferien, andere verzichten auf neue Kleider. Hauptsache, das Vermögen bleibt unangetastet.

Dabei würde eine Finanzplanung guttun. Sind die realistischen Ausgaben für das tägliche Leben inklusive Wohnung oder Haus, Freizeit und Vergnügen mal erfasst, zeigt sich rasch, wie gross das Potenzial ist, sich einmal oder zweimal im Jahr etwas «Grosses» zu leisten. Das mag eine Expedition auf der Hurtigruten (mit dem revolutionären Hybridantrieb) sein oder die langersehnte Safari in der Serengeti.

Wer in hohem Alter über Wohneigentum verfügt, hat meistens keine relevante Hypothekarbelastung mehr. Entsprechend wird das Objekt per se zur ultimativen Geldquelle, sei es, weil man seine Hypothek erhöht, sei es, weil es zu gross und durch den Garten auch zu betreuungsintensiv geworden ist und verkauft werden soll.

Beseelt von der Angst, das Geld könnte nicht bis «am Ende» reichen, wird nach Argumenten gesucht, weshalb das Kapital nicht mal «gelegentlich» angezapft wird. Die Asketen zählen zusammen, was alles ansteht: die höheren Nebenkosten, die galoppierenden Krankenkassenprämien, die drohenden Mietzinserhöhungen. Und dann ist da doch noch das frühere Schulgspänli, das mittlerweile so furchtbar viel für das Pflegeheim bezahlen muss.

Aber wenn ich dann mal inkontinent in der höchsten Stufe 4 ans Pflegebett gebunden bin, merke ich spätestens, dass ich mir vorher etwas mehr hätte leisten können und sollen – vielleicht eine Safari mit den Kindern und Enkelkindern. Die hätten sich bestimmt ihr Leben lang daran erinnert, und würden sie mich besuchen kommen, erzählten sich mir von dieser faszinierenden Reise. Ob das auch der Fall ist, wenn man enthaltsam zu Hause bleibt und an allem fürchterlich streng spart, an Kapital, an Erfahrungen und an Erlebnissen?

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).