Finanzsektor
Zombie-Banken: Faule Kredite werden zum Problem für Europa

Die EU-Kommission will Zombie-Banken per Gesetz aus dem Feld jagen. Doch manchen Regierungen kommen lasche Regeln für den Finanzsektor nicht ungelegen.

Daniel Zulauf
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Die Europäische Zentralbank – hier ihre Büros in Frankfurt – will weniger faule Kredite in den Euro-Ländern. Keystone

Die Europäische Zentralbank – hier ihre Büros in Frankfurt – will weniger faule Kredite in den Euro-Ländern. Keystone

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«Das Endergebnis wäre ein starker und stabiler Bankensektor, der künftigen Schocks widerstehen kann, woher auch immer sie kommen mögen.» Von dieser Wunschvorstellung, wie sie EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Brüssel formulierte, ist die europäische Kreditwirtschaft noch meilenweit entfernt. Das weiss selbstredend auch der aus Lettland stammende Kommissions-Vize, der an der besagten Veranstaltung einen Gesetzesentwurf präsentierte, der den Zombie-Banken in den europäischen Krisenländern endlich den Garaus machen soll.

Zu viele Kredithäuser in den 19 Euro-Ländern schieben allen Anstrengungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zum Trotz und ungeachtet des verbesserten wirtschaftlichen Klimas immer noch haufenweise faule Kredite vor sich her. Im Mittel belief sich der Anteil notleidender Ausleihungen gemessen am Total aller Kredite per Ende September 2017 auf 5,15 Prozent, wie der Quartalsstatistik der EZB zu entnehmen ist. Die Quote liegt ein Mehrfaches über dem, was die Banken in der Schweiz an nicht mehr zinstragenden Ausleihungen in ihren Büchern führen müssen, und es ist bloss ein europäischer Durchschnittswert, der auch wirtschaftlich robuste Länder wie Deutschland einschliesst. In den Euro-Ländern, die von der Finanz- und Schuldenkrise am härtesten getroffen wurden, liegt die Quote der faulen Kredite weit über der Schmerzgrenze: In Italien sind es fast 12 und in Irland mehr als 12 Prozent, in Slowenien 13 Prozent, in Portugal 18 Prozent und in Griechenland sogar knapp 47 Prozent. Die Werte bewegen sich zwar nach unten, aber viel zu langsam.

Es braucht ein Sicherheitsnetz

Als Folge davon sind viele Banken de facto gar nicht mehr handlungsfähig. Die Zombie-Banken verdienen mit ihrem Kapital nicht genügend Geld, um neue Risiken mit Kreditgeschäften eingehen zu können. Diese Untoten bremsen nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung in ihren Ländern, sie verhindern auch, dass der letzte Schritt in der von den Euro-Ländern angestrebten Bankenunion vollzogen werden kann.

Es geht um das gemeinsame europäische Einlagensicherungssystem. Ein solches Sicherheitsnetz ist eine zentrale Bedingung dafür, dass im Euro-Raum ein vertrauenswürdiges und stabiles Bankensystem entstehen kann. Doch die Einlagensicherung erfordert eine Haftungsgemeinschaft unter den Banken, für die sich die vergleichsweise soliden Institute zum Beispiel in Deutschland bislang nicht erwärmen konnten. Dombrovskis hofft, mit seinem Gesetzesvorschlag dieses Misstrauen aus der Welt zu schaffen. Statt faule Kredite ewig vor sich herzuschieben, sollen die Banken ihre unerfüllten Forderungen künftig zügiger abschreiben müssen und damit ihre Bilanzen von den bleiernen Altlasten reinigen.

Ein Blankokredit, der nach zwei Jahren immer noch zinslos ist, müsse vollständig abgeschrieben beziehungsweise gegen eine Rückstellung mit Eigenkapital ausgeglichen werden. Besicherte Kredite, denen zum Beispiel eine Immobilie zugrunde liegt, sollen stufenweise innerhalb von acht Jahren wertberichtigt werden. Fördern will die EU-Kommission auch den Handel mit faulen Krediten, und geprüft werden auch die Möglichkeiten zur Schaffung nationaler Einrichtungen, die faule Kredite von Banken übernehmen können. Dombrovskis hat es eilig, denn im Juni wollen die EU-Regierungschefs auf einem grossen Gipfel endgültige Entscheidungen über eine Reform der Währungsunion treffen.

Wichtige Fragen bleiben offen

Doch selbst wenn die Kommission mit ihrem Gesetzesvorschlag durchdringen sollte und der Rückbau der faulen Kredite tatsächlich schneller als bisher vorankäme, würden wichtige Fragen rund um die Qualität der europäischen Bankbilanzen unbeantwortet bleiben. Dafür sorgen nicht zuletzt jene EU-Länder, in denen die staatliche Schuldenwirtschaft und der schwache Bankensektor eine Schicksalsgemeinschaft bilden.

Obwohl der griechische Staat während der Euro-Krise seine Zinsen zeitweise nicht mehr bezahlen konnte und obschon die Euro-Länder zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds in aller Eile einen Rettungsfonds zimmern mussten, um andere Euro-Länder vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, werden Staatsanleihen in den Bankbilanzen stehen gelassen, als wären sie praktisch risikolos. Die Geschichte der vergangenen 50 Jahre zeigt aber: Wurde ein Land einmal zahlungsunfähig, mussten seine privaten Gläubiger Forderungsverzichte von durchschnittlich 40 Prozent leisten. Für Alexandre Birry, Kreditanalyst bei der Ratingagentur Standard & Poor’s in London, ist deshalb klar, dass die Banken auch für ihre Bestände an Staatsanleihen Rückstellungen bilden müssten.

Das kleinere von zwei Übeln

Eine solche Regelung im Sinne eines internationalen Standards hätte im Dezember auch der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht präsentieren wollen. Doch die besagten Länder in Europa wussten dies mit Unterstützung aus Japan und anderen Staaten zu verhindern – mit gutem Grund. Die Banken zählen in diesen Ländern mithin zu den besten «Kunden» der heimischen Schatzämter, wenn es darum geht, frisches Geld aufzunehmen. Das zeigt sich zum Beispiel in Italien.

Die dortigen Banken führen nach Informationen von Standard & Poor’s einen Bestand von Anleihen der eigenen Regierung in der Bilanz, der das Eigenkapital der Banken im Durchschnitt um das Zweieinhalbfache übersteigt. Müssten die Banken diese Forderungen im Zug einer Schuldenkrise um 40 Prozent abschreiben, wäre das Eigenkapital weg. Das Problem besteht gemäss Standard & Poor’s in der Hälfte aller Euro-Länder. Und die Vorstellung braucht wenig Fantasie, dass es sich rasch verschärfen wird, wenn ein allgemeiner Anstieg der Zinsen die Finanzlage der hochverschuldeten Euro-Länder wieder stärker zu strapazieren beginnt. Dombrovskis faule Kredite könnten sich da noch als das kleinere von zwei grossen Übeln erweisen.