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ZÜRICH: Staranwalt verteidigt Pierin Vincenz

Der Fall Pierin Vincenz stellt auch ein Justizduell dar. Für den Strafverteidiger Lorenz Erni und den Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel steht dabei viel auf dem Spiel.
Daniel Zulauf
Der Anwalt Lorenz Erni (rechts) mit dem früheren Rentenanstalt-Finanzchef Dominique Morax. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Zürich, 27. März 2012))

Der Anwalt Lorenz Erni (rechts) mit dem früheren Rentenanstalt-Finanzchef Dominique Morax. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Zürich, 27. März 2012))

Daniel Zulauf

Lorenz Erni ist im Urteil vieler Juristen der beste Strafverteidiger der Schweiz. Der 68-jährige Staranwalt steht an der Seite des ehemaligen Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, der von der Zürcher Staatsanwaltschaft der ungetreuen Geschäftsbesorgung verdächtigt wird und seit Tagen in Untersuchungshaft sitzt. Ernis Widersacher ist der 13 Jahre jüngere Marc Jean-Richard-dit-Bressel, seit zehn Jahren Abteilungsleiter in der Zürcher Staatsanwaltschaft III für schwere Wirtschaftsdelikte, promovierter und habilitierter Strafrechtsexperte und leitender Staatsanwalt im Fall Vincenz.

Das Duell zwischen den beiden hat bereits begonnen, obschon noch offen ist, ob die laufende Strafuntersuchung überhaupt zu einer Anklage führen wird. Ein nicht genannt sein wollender Beobachter sieht Jean-­Richard-dit-Bressel sieben Tage nach der offiziellen Eröffnung des Strafverfahrens im Vorteil. Erni sei es nicht gelungen, Vincenz vor einer Untersuchungshaft zu bewahren. Zwar folgen die zuständigen Richter für solche Zwangsmassnahmen oft den Anträgen der Staatsanwaltschaft, weshalb Vincenz’ Überführung von der anfänglichen Polizeihaft in die Untersuchungshaft eigentlich keine Überraschung darstellt.

Ähnlicher Fall bei der damaligen Rentenanstalt

Doch der Insider glaubt, es wäre möglich gewesen, den Richter davon zu überzeugen, dass nach dem mehrmonatigen Vorspiel, das Ende Februar zu Vincenz’ Verhaftung führte, eigentlich keine Verdunkelungsgefahr mehr bestanden hätte. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete das Strafverfahren vier Monate nachdem die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) bereits aufsichtsrechtliche Verfahren gegen Raiffeisen und gegen Vincenz persönlich eröffnet hatte. Dem Banker hätte nach dieser Auffassung längst klar sein müssen, dass er allfällige belastende Beweise aus der Welt schaffen und sich mit mutmasslichen Mittätern in geeigneter Weise absprechen sollte. Gegen diese Sicht spricht indessen Vincenz’ eigene Reaktion, der vor Wochenfrist auf die in seinem Haus vorgenommene polizeiliche Durchsuchung «schockiert» und gänzlich überrascht reagierte.

So oder so werde das spektakuläre Vorgehen der Behörden gegen Vincenz fast zwangsläufig eine Anklage nach sich ziehen müssen, glaubt der Beobachter. Ein Rückzieher der Staatsanwaltschaft sei mit Blick auf den inzwischen ruinierten Ruf Vincenz’ und seines näheren Umfeldes nur noch schwer vorstellbar und müsste als Niederlage für die Staatsanwaltschaft gewertet werden. Aber wie wäre die Ausgangslage eines solchen Prozesses, der vermutlich als grösster Wirtschaftsfall seit dem Swissair- Prozess in die Zürcher Justiz­geschichte eingehen würde? Der naheliegendste Vergleichsfall ist jener von Dominique Morax. Vor 15 Jahren hatte sich Morax als Finanzchef der Rentenanstalt (heute Swiss Life) mit Mitgliedern der Konzernleitung eines selbst geschaffenen Anlagevehikels namens Long Term Strategy bedient, um sich auf ungerechtfertigte Weise persönlich zu bereichern. Die Manager kauften LTS-Aktien zum Preis von 10 Franken statt zum effektiven Wert von über 20 Franken, um sie ein Jahr später mit Gewinn zurück an die Rentenanstalt zu verkaufen. Ähnlich gelagert dürften auch die Vorwürfe an Vincenz und seine mutmasslichen Mittäter aussehen. Auch sie sollen quasi Geschäfte mit sich selber getätigt haben, indem sie sich an Firmen beteiligten, die sie später an Raiffeisen verkauften.

Morax musste eine bedingte Freiheitsstrafe von 22 Monaten akzeptieren und dem Kanton Zürich mehr als eine Million Franken des unrechtmässigen Gewinns abliefern. Feststellen lässt sich schon heute ohne grosses Risiko, dass auch Vincenz in hohem Mass «unsensibel» gehandelt hatte, wie das auch Morax selber eingestehen musste. Doch im Unterschied zu dem Finanzchef liess sich Vincenz mit einem Gutachten des renommierten Zürcher Aktienrechtsspezialisten Peter Forstmoser in seinen Geschäften rechtlich absichern. So gesehen könnte er möglicherweise mit deutlich besseren Karten in eine Gerichtsverhandlung gehen als Morax damals. Vincenz kann im Vergleich zum ehemaligen Versicherungsmanager auch hoffen, dass die Gerichte bei solchen Wirtschaftsfällen wieder etwas weniger hart urteilen als unmittelbar während und nach der Zeit der Finanzkrise.

So gesehen verspricht das Justizduell einiges an Spannung. Jean-Richard-dit-Bressel und Er­ni waren übrigens schon vor 15 Jahren vor dem Zürcher Bezirksgericht in eine Direktbegegnung aufeinandergetroffen. Erni ging dabei mit seinem Klienten Martin Ebner als klarer Sieger hervor. Jean-Richard-dit-Bressel musste sich vom Richter sagen lassen, dass er es in dem Fall um ein vermutetes Insiderdelikt des Schwyzer Financiers mit Pirelli-Aktien besser nicht zu einem Prozess hätte kommen lassen sollen. Die Anklage habe den Beweis in mehreren Punkten nicht führen können, kritisierte der Bezirksrichter. Ebner und Erni feierten einen klaren Sieg: Einzig ihr Antrag auf eine höhere Prozesskostenentschädigung über 90 000 Franken statt der gewährten 30 000 Franken fiel beim Richter durch. Es sei nicht Sache des Staates, eine «Luxusverteidigung» zu finanzieren.

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