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ZÜRICH: «Wir haben eine gute Lösung gefunden»

Urs Schenker ist der Wirtschaftsanwalt, der den Verkauf von Sika an Saint- Gobain organisiert hat. Im Interview nimmt er zum Übernahmestreit Stellung.
Interview Ernst Meier
Urs Schenker (58), Anwalt der Erbenfamilie Burkard, spricht an der Sika-GV vom 12. April 2016 in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Urs Schenker (58), Anwalt der Erbenfamilie Burkard, spricht an der Sika-GV vom 12. April 2016 in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Interview Ernst Meier

Urs Schenker, Sie haben einen der umstrittensten Deals der Schweizer Wirtschaftsgeschichte aufgegleist. Nun haben Sie die Sika-Mitarbeiter, Aktionäre und die Anlagestiftung Ethos gegen sich. Schlafen Sie noch gut?

Urs Schenker: Ja, denn die Schenker-Winkler-Holding (SWH) wurde zu einem guten Preis an Saint-Gobain verkauft. Dieser lässt der Sika grosse Autonomie und respektiert die Rechte der übrigen Aktionäre und der Arbeitnehmer. Zudem ermöglicht sie Sika, in Kooperation Synergien zu realisieren. Der Aktienkurs beweist, dass der Markt die Transaktion nicht als negativ einschätzt. Die Sika-Aktie liegt deutlich höher als noch am 4. Dezember 2014.

Das sehen Analysten und die Finanzpresse anders. Kein hiesiger Analyst befürwortet die Transaktion. Sind nicht vielmehr die guten Geschäftszahlen sowie die Tatsache, dass der Deal auf längere Zeit blockiert bleibt, die Gründe für die starke Aktienperformance?

Schenker: Ich sehe das anders. Die Aktionäre haben erkannt, dass Saint-Gobain der Sika nicht schaden, sondern nützen wird, sonst wäre der Aktienkurs nicht so hoch.

Die genannten Vorzüge werden von der Gegenseite angezweifelt, die Synergien seien reine Prognosen. Statt der Familie hat künftig Saint-Gobain die Kontrolle; ein französischer Grosskonzern, der in einigen Bereichen die Sika konkurriere, beherrsche diese trotz tiefem Kapitalanteil von nur 16 Prozent. Ist die Angst vor einem Interessenkonflikt nicht berechtigt?

Urs Schenker: Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar hat sich dazu mehrmals geäussert. Er versichert, die Rechte der Publikumsaktionäre zu respektieren. Zudem hat er eine zweijährige Jobgarantie für alle Angestellten gegeben. Er wird ebenfalls die Vertretung der Publikumsaktionäre im Verwaltungsrat (VR) weiterführen. Die europäische Wettbewerbskommission hat bei der Bewilligung der Transaktion festgehalten, dass sich die beiden Unternehmen nur im Mörtelbereich konkurrieren, dort aber nicht im direkten Wettbewerb stehen, sondern komplementäre Produkte haben. Der Mörtelbereich sorgt für weniger als 15 Prozent des Sika-Umsatzes.

Der Sika-Verwaltungsrat beansprucht ein Mitspracherecht beim Verkauf der SWH und beruft sich auf die Statuten.

Schenker: Die Vinkulierung bezieht sich nur auf die Übertragung von Sika-Namenaktien. Verkauft wurden aber die Aktien der SWH. Diese ist seit der Gründung der Sika und dem Börsengang 1968 als Eigentümerin der vinkulierten Namenaktien mit vollem Stimmrecht im Aktienbuch eingetragen. Es ist nicht möglich, die Vinkulierung der Sika zur Anwendung zu bringen, nur weil die Kontrolle über eine Aktionärin wechselt. Der Wortlaut der aktienrechtlichen Bestimmungen zur Vinkulierung schliesst dies aus, und auch die Statuten der Sika beziehen sich nur auf die Übertragung der Sika-Namenaktien selbst.

Nun behauptet aber der Sika-VR, Sie würden mit dem Verkauf der SWH die Vinkulierung umgehen, denn ob die Namenaktien direkt oder indirekt via Holding verkauft werden, die Folge sei dieselbe. Georg Stucky, Sika-Verwaltungsrat 1985–2001, bezeichnet den Verkauf der Holding als «Bubentrick».

Schenker: Aufgrund der Rechtslage ist diese Bezeichnung nicht haltbar. Die SWH war ursprünglich selbst die oberste Holding der Sika-Gruppe und besteht seit 1930. Sie hält ihre Sika-Namenaktien, seit sie die heutige Sika 1968 gegründet hat. Es stand der Familie immer frei, die SWH zu verkaufen. Jedermann wusste dies. Es liegt kein Trick vor.

Die Holding hält keine weiteren Beteiligungen. Sie hat nur den Zweck, die Kontrollmehrheit an Sika zu regeln, zudem ermöglicht sie steuerliche Erleichterungen. Es bleibt der Verdacht, dass man beim Verkauf an Saint-Gobain die Holding beibehält, um die Vinkulierung zu umgehen.

Schenker: Nein, es ist keine Umgehung. Der Verkauf einer Holding, die mehr als 85 Jahre alt ist, kann keine Umgehung sein.

Hintergrund der in den Statuten verankerten Vinkulierung von 1993 war eine Kapitalerhöhung und Anpassung der Kapitalstruktur. Georg Stucky sagt, der VR hätte auf der Klausel bestanden, weil die SWH als Ankeraktionärin ihre Kontrollmehrheit durch Stimmrechtsaktien behalten wollte, obwohl sie bei den Kapitalumstrukturierungen bevorteilt wurde. Die Vinkulierung sei ein Instrument des Machtausgleichs zwischen Familie und Verwaltungsrat.

Schenker: Diese Aussage trifft nicht zu. Die Sika-Namenaktien waren schon vor 1993 vinkuliert. Die Vinkulierung wurde 1993 dem neuen Aktienrecht angepasst, weil dieses die bisherige Vinkulierungsklausel nicht mehr zuliess. Dabei hat die Sika schlicht die von der Schweizer Börse entwickelte Musterklausel übernommen und nur ein einziges Wort geändert.

Wieso wurde Ihrer Meinung nach die Vinkulierung 1993 erneuert?

Schenker: Damals waren die Sika-Namenaktien noch kotiert, und die SWH hielt nur 42,6 Prozent aller Stimmen. Rund ein Drittel der Sika-Namenaktien befanden sich im Publikum. Die Vinkulierung richtete sich allein gegen einen Dritten, der an der Börse einen grossen Teil der Namen- und Inhaberaktien kaufen wollte, um die Sika zu beherrschen.

Mit 42,6 Prozent der Stimmen musste sich die Familie keine Sorgen um die Kontrollmehrheit machen. Zudem kam sie dank einer asymmetrischen Kapitalerhöhung bald wieder auf über 50 Prozent.

Schenker: Es gibt kein Dokument, in dem festgehalten würde, dass die Vinkulierung Verkäufe von SWH-Aktien durch die Familie Burkard verhindern soll. Ein Memorandum des Sekretärs des Verwaltungsrates der Sika zum Opting-out und die Protokolle der VR-Sitzungen der SWH, an der auch verschiedene Verwaltungsräte der Sika teilnahmen, zeigen das Gegenteil: Die Familie und vor allem Romuald Burkard selbst behielten sich immer einen Verkauf der SWH vor. Es gab auch keinen Machtausgleich mit dem Sika-VR. Die SWH und Romuald Burkard bestimmten in dieser Zeit, wer VR wurde, und dieser stellte sich nicht gegen die SWH. Falsch ist auch, dass die SWH dank asymmetrischer Kapitalerhöhungen zu einer Stimmenmehrheit kam: Sie hatte erst ab 1996 eine Stimmenmehrheit, weil damals viele Namenaktionäre ihre Aktien in Inhaberaktien tauschten. Diese Transaktion war 1993 noch gar kein Thema.

Wieso wurde die Vinkulierung nie aus den Statuten gestrichen? Mit 53 Prozent der Stimmen braucht die Familie diesen Übernahmeschutz nicht.

Schenker: Als 2003 die Sika-Namenaktien dekotiert wurden, dachte niemand an eine Statutenänderung zur Abschaffung der Vinkulierung, weil diese ohnehin nicht auf SWH-Aktien Anwendung findet. Romuald Burkard liess tatsächlich seinen Erben die Möglichkeit offen, die SWH zu verkaufen; er setzte sich daher für die Opting-out Klausel ein, die den Verkauf mit einer Prämie ermöglichte. (Anm. d. R.: Die Vinkulierung kann nur mit Zustimmung der Inhaberaktionäre aus den Statuten gestrichen werden.)

Mit der Vinkulierung, die explizit auf die Namenaktien der Familie zielt, und einer Mehrheit im VR, die bei den sogenannten unabhängigen Verwaltungsräten liegt, war der Konflikt bei Ihrem Deal vorprogrammiert. Der Widerstand war voraussehbar.

Schenker: Nein, das war er nicht. Man hätte erwarten können, dass der VR die rechtliche Situation anerkennt und die Möglichkeiten, die sich mit Saint-Gobain als neuen Eigentümer der SWH eröffnen, zu Gunsten aller Aktionäre wahrnimmt. Saint-Gobain hatte zugesagt, alle Rechte von Publikumsaktionären und Mitarbeitern zu respektieren, das Management beizubehalten und auch vier unabhängige Personen in den Verwaltungsrat aufzunehmen. Im Übrigen ist die Idee falsch, dass die Vinkulierung auf die Familie zielte. 1993 zielte diese allein auf die Publikumsaktionäre. Sie finden deshalb weder in den Statuten noch in anderen Dokumenten einen Bezug der Vinkulierung zur Familie.

Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar hat es bis heute nicht mal für nötig gehalten, sich mit dem Sika-VR oder einer Mitarbeitervertretung an den Tisch zu setzen.

Schenker: Saint-Gobain hat immer wieder Gesprächsbereitschaft gezeigt. Herr de Chalandar hat in seinen offenen Briefen auch bestätigt, dass Saint-Gobain die Rechte der Publikumsaktionäre und der Arbeitnehmer respektieren wird. Er ist dabei gerade auch bei der Vertretung der Publikumsaktionäre im Verwaltungsrat wesentlich über das gesetzliche Minimum hinausgegangen. Gemäss Artikel 709 OR haben die Inhaberaktionäre nur Anrecht auf einen Verwaltungsrat, Saint-Gobain sichert hier und auch in anderen Bereichen, wie insbesondere bei der Aufrechterhaltung des Sitzes, der Finanzpolitik und der Kotierung wesentlich mehr zu.

Warum kommt für die Familie Burkard die Einheitsaktie nicht in Frage?

Schenker: Mit der Einführung der Einheitsaktie würde die SWH ein wertvolles Recht aufgeben, und die Familie würde wesentlich weniger für den Verkauf der SWH erhalten. Es würde schlicht ein Vermögenstransfer zu den Inhaberaktionären stattfinden. Dies können sie weder von der Familie noch von der SWH verlangen. Dem Verwaltungsrat und den Finanzinvestoren geht es nur darum, diesen Vermögenstransfer durchzusetzen. Durch die Einführung der Einheitsaktie würde der Wert aller Titel steigen. Die Prämie, die heute der Familie wegen ihrer Stimmenmehrheit und dem Opting-out zusteht, würde sich auf alle Aktionäre verteilen. Statt der Familie haben am Schluss die Finanzinvestoren das Sagen bei Sika und könnten die Firma gemeinsam an einen Dritten verkaufen. So, wie das bei Syngenta passiert ist.

Die Familie könnte bei Einführung der Einheitsaktie dafür sorgen, dass dies nicht passiert. Beispiele gibt es genügend (Dätwyler, Bank Julius Bär etc.).

Schenker: Wir haben eine gute Lösung mit Saint-Gobain gefunden – ein starker industrieller Aktionär, der Sika Mehrwert bringt und die Rechte aller Beteiligter respektiert.

Was passiert, wenn Sika Recht bekommt und Saint-Gobain sich zurückzieht?

Schenker: Wir gehen nicht davon aus, dass dies passieren wird. Es ist aber für alle klar, dass es nur zwei künftige Möglichkeiten gibt: Die SWH wird entweder Saint-Gobain oder der Familie gehören – und die SWH wird ihre Stimmrechte bei der Sika ausüben. In beiden Fällen wird dies die Abwahl für den heutigen VR bedeuten. Kommt Saint-Gobain nicht zum Zug, ist die Familie wieder an der Macht. Sie wird an der GV die opponierenden Verwaltungsräte durch neue Mitglieder ersetzen. Urs Burkard hat es sehr deutlich gesagt: Es gibt nur diese zwei Lösungen.

Damit würden die Ansprüche an gute Unternehmensführung (Corporate Governance) über Bord geworfen. Es wäre der endgültige Eklat. Lassen sich qualifizierte Verwaltungsräte überhaupt finden? Diese müssten mit Klagen von Aktionären rechnen.

Schenker: Die Corporate-Governance-Ansprüche werden nicht über Bord geworfen – es gibt schlicht keinen Anspruch der Inhaberaktionäre auf eine Mehrheit im VR, und die heutigen Verwaltungsräte haben auch kein Anrecht auf Wiederwahl. Die SWH wird gute neue Verwaltungsräte finden, da bin ich überzeugt. Es gibt genügend qualifizierte Manager, die auf einen solchen Job warten.

Als Wirtschaftsanwalt kämpfen Sie mit juristischen Mitteln für den Verkauf. Wie steht es um die Moral?

Schenker: Ich halte es für moralisch unbedenklich, sich ans Recht und an die Gesetze zu halten. Weiter möchte ich hier nicht über Moral reden, denn jeder definiert im Fall Sika seine Moral nach eigenen Interessen. Darum geht es nicht um Moral, sondern um Recht – zumal der Verkauf an Saint-Gobain eine verantwortungsvolle Lösung ist, die für alle Mehrwert schafft.

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