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ZUG: Mit Investitionen der Krise trotzen

Die Siemens Building Technologies (BT) mit weltweit 27 000 Angestellten hat ihren Hauptsitz in Zug. Erstmals äussert sich der neue CEO Matthias Rebellius ausführlich zum Unternehmen.
Interview Ernst Meier
Mit dem aus Deutschland stammenden Matthias Rebellius (50) hat bei der in der Stadt Zug domizilierten Siemens BT eine neue Ära begonnen. (Bild Werner Schelbert)

Mit dem aus Deutschland stammenden Matthias Rebellius (50) hat bei der in der Stadt Zug domizilierten Siemens BT eine neue Ära begonnen. (Bild Werner Schelbert)

Zwei Wochen nach Ihrem Start als Chef von Siemens BT hat die Nationalbank den Mindestkurs aufgehoben. Der Euro rasselte in den Keller. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Matthias Rebellius*: Der 15. Januar war natürlich ein einschneidendes Erlebnis. Ich sass gerade mit meinem Finanzchef im Büro und erfuhr vom Entscheid der Nationalbank. Wir haben uns sofort mit unseren Fachleuten zusammengetan und analysiert, was das nun bedeutet. Ich kannte die Situation ein wenig aus dem Jahr 2011, als der Eurokurs schon einmal deutlich gefallen ist. Damals war ich schon im Leitungsteam von Siemens BT. Ich wusste also, dass man in der Schweiz solche einschneidenden Veränderungen längerfristig mit den geeigneten Massnahmen kompensieren kann. Uns war aber auch bewusst, dass es keine Kurzfristmassnahmen gibt.

Ihren Einstand als Chef von Siemens BT haben Sie sich aber sicherlich anders vorgestellt?

Rebellius: Die Vorstellung, die ich hatte, als ich hierherkam, war natürlich eine andere. Ich wollte nach der erfolgreichen Ära unter meinem Vorgänger Johannes Milde die nächste Phase einleiten. Dabei standen Wachstum, Innovation und die zunehmende Digitalisierung des Geschäfts im Mittelpunkt. Wir haben im Leitungsteam viel Vorbereitungsarbeit dazu getätigt. Nach dem 15. Januar war aber alles anders, und wir mussten einen Schritt zurückmachen. Plötzlich redeten wir über Einsparungen und Produktivität.

Siemens BT hat im Frühling die Arbeitszeit verlängert und bei der Fertigung den Rotstift angesetzt: 150 Stellen fallen in Zug weg.

Rebellius: Wir wollten schnell reagieren, um die maximale Wirkung unserer Massnahmen noch im laufenden Geschäftsjahr zu erzielen. Bei der Reduktion der Arbeitsplätze nutzen wir natürlich alle Möglichkeiten. Dazu gehören etwa Frühpensionierungen, interne Stellenangebote, aber auch die normale Fluktuation. Unter dem Strich werden wir leider trotzdem um die 60 Kündigungen aussprechen müssen.

Wie sieht es heute aus?

Rebellius: Unsere Massnahmen zeigen Wirkung: Die schrittweise Kompensation der Währungsschwäche ist gelungen. Unser Problem hat sich auch dank der Stabilisierung des Frankens etwas verkleinert. Die Situation bleibt aber herausfordernd. Damit müssen wir leben. An dieser Stelle gilt ein grosser Dank allen Mitarbeitern für ihren super Einsatz. Die Solidargemeinschaft von Siemens BT mit weltweit 27 000 Mitarbeitern, davon rund 1700 hier am Hauptsitz, funktioniert. Ich habe Anfang Jahr an die Mitarbeiter in allen Ländern appelliert. Wenn wir im Ausland mehr verkaufen und auch an anderen Standorten sparen, dann hilft uns das hier bei der Produktion und Entwicklung in Zug ebenfalls.

Wie lange müssen die Angestellten in Zug noch länger für den gleichen Lohn arbeiten?

Rebellius: Die temporäre Arbeitszeitverlängerung wird Ende April beendet – zwei Monate früher als ursprünglich beschlossen. Ab 1. Mai gilt für alle Angestellten wieder die 40-Stunden-Woche.

Mancherorts wünscht man sich wieder einen von der SNB gestützten Mindestkurs oder eine andere Massnahme zur Stützung der Schweizer Industrie. Wie stehen Sie dazu?

Rebellius: Generell bin ich eigentlich immer der Meinung, dass die Wirtschaft ohne Subventionen und mit den vorherrschenden Rahmenbedingungen auskommen muss. Dort, wo äussere Faktoren durch die Politik oder die Nationalbanken beeinflussbar sind, wäre es natürlich ein Vorteil für uns, wenn die Industrie gestützt wird. Was wir uns wünschen, ist, dass wir eine Planungssicherheit haben. So gesehen sind wir auf stabile Rahmenbedingungen angewiesen. Das betrifft nicht nur die Währung, sondern auch den nachhaltigen Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften. Wir sind am Standort Schweiz auf Fachpersonal auch aus dem Ausland angewiesen. Uns liegt sehr viel daran, als attraktiver Arbeitgeber zu gelten, der für Innovation, Offenheit und Internationalität steht.

Welche Tätigkeiten wird Siemens BT weiterhin am Standort Zug ausüben?

Rebellius: Wir haben seit Jahrzehnten in Zug ein Kompetenzzentrum für verschiedene Bereiche unserer Produkte und Dienstleistungen. Wir forschen, entwickeln und produzieren hier, auch das Marketing und ein Teil des Vertriebs haben wir in Zug erfolgreich gebündelt. Andere Funktionen wie Vertriebsverantwortung und Geschäftsentwicklung haben wir an die Regionen gegeben. Diese globale Strategie hat sich bewährt. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Wie gehts für Siemens BT im Jahr 2016 weiter?

Rebellius: Die Massnahmen, welche wir dieses Jahr eingeleitet haben, zeigen auch 2016 ihre Wirkung.

Kommt es zu weiteren Entlassungen?

Rebellius: Aus heutiger Sicht: nein. Wir glauben, dass wir mittelfristig nun gut aufgestellt sind, um langfristig den Standort und die Kompetenz sichern können.

Derzeit hält sich der Euro etwa bei 1.08. Können Sie damit leben?

Rebellius: Man muss damit leben, wie es ist. Wir haben auf diesem Niveau für das Geschäftsjahr 2015/16 budgetiert. 1.08 bedeutet im Vergleich zum Vorjahr höhere Kosten von zirka 10 Prozent. Mit den beschlossenen Massnahmen muss es uns gelingen, dies zu kompensieren.

Hat der Industriestandort Schweiz eine Zukunft?

Rebellius: Diese Kernfrage beschäftigt uns alle – Unternehmen, Wirtschaftsverbände, die Politik. Ich kann nur für Siemens sprechen; wir investieren ganz klar in den Industriestandort Schweiz. Nächstes Jahr starten wir mit den Bauarbeiten zum Campus in Zug. Dabei erstellt Siemens neben modernen Büroräumlichkeiten auch eine neue Fabrik. Wir investieren insgesamt rund 250 Millionen Franken, was ein klares Bekenntnis zum Industrie- und Wirtschaftsstandort bedeutet. Das machen wir nicht einfach, weil unsere Wurzeln hier sind, sondern weil wir von den Standortvorteilen nach wie vor überzeugt sind. Der neue Campus mit seiner offenen Bürolandschaft erlaubt sehr flexible Arbeitszeitmodelle. Diese stärken unsere Attraktivität als Arbeitgeber insbesondere auch für Frauen, die nach der Baby- oder Familienpause wieder Teilzeit arbeiten möchten.

Das Wachstum in China schwächt sich ab, Südeuropa kommt nicht aus der Krise. Wie sehen Sie dem nächsten Jahr entgegen?

Rebellius: Siemens BT ist sehr global aufgestellt. Dadurch gibt es immer Regionen und Märkte, die schwächer laufen. Andernorts gehts dafür besser als erwartet. Gerade in den USA zum Beispiel zeichnet sich eine Trendwende nach oben ab. Ich bin überzeugt, dass wir in diesem Jahr weiter wachsen – mindestens im Ausmass des Marktes –, wie wir das angekündigt haben. Dazu setzen wir auf Innovationen, mit denen wir die zukünftigen Trends in der Branche gestalten wollen.

Welches sind die Trends der Branche?

Rebellius: Wir erkennen zwei wesentliche Trends, welche künftig die Geschäfte von Siemens Building Technologies dominieren: die Digitalisierung unserer Industrie bis hin zum digitalen Gebäude sowie die dezentrale Energiegewinnung.

Vor über einem Jahr wurde bekannt, dass der Siemens-Konzern umgebaut wird. Was bedeutet das für die BT?

Rebellius: Es ist eine der grössten Umstrukturierungen von Siemens, die einhergeht nicht nur mit Einsparungen und Komplexität rausnehmen, sondern die vor allem auch auf einer neuen Unternehmenskultur basiert. Die Eigentümerkultur – wie wir das nennen – bedeutet, so zu agieren, als ob es die eigene Firma wäre. Dies fördert das Unternehmertum in der Belegschaft. In einem so grossen Unternehmen wie Siemens braucht es Zeit, bis so etwas etabliert ist. BT ist aus dieser Umorganisation als eigenständige Division bestätigt worden. Wir agieren in unserem Markt, aber als ein wichtiger Bestandteil der Siemens-Strategie. Diese basiert auf den drei Elementen Elektrifizierung, Automatisierung, Digitalisierung. Wir sind heute sehr stark in der Automatisierung von Gebäuden tätig – in naher Zukunft wird auch die dezentrale Energieerzeugung sehr wichtig.

Was bedeutet der Wandel von der zentralen hin zur dezentralen Energiegewinnung für Siemens BT?

Rebellius: Dadurch, dass Energie vermehrt in Gebäuden produziert und verbreitet wird, rücken Energiegewinnung und Gebäudetechnik stärker zusammen. Dies eröffnet neue technische Möglichkeiten. Die Funktionen in Gebäuden – Heizung, Belüftung, Belichtung usw. – werden zunehmend vernetzt. Mit der fortschreitenden Digitalisierung der in Gebäuden anfallenden Informationen kommt der Datengewinnung und -bewirtschaftung eine ganz neue Bedeutung zu. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von «Smart data» oder dem «digitalen Gebäude».

In diese Bereiche rücken auch immer mehr Firmen wie Google oder Apple vor. Konkurrenz für Siemens?

Rebellius: Wir sind auf die Steuerung und Automatisierung von kommerziellen Gebäuden spezialisiert – das ist unsere Domäne. Dabei wird die Software immer wichtiger. Zu einem Teil entwickeln wir diese selber mit eigenen Informatikern. Für das digitale Gebäude brauchen wir aber auch Datenbanken und externe Softwarelösungen. Wo es Sinn macht, arbeiten wir mit anderen Unternehmen zusammen. Google oder Apple agieren mehr im privaten Häusermarkt. Wir sind im kommerziellen Gebäudemarkt tätig und arbeiten deshalb vor allem mit Unternehmen wie IBM oder SAP zusammen.

Ihr Vorgänger Johannes Milde betrieb in Zug aktiv Wirtschaftspolitik; er war Präsident der Zuger Wirtschaftskammer; äusserte sich dezidiert zu politischen Themen wie Minder- oder Mindestlohn-Initiative. Engagieren Sie sich in einer ähnlichen Form in der Region?

Rebellius: Johannes Milde setzt sich weiterhin für den Wirtschaftsstandort Zug ein, er ist ja auch noch für Siemens tätig, und wir stehen in engem Kontakt. Ich selber bin von Anfang an im Austausch mit der Stadt- und Kantonsregierung. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit entwickelt. Dasselbe gilt für die Wirtschaftsverbände, bei denen ich regelmässig an Tagungen teilnehme und Vorträge halte.

Interview Ernst Meier

Hinweis:

Matthias Rebellius (50) ist seit 1. Januar 2015 Chef der Siemens Division Building Technologies (BT, Gebäudetechnik). Der Elektroingenieur löste Johannes Milde ab (63, CEO 2007–2014). Matthias Rebellius ist Deutscher und arbeitet seit 25 Jahren für Siemens.

Zahlen zu Siemens. (Bild: pd)

Zahlen zu Siemens. (Bild: pd)

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