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ZUKUNFT: Ein Milliarden-Markt lockt

Die Schweiz soll sich zur 2000-Watt-Gesellschaft entwickeln. Dafür muss der Energieverbrauch stark reduziert werden. Grosses Potenzial haben dabei Gebäude.
Andreas Lorenz-Meyer
Das Haus am Kirchrainweg in Kriens (links) setzt in Sachen Energieeffizienz und Bauökologie neue Standards. Energieeffizientes Bauen gilt in der Schweiz als Markt mit riesigem Potenzial. (Bild: Aura/Gabriel Ammon)

Das Haus am Kirchrainweg in Kriens (links) setzt in Sachen Energieeffizienz und Bauökologie neue Standards. Energieeffizientes Bauen gilt in der Schweiz als Markt mit riesigem Potenzial. (Bild: Aura/Gabriel Ammon)

Andreas Lorenz-Meyer

Am Kirchrainweg im Zentrum von Kriens steht ein fünfstöckiges Gebäude – das erste Minergie-A-Eco-Mehrfamilienhaus der Zentralschweiz. Dieser Gebäudestandard vereint Energieeffizienz und Bauökologie. Auf dem Dach des Hauses befindet sich eine 30-Kilowatt-Fotovoltaikanlage, die jährlich rund 23 000 Kilowattstunden Strom liefert. Eine Wärmepumpe nutzt die Wärme aus der Aussenluft. Die drei Wohnungsgeschosse bestehen aus 230 Kubikmetern Holz. Geschlagen, geschnitten und produziert hat man es fast vollständig in einem Umkreis von 30 Kilometern rund um Kriens. Zum Einsatz kam vor allem die Luzerner Weisstanne. So viel Nachhaltigkeit ist preiswürdig: 2014 wurde der Bau mit dem Watt d’Or in der Kategorie Gebäude und Raum gekürt.

Weniger Treibhausgasemissionen

Häuser benötigen viel Energie, vor allem Wärmeenergie für Heizung und Warmwasser. Der Betrieb des Gebäudeparks Schweiz macht rund 50 Prozent des schweizerischen Primärenergieverbrauchs aus. Welchen Wärmeverbrauch ein Haus hat, hängt vom Baujahr ab, erklärt Reto von Euw, Dozent für Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern. In üblichen Neubauten aus dem Jahr 1975 liegt er bei ungefähr 220 Kilowattstunden pro Quadratmeter (kWh/m2). Das entspricht 22 Liter Heizöl-Äquivalent/m2. Bei einem Neubau nach heutigen Vorschriften ist es viel weniger: 50 kWh/m2 oder 5 Liter Heizöl-Äquivalent/m2. Weniger Energieverbrauch bedeutet auch weniger Treibhausgasemissionen. Der 1975er-Bau kommt mit einem 15 Jahre alten Ölheizkessel auf ungefähr 95 Kilogramm CO2-Äquivalent/m2, das Gebäude von heute bei einem neuen Ölheizkessel auf 20 Kilogramm. Von Euw: «Bei Neubauten können gegenüber Altbauten etwa 80 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart werden.»

Potenzial: 1,5 Millionen Altbauten

Das Bundesamt für Energie schätzt, dass in der Schweiz 1,5 Millionen Altbauten nicht dem aktuellen energetischen Stand entsprechen. Ein riesiges Einsparungspotenzial verbirgt sich in ihnen. Durchschnittlich liegt der jährliche Wärmebedarf in Gebäuden bei 160 kWh/m2, der Zielwert einer nachhaltigen Gebäudeerneuerung zwischen 30 und 50 kWh/m2. Somit könnte man den Wärmebedarf eines Gebäudes im Schnitt um 110 kWh/m2 senken. Das wäre pro Haus eine jähr­liche Reduzierung des Heizöls um 11 Liter/m2. Runter mit dem Energieverbrauch des Gebäudeparks – so lauten die Pläne von Bund und Kantonen. Im Rahmen des Gebäudeprogramms, das über die CO2-Abgabe finanziert wird, fördern sie die Sanierung bestehender Bauten, auch von Wohnhäusern. Immobilienbesitzer, welche die Wärmedämmung ihres Hauses verbessern, erhalten in allen Kantonen finanzielle Unterstützung. Wer die Gelder in Anspruch nehmen will, reicht vor Sanierungsbeginn ein Online-Gesuch ein. Die Liegenschaft muss allerdings vor dem Jahr 2000 gebaut worden sein. Rund 8200 Gesuche hat man 2015 abgeschlossen, 100 Millionen Franken wurden ausbezahlt. Durchschnittliche Fördersumme: 12 200 Franken. Je nach Kanton kamen auf 1000 Gebäude 3 bis 10 geförderte Gebäudesanierungen. Mit den 2015 ausbezahlten Beiträgen wurde eine Fläche von rund 3,6 Millionen Quadratmetern energetisch saniert, 1,7 Millionen m2 Dachflächen und 1,3 Millio­nen m2 Fassaden. Zusätzlich zum Gebäudeprogramm gibt es kantonale Programme. Der Kanton Luzern fördert unter anderem die Nutzung von Abwärme, solarthermischen Anlagen und Holzfeuerungen anstelle von Elektro-, Öl- oder Gasheizung. Zudem gibt es Minergie-Boni.

Die Erneuerung des Gebäudeparks läuft. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Architekten, die sich mit Energieeffizienz und Bauökologie auskennen. Wegen der starken Nachfrage gibt es EN Bau. Diese Kooperation von 5 Hochschulen, unter anderem der in Luzern, bietet eine Zusatzausbildung im Bereich Energie und Nachhaltigkeit. Von Euw, der das Weiterbildungsprogramm an der Hochschule Luzern leitet, sieht in der Schweiz ein Sanierungspotenzial mit Auftragssummen von mehreren Milliarden Franken für Lieferanten, Planer und Installateure.

Durch die Politik gefördert

Beim künftigen Gebäudepark spielen erneuerbare Energien eine grosse Rolle. Dass Hausbesitzer eine Solaranlage aufs Dach setzen, ist politisch gewünscht. Momentan subventioniert man über die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) aber nur Fotovoltaik, nicht Solarthermie. Von Euw geht davon aus, dass es die KEV in dieser Form irgendwann nicht mehr geben wird. Wegen der Strategie des Bundesrats, «weg von der Förderung, hin zur Lenkung». Damit verlieren Solardächer aber nur einen Teil ihrer Attraktivität. Denn die im Januar 2015 beschlossenen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) schreiben bei Modernisierungen den Einsatz von erneuerbaren Energien vor. Wird das fossile Heizsystem (Öl oder Gas) ersetzt, müssen 10 Prozent der bisher verbrauchten Energie durch erneuerbare Energien (Solarthermie) kompensiert werden. «Um die Massnahme in Luzern umzusetzen, braucht es aber erst eine Gesetzesänderung», sagt Marty. Mit dieser sei nicht vor Januar 2018 zu rechnen. Neubauten sollen nach den MuKEn 2014 künftig «Nahezu-Null-Energiegebäude» sein. Jeder Neubau muss unter anderem einen Anteil seines Strombedarfs selbst decken, zum Beispiel durch eine Fotovoltaikanlage. Um den totalen Energieverbrauch tatsächlich auf fast Null zu bekommen, braucht es neben Eigenproduktion von Energie auch moderne Gebäudetechnik und eine gut gedämmte Gebäudehülle. Die Vorschriften sind vergleichbar mit dem Standard Minergie-A, erklärt Marty. Jedoch heisst es auch bei «Nahezu-Null»: erst die Gesetzesänderung, dann die Umsetzung.

Unsere Infografik.

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