Künten

Zuviele Kunden: Aargauer Krankenkasse muss Prämien um 20 Prozent erhöhen

Wachstum kann für kleine Krankenversicherer tödlich sein. Die Traditions-Krankenkasse Birchmeier aus Künten im Aargau zieht deshalb die Notbremse und erhöht auf September die Prämien um 20 Prozent.

Roman Seiler
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Werner Kaufmann im seinem Büro.

Werner Kaufmann im seinem Büro.

AZ

Das ist der Unterschied zur Industrie: Wachstum kann für Krankenversicherer gefährliche Folgen haben – insbesondere für kleine. Das jüngste Beispiel ist die über 130 Jahre alte, in Künten AG domizilierte KK Birchmeier. Die Zahl der Kunden in der Grundversicherung stieg auf Anfang 2016 um 2149 auf 12 218 Grundversicherte. Als der eidgenössisch diplomierte Versicherungsexperte Werner Kaufmann 2007 die Führung der Kasse übernahm, waren es erst 5500. Fast 60 Prozent der auf 2016 gewonnenen Kunden wählten gemäss Vorstandspräsident Thomas Naef die höchste Franchise von 2500 Franken: «Das sind gute Risiken, die kaum Leistungen beziehen.»

Daher habe der Zuwachs in der Grundversicherung auch kaum Mehrkosten für Rechnungen von Ärzten und Spitälern oder für Medikamente ausgelöst. Was hingegen happig ansteigt, ist der Risikoausgleich. In diesen Topf müssen Kassen mit vielen gesünderen, also meist jüngeren Versicherten an Konkurrenten mit vielen kränkeren, meist älteren Kunden bezahlen.

Attraktive Prämien für 2016

Angelockt wurden die vielen Neukunden, weil die Prämien der KK Birchmeier für 2016 lediglich um drei Prozent angehoben worden sind. Als die Verantwortlichen der KK Birchmeier diese Erhöhung Ende Juli 2015 beim BAG eingereicht hatten, gingen sie noch von einem Gewinn in der Grundversicherung aus, sagt Präsident Naef: «Doch im zweiten Halbjahr stiegen die Ausgaben für Behandlungen von Ärzten und Spitälern oder Medikamente sprunghaft an.» Das führte zu einem Verlust von 1,3 Millionen Franken in der Grundversicherung. Daher unterschritten die gesetzlich vorgeschriebenen Reserven Ende 2015 den benötigten Mindestwert.

Fusion abgelehnt

Die finanzielle Situation der KK Birchmeier alarmierte die Aufseher im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Sie rechneten mit einem happigen Defizit und schlugen vor, dass sich die Kasse von einem anderen Grundversicherer übernehmen lassen sollte. Die Selbstständigkeit aufgeben wollte Naef nicht. Ebenso wehrten sich die Küntener gegen eine unterjährige Prämienerhöhung. «Wir verlangten, dass ein Prämienaufschlag erst auf Anfang 2017 erfolgt», sagt Naef: «Wir gingen trotz dem Zuwachs bei den Grundversicherungen und einer massiv höheren Zahlung in den Risikoausgleich davon aus, dass sich der Verlust in der Grundversicherung in diesem Jahr höchstens auf 100'000 bis 200'000 Franken belaufen werde.»

Das BAG sei nicht auf die Argumente der Vertreter der KK Birchmeier eingegangen. Daher wandten sich diese ans Bundesverwaltungsgericht. Dieses lehnte eine aufschiebende Wirkung der Verfügung des BAG ab. Deshalb muss die KK Birchmeier laut Naef nun die Prämien in der Grundversicherung auf den 1. September im Schnitt um mehr als 20 Prozent erhöhen. Naef geht davon aus, dass die Prämien in der Grundversicherung per Anfang 2017 nicht nochmals angehoben werden müssen. «Aktuell ist dies aber noch offen», räumt er ein.