ZWEIRAD: Auf dem heissen Ofen in den Frühling

Diesen Frühling werden in der Schweiz so viele Töffs wie nie auf den Strassen sein. Der wahre Boom findet bei den Rollern statt – vor allem wegen der Frauen.

Lukas Scharpf
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Der Schweizer Meister von 1976, Urs Knüsel, vom gleichnamigen Motorradgeschäft in Ebnet LU bei der Fahrt mit der neuesten BMW R 1200 GS über die Renggstrasse. (Bild: Pius Amrein)

Der Schweizer Meister von 1976, Urs Knüsel, vom gleichnamigen Motorradgeschäft in Ebnet LU bei der Fahrt mit der neuesten BMW R 1200 GS über die Renggstrasse. (Bild: Pius Amrein)

Mit dem schönen, warmen Wetter blüht die Natur, und das Rattern, Knurren, Grummeln oder Dröhnen der Motorräder begleitet wieder den Alltag. Dieses Jahr werden es so viele Zweiradfahrer wie nie zuvor sein. Seit Jahren zeigt der Trend nur nach oben. 46 710 neue Roller und Motorräder wurden 2012 neu zugelassen; 2,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Vor 20 Jahren war Töfffahren noch viel mehr etwas für Mechanikfans. Es wurde selbst geölt und geschraubt. Aber wie die Autos wurden auch Motorräder elektronischer. «Im Durchschnitt war der Töfffahrer vor 20 Jahren angefressener», sagt Fuchs. Heute sei es oft eine Lifestyle-Geschichte. Ein Hobby unter vielen. Das zeigt sich in den durchschnittlich zurückgelegten Kilometern. Kommen die Fahrer heute im Schnitt auf jährlich 5000 Kilometer, waren es vor 20 Jahren rund doppelt so viele. Früher galt der Kauf eines Töffs als klischeehafte Pflichterfüllung von Männern in der Midlifecrisis. Heute kurbeln Frauen und junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren den Markt an.

Mittelklasse liegt im Trend

Dieses Kundensegment wird von den Herstellern mit einsteigerfreundlichen Modellen bedient. «Mehrere Hersteller bieten günstige Mittelklassemodelle mit 500 bis 600 ccm Hubraum», sagt Roland Fuchs. Er ist Mediensprecher der Fachstelle für Zweiradfahrer, die zu Moto­suisse gehört, der Vereinigung der Schweizer Motorrad- und Rollerimporteure. Die Mittelklassemodelle sind der Trend im Markt, neben den schweren Maschinen und einer immer stärkeren Segmentierung. Konnte man früher noch zwischen einer Strassenrennmaschine, einer Enduro oder einem gemütlicheren Chopper entscheiden, gibt es heute viel mehr Abstufungen. Die Mittelklasse gefällt Einsteigern wegen des geringen Gewichts, des leichten Handlings und vor allem wegen der günstigeren Preise. Denn die Hersteller verwenden für verschiedene Ausführungen den gleichen Grundtyp. Durch den Volumeneffekt können die Hersteller Kosten sparen.

Der Roller ist ein Arbeitstier

Ein wahrer Boom findet bei den Rollern statt. Gerade bei Familien steht ein Roller anstelle eines Zweitautos in der Garage. «Ein Roller ist im Vergleich zum Töff ein Arbeitstier. Er ist optimal für kurze Arbeitswege in der Agglomeration und in der Stadt, und bei Einkäufen bietet er etwas Stauraum», sagt Fuchs. Über ein Viertel der neu eingelösten Roller gehört Frauen. Im Vergleich zu 13 Prozent der Motorräder. Auch bei den Motorrädern hat man aber die Frau entdeckt. Es ist heute einfacher, eine Maschine zu finden, die auch bei einer kleineren Körpergrösse passt. Das kommt auch vielen Männern entgegen, die bisher Schwierigkeiten hatten, einen geeigneten Töff zu finden. Welches ist der beliebteste Töff in der Schweiz?

Letztes Jahr war es die Harley Davidson forty eight. In den ersten vier Monaten dieses Jahres hat sich aber ein BMW auf das Siegertreppchen gestellt. Die neuste Version des Enduroklassikers der Schwaben: die R 1200 GS. Allerdings ist Roland Fuchs vorsichtig mit Prognosen, wer der Star des Jahres wird. «Es war ein himmeltrauriger Saisonstart. Kalt und Nass», sagt Fuchs. Er glaubt darum, dass Neubesitzer von Maschinen wie der Harley Davidson forty eight noch mit dem Einlösen warteten, bis es definitiv wärmer und trockener wurde. Unter den beliebtesten Marken liegt Harley Davidson bereits von Januar bis April vorne. «Welche Maschine dieses Jahr der Renner ist, kann man erst ab Ende Mai sagen», sagt Fuchs. Die Nummer eins unter den motorisierten Zweirädern war letztes Jahr übrigens keine schwere Maschine, sondern ein Roller. Darum lautet die Top 3 der meistverkauften Marken auch Yamaha,Honda,Vespa und erst danach HarleyDavidson und BMW.

ABS setzt sich durch

Sowohl bei Rollern wie auch bei Töffs geht der Trend bei der Ausstattung Richtung ABS als Standardausrüstung Mit dem Advanced Breaking System können auch Zweiräder kontrollierter bremsen. Vor einigen Jahren noch Exoten, sind fast alle Modelle über 250 ccm mit ABS ausgestattet. Auch bei Rollern gibt es Modelle, vor allem im Bereich von 125 ccm, die mit ABS ausgerüstet sind. Die Elektronik erobert immer mehr Teile der Motorräder. «Von GPS zu Musikanlagen mit Kopfhörerverbindungen, zum Helm gibt es alles, was das Herz begehrt», sagt Fuchs.

Preise sind massiv gesunken

Vor drei Jahren war fast ein Viertel der neu gekauften Töffs in der Schweiz selbst importiert. Die Kunden nutzten den starken Franken. Das Signal wurde gehört, und die Preise wurden angepasst. «Sie sind massiv heruntergekommen», sagt Fuchs. So haben sich auch die Zahlen der Parallelimporte angepasst. 2012 lag ihr Anteil wieder bei 6 Prozent. Früher haftete Motorrädern noch der Ruf an, wahre Dreckschleudern zu sein. Moderne Motorräder und Roller entsprechen den vom Gesetzgeber verlangten Auflagen. Sie sind leiser, verbrauchen deutlich weniger Kraftstoff als noch vor 20, 30 Jahren, und ihre Abgaswerte liegen innerhalb der gesetzlichen Norm. «Leider gibt es unter den Fahrern schwarze Schafe, die Manipulationen an ihren Fahrzeugen vornehmen.

Tipps für den Töffkauf

Ratgeber slu. Hat mann oder frau sich dazu entschieden, einen Töff zu kaufen, stellen sich gleich die Freuden und Qualen der Wahl. Welche Maschine soll es sein? Roland Fuchs von der Fachstelle für Zweiradfragen gibt wichtige Tipps. Wie viel Geld hat man zur Verfügung? Rechnet man Occasionen hinzu, gibt es für fast jedes Budget eine Maschine. «Ganz wichtig ist, dass im Budget ein Betrag für Sicherheitsausrüstung vorgesehen ist», sagt Roland Fuchs. Für Helm, Stiefel, Kombianzug und Handschuhe braucht man mindestens 1000 Franken.

Was will man mit seinem Töff machen? Das ist die nächste Frage. Geht es nur um gemütliche Sonntagsfahrten, oder soll es das Transportmittel für den täglichen Weg zur Arbeit werden? Fährt man alleine, oder kommt auch mal ein Gastpassagier mit? Fahre ich gerne weit weg oder nur 20 bis 100 Kilometer pro Tag? «Die Sitzposition ist entscheidend, ob man es lange auf dem Töff aushält», sagt Roland Fuchs. Was gemütlich aussieht, sei nicht unbedingt am gemütlichsten für das eigene Hinterteil.