ZWEITE SÄULE: Die Umverteilung geht weiter

In den Schweizer Pensionskassen werden jährlich mehrere Milliarden Franken von Arbeitstätigen zu Rentnern umverteilt. Grund für die systemwidrige Umverteilung sind zu hohe Rentenversprechen.

Rainer Rickenbach
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Senioren hinterlassen einen langen Schatten. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zürich, 4. Oktober 2016))

Senioren hinterlassen einen langen Schatten. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zürich, 4. Oktober 2016))

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Auf 5,3 Milliarden Franken beziffert eine Studie der Credit Suisse die Summe, die 2015 von den arbeitstätigen Pensionskassen-Versicherten zu den Rentnern umverteilt wurde. Die Tendenz ist steigend: 2010 betrug dieser Wert noch 3,5 Milliarden Franken. Was bei der ersten Säule mit der AHV so gedacht ist – die Erwerbstätigen zahlen ihre Beiträge ein, die Pensionierten erhalten davon ihre Renten –, ist in der zweiten Säule systemwidrig. Das Drei-Säulen-Modell sieht vor, dass die Arbeitstätigen bei der beruflichen Vorsorge für sich selbst Geld sparen.

Dass dem nicht vollumfänglich so ist, hat zwei Ursachen: Zum einen ist ein Teil der Neu­renten aus versicherungstechnischer Sicht noch immer zu hoch. Zum anderen hinterlassen die vor zehn, zwanzig Jahren in besseren Sparzeiten gesprochenen Renten Spuren bei den Pensionskassen.

Pensionäre beziehen länger Rente

Was die neuen Renten angeht, unterschätzen die Pensionskassen die weiter steigende Lebenserwartung. Sie liegt nach Berechnungen der Statistiker in der Schweiz aktuell für die Männer bei 80,1 Jahren, bei den Frauen bei 84,5 Jahren. Das sind durchschnittlich etwa zwei Jahre mehr als noch vor zehn Jahren.

Als Folge von zu tief errechneter Lebenserwartung und zu hohen Umwandlungssätzen (sie sind massgebend für die Höhe der Pensionskassenrente) entsteht für die Vorsorgeeinrichtungen oft ein sogenannter Pensionierungsverlust: Das Rentenversprechen ist grösser als das Kapital, das die Rentner während ihrer Zeit als Berufstätige angespart haben. Die Credit Suisse rechnet hoch, dass 2015 diese Lücke 3,5 Milliarden Franken betragen hat. Dafür kommen letzten Endes die Beitragszahler auf. Bei den vor längerer Zeit festgelegten Renten verhält es sich gemäss der Studie ähnlich. Die Arbeitstätigen kommen für die Rückstellungen auf, die wegen hoher Renten entstehen, die noch zu einer Zeit errechnet wurden, als die Zinsen höher und die Lebenserwartung tiefer kalkuliert wurden. Auf diese Weise entgehen den erwerbstätigen Beitragszahlern weitere 1,8 Milliarden Franken.

Es ist nicht so, dass in diesem Umverteilungsmechanismus bei den Berufstätigen Geld vom Vorsorgekonto verschwindet, um damit Renten zu finanzieren. Um die zu teuren Renten zu stemmen, geht vielmehr ein Teil der Rendite drauf, die eigentlich den Erwerbstätigen zusteht. Ihr Sparprozess erhält dadurch einen Dämpfer. Die Pensionskassen haben gemäss Pictet-BVG-Indizes 2016 eine Rendite von durchschnittlich 3 Prozent erzielt, im Vorjahr waren es 0,7 Prozent.

Die Pensionskassen haben auf diese Widrigkeiten reagiert, soweit es die gesetzlichen Vorgaben erlauben. Bei den meisten Vorsorgeeinrichtungen bewegt sich der Umwandlungssatz in Richtung der 5-Prozent-Marke. Mehr als vier von fünf der von der CS befragten Kassen haben in den zurückliegenden fünf Jahren die für die Rentenhöhe massgebende Quote gesenkt. Zusammen mit dem Umwandlungssatz ging es auch mit dem technischen Zinssatz bergab. Ein Ende ist nicht abzusehen: Bei jeder dritten Kasse ist eine weitere Schmälerung der Neurenten beschlossene Sache, und bei rund der Hälfte ist sie bereits ein Thema.

Mit dem Leistungsabbau und den wieder üppiger fliessenden Erträgen aus den Finanzmarkt­anlagen gelang es den Kassen immerhin, in Form zu bleiben. Standen 2008 in der Finanzkrise 60 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen mit einer zu dünnen Kapitaldecke da, so sank der Anteil der Pensionskassen in Unterdeckung im vergangenen Jahr auf weniger als 10 Prozent.