Schuldenkrise
Zypern ist gerettet, die Wirtschaft zerschmettert

Schocktherapie auf der Insel der Aphrodite: Der Staatsbankrott ist abgewendet, dem Land mit seiner Million Einwohnern drohen aber schwere Zeiten. Die Einsicht in das Versagen der Regierug aber fehlt.

Michael Wrase, Limassol,und Christopher Ziedler, Brüssel
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Kein Einsehen, schlechte Aussichten: Kaum jemand will in Zypern wahrhaben, dass man primär für die Fehler der eigenen Regierung büsst.Keystone

Kein Einsehen, schlechte Aussichten: Kaum jemand will in Zypern wahrhaben, dass man primär für die Fehler der eigenen Regierung büsst.Keystone

Drei Wochen sind es her, da hatte der Brite Brian Morris etwas zu feiern: den Verkauf seiner Villa auf Zypern. 16 Jahre lang hatte er das Anwesen bewohnt, nun hatte es der 71-jährige Rentner für 400 000 Euro einem ukrainischen Geschäftsmann verkauft. Einbezahlt wurde das Geld vor zehn Tagen – auf Morris’ Konto bei der Laiki-Bank. Eben dieses Finanzinstitut wird nun aber in den Konkurs geschickt: Alle Konten mit Beträgen über 100 000 Euro sind gesperrt, das Geld wird zur Sanierung des maroden zypriotischen Bankensystems herangezogen.

Rentner Morris sieht sich betrogen um seine Ersparnisse, mit denen er den Enkelkindern das Studium hatte finanzieren wollen. «Diese elenden Gauner», schimpft Brian und schenkt sich den vierten Brandy am gestrigen Nachmittag ein. So wie Morris ergeht es in diesen Tagen Tausenden von europäischen Rentnern, die auf der Insel der Aphrodite einen ruhigen Lebensabend verbringen wollten. Viele liessen sich ihre Lebensversicherungen auszahlen, die mit einem Jahreszins von vier Prozent oder mehr auf zypriotischen Banken angelegt wurden.

Zypern vor ökonomischem Schock

Fast schon Champagnerlaune herrschte gestern dagegen in Brüssel. Bis in die frühen Morgenstunden hatten die Finanzminister der Euro-Staaten mit Zyperns Präsident Nikos Anastasiades gefeilscht – und am Ende den baldigen Staatsbankrott Zyperns noch einmal abgewendet. «Am Ende haben wir das Ergebnis erreicht, für das die Bundesregierung immer eingetreten ist», gab der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble gestern Journalisten zu Protokoll. Kein Wort mehr davon, dass auch er vor acht Tagen der ersten Einigung der Euroländer zugestimmt hatte, die mit einer Zwangsabgabe auf alle zyprischen Bankguthaben so viel Kritik ausgelöst und im Parlament von Nikosia gescheitert war. Die nun gefundene Lösung sei «besser als die aus der Vorwoche», befand der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, welcher der Eurogruppe vorsitzt.

«Die Steuern werden deutlich steigen»

Auf Zypern kommt jetzt eine sehr harte Zeit zu. «Die Steuern werden deutlich steigen, schmerzhafte Reformen stehen an und die Spareinlagen sind kleiner», sagt UBS-Ökonom Thomas Wacker. Es gibt keinen wirklich guten Vergleichsfall. «Am ehesten lässt sich das Land mit Portugal vergleichen - wenn man von der Grösse der Banken absieht», sagt Wacker, «Irland beispielsweise hat einen anderen Weg genommen, es ist ein Hub mit jungen, gut ausgebildeten Menschen und es hat die Voraussetzungen, um aus eigener Kraft wieder zu wachsen.»

Und was sind die Gasreserven vor Zyperns Küsten wirklich wert? Dazu gibt es eine Berechnung der UBS-Analysten vom Golf von Mexiko: Letzte Woche erfolgte dort ein Verkauf von Förderrechten für ein Gebiet von 156 000 Quadratkilometern, etwa die doppelte Grösse des östlichen Mittelmeerbeckens. Gemäss Schätzungen könnten 890 Millionen Barrel Rohöl und 1,9 bis 3,9 Billionen Kubikmeter Erdgas gefördert werden. Der Marktpreis liegt um die 600 Milliarden US-Dollar. Die Zahlung, die geleistet wurde, entsprach aber gerade einmal 0,26 Prozent des Wertes. «Wenn man davon ausgeht, dass lediglich 30 bis 50 Prozent der unter dem Meeresboden liegenden Vorkommen gefördert werden können, liegt die Zahlung sogar bei nur 0,1 Prozent des Wertes der Vorkommen», sagt Wacker. Die Differenz lasse sich mit den Risiken um die Förderung, Erschliessung, den Investments, den politischen und den Steuer- sowie den Enteignungsrisiken erklären. (Nik)

An die Stelle einer Abgabe für alle Sparer und Anleger tritt jetzt ein massiver Umbau des zyprischen Bankensektors. So müssen die Zyprioten die zweitgrösste Bank des Landes opfern – eben jene Laiki-Bank, wo Rentner Morris sein Konto hat. Einlagen unter 100 000 Euro werden diesmal ganz im Sinne der europarechtlichen Garantie nicht belangt und auf eine andere Bank übertragen. Alle höheren Guthaben jedoch verfallen. 4,2 Milliarden Euro sollen so zur Rettung Zyperns zusammenkommen. Ebenfalls nicht ungeschoren davon kommt die Bank of Cyprus, das grösste Geldhaus des Landes: Ungefähr 40 Prozent der hier deponierten Einlagen werden zur Abwendung des Staatsbankrotts herbeigezogen.

In Brüssel rechnet man damit, dass Zyperns Finanzsektor mit diesen Massnahmen bis 2018 auf die Hälfte des jetzigen Volumens schrumpfen wird. Bisher ist die Bilanzsumme der Banken acht Mal so gross wie die Wirtschaftsleistung des Landes. «Das zypriotische Geschäftsmodell war einfach nicht überlebensfähig», sagte gestern der EU-Kommissionschef José Manuel Barroso, der gleichzeitig die Gründung einer Task-Force für Zypern ankündigte, die untersuchen soll, auf welcher Basis die Wirtschaft neu aufgebaut werden kann.

Wer Sorgen hat, hat auch Schnaps

Die Zyprioten strömten gestern in die Kirchen. Männer und Frauen hatten Tränen in den Augen, zündeten Kerzen an und küssten inbrünstig die Heiligenbilder. «Nur Gott kann uns jetzt noch helfen», murmelte eine Frau, die ihren Job bei der Laiki-Bank verlieren wird. Die Mutter von vier Kindern hatte nach der türkischen Invasion vor 39 Jahren Haus und Hof bei Kyrenia verloren. Nach den Türken, meinte sie verbittert, hätten sie jetzt die Deutschen beraubt.

Nur wenige Zyprioten sind in den Stunden tiefer Wut bereit, die eigenen Versäumnisse anzuerkennen. Die Einsicht, dass man für die Fehler der eigenen Regierung geradezustehen hat, ist wenig verbreitet. Warum wird ausrechnet am kleinen Zypern ein Exempel statuiert?, fragen die Menschen an einem Zeitungskiosk in Nikosia. Antworten hat an diesem Morgen niemand parat. Dafür schenkt die Kioskbetreiberin den Kunden zur Beruhigung der Gemüter einen Schnaps aus.