1914 BIS HEUTE: «Schon die erste Flotte war umstritten»

Die Schweizer Luftwaffe begann mit einem Schwyzer. Und musste sich im Laufe der Zeit immer wieder anpassen, wie Militärhistoriker Rudolf Jaun erklärt.

Interview Arno Renggli
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Die französische Blériot XI-2 war das erste Kampfflugzeug, das die Schweiz beschaffte. (Bild: PD)

Die französische Blériot XI-2 war das erste Kampfflugzeug, das die Schweiz beschaffte. (Bild: PD)

Wie muss man sich die Schweizer Luftwaffe 1914 vorstellen? Bestand sie nicht primär aus einer heterogenen Gruppe von einzelnen Pionieren mit ihren persönlichen Maschinen?

Rudolf Jaun*: Es war in der Tat so, dass die wenigen Piloten, die über eine Maschine verfügten, nach Bern aufs Beundenfeld beim Wankdorf einberufen wurden. Zum Kommandanten wurde der Kavallerie-Instruktionshauptmann Theodor Real aus Schwyz ernannt, welcher selbst über ein Flugbrevet und eine Maschine verfügte. Verschiedene europä­ische Länder verfuhren ähnlich. Einzig Frankreich verfügte bereits über eine Flugwaffe mit einer Systemflotte.

Wann entstand denn die Flotte?

Jaun: Mit der Planung und dem Aufbau einer Fliegertruppe wurde sofort begonnen. Im Herbst 1914 zogen die Flieger nach Dübendorf. Während des 1. Weltkrieges wurden in Thun 120 Maschinen gebaut, die das erste Rückgrat der Fliegertruppen bilden sollten.

Spielten im 1. Weltkrieg Flugzeuge in den Überlegungen der Schweizer Heeresführung schon eine grössere Rolle?

Jaun: Im Gleichschritt mit den Krieg führenden Streitkräften wurden die Flieger primär für Aufklärung, Artilleriebeobachtung und Grenzüberwachung eingesetzt. Dies zusammen mit den Ballontruppen, die noch bis in die 1930er-Jahre bestanden.

Generell veränderte sich die Funktion der Flugzeuge während des 1. Weltkriegs, weil sie auch im Kampf eingesetzt wurden. Aber nirgendwo spielten sie eine entscheidende Rolle.

Jaun: Entscheidend in der Tat nicht, aber nach 1915 kam es zu erbitterten Luftkämpfen zwischen Kampfflugzeugen. Es gab auch erste Bombardierungen, etwa auf Freiburg im Breisgau. Mehr als ein paar Dächer gingen aber nicht in die Brüche. Die Fusssoldaten in den Gräben schauten den Luftkämpfen gerne zu, und die aufstrebenden Filmstudios kreierten den Mythos der Fliegerasse.

Was bedeuteten die Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg für die militärische Weiterentwicklung der Fliegerei? Auch in Bezug auf Einsatzkonzeptionen?

Jaun: Der Weltkrieg zeigte das Potenzial der Kampfflieger auf. Bei der Schluss­offensive der Alliierten gegen die Deutschen kam der Stellenwert der Luftüberlegenheit erstmals zum Tragen. In der Folge entwickelten sich drei Einsatzarten.

Welche?

Jaun: Erstens der Luftkampf gegen gegnerische Flieger. Zweitens das gemeinsame Vorgehen von Boden- und Lufttruppen, das ins Konzept der «deep battle» integriert wurde und dann im 2. Weltkrieg als Blitzkriegsstrategie zum Tragen kam. Drittens die strategische Bombardierung, welche schon um 1900 durch den berühmten italienischen General und Luftkriegstheoretiker Giulio Douhet beschrieben worden war. Grossbritannien baute dann vor dem 2. Weltkrieg eine strategische Bomberflotte auf, welche bis zur Bombardierung von Dresden im Frühjahr 1945 eine tragende Rolle spielen sollte.

Und die Schweiz?

Jaun: In der Schweiz wurde 1929 die erste moderne Systemflotte (Dewoitine) beschafft. Die Beschaffung löste bereits damals eine lebhafte politische Kontroverse aus. Unter den Kampfparolen «Luftkrieg-Horror», «zu hohe Kosten» und «ein Kleinstaat wie die Schweiz könnte nichts ausrichten» wurde die Beschaffung von der Linken bekämpft. Diese unterstützte in den 1930er-Jahren dann aber die Aktion «1000 Flugzeuge für die Schweiz» des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler. Da aber der Rüstungsmarkt ausgetrocknet war, konnte fast nichts mehr gekauft werden.

Im 2. Weltkrieg spielten Flugzeuge schon eine massivere Rolle. Inwiefern? Doch auch hier scheinen sie nicht die ganz entscheidende Funktion zu haben, zumindest nicht in Europa.

Jaun: Kampfflugzeuge spielten eine «massive», aber nicht allein kriegsentscheidende «Rolle». Der Lufthoheit kam nun ein hoher Stellenwert zu. Aber auch im Pazifik, wo sich die bisher grössten Luftkämpfe und erbitterte Kämpfe zur See zwischen Amerikanern und Japanern abspielten, sollte am Ende der Einsatz der Atombombe den Krieg entscheiden.

Wie sah die Schweizer Konzeption eines Einsatzes der Luftwaffe aus? Wäre man bereit gewesen?

Jaun: Die Schweiz hatte eine respektable Truppe mit Flugzeugen aus Eigenproduktion (C-35) und zugekauften Flugzeugen aus Frankreich (Morane) und Deutschland (Messerschmitt). Bemerkenswert war auch der Aufbau eines Miliz-Pilotenkorps, das sich 1940 bewährte bei Luftraumverletzungen deutscher Kampfflugzeuge, die aus dem Raum Lyon auf dem Rückflug waren; und das sich so sehr bewährte, dass, um eine Eskalation mit Deutschland zu vermeiden, auf weitere Interventionen verzichtet wurde. Die Deutschen wollten auch die Messerschmitts zurückhaben, die Schweiz ging aber nicht darauf ein.

Bedeutete Hiroshima einen Paradigmenwechsel in der Luftwaffe?

Jaun: Bei den Grossmächten USA und UdSSR sollten der Aufbau und die Weiterentwicklung von strategischen Atombomberflotten, neben den land- und see­ge­stützten Abschusssilos, einen bedeutenden Stellenwert erhalten und behalten.

Welche Bedeutung kam der Flug­waffe im Kalten Krieg zu?

Jaun: Sowohl die Nato wie der Warschauer Pakt bauten Massenstreitkräfte auf, die mit massiver Unterstützung der Luftwaffen in tiefen Schlachten eingesetzt werden sollten. Diese Konzepte wurden laufend optimiert und endeten bei der satelliten- und computergestützten AirLand Battle (Luft-Land-Kampf), bei der der Warschauer Pakt schliesslich nicht mehr mithalten konnte.

Wie reagierte die Schweiz?

Jaun: Die Schweiz baute in den 50er- und 60er-Jahren eine Kampfjetflotte auf, die für Luftkampf gegen einfliegende Kampfjets und Unterstützung der Erdtruppen konzipiert war. Ende der 50er-Jahre wurde allerdings das Luftraumverteidigungskonzept geändert und anstatt des schweizerischen P-16 eine Schweizer Version der französischen Mirage III bestellt. Diese sollte auch sogenannte Counter-Air-Einsätze, also Gegenangriffe, gegen Atomabschusssilos fliegen können.

Hier kam es zum politischen Skandal.

Jaun: Diese sehr teure Variante führte zu einer Kostenüberschreitung und zur Reduktion der Bestellung von 100 auf 60 Flugzeuge. Sie bewährten sich, obwohl bei der Bestellung erst auf dem Reissbrett bestehend, während über 30 Jahren vorzüglich. Die Verkleinerung der Flotte führte allerdings zu einer Anpassung der militärischen Verteidigungskonzeption, da ein ausreichender Luftschirm für eine primär bewegliche Kampfführung nicht mehr gegeben war. Die Lösung war eine flächendeckende statische Abwehr in Kombination mit mechanisierten Gegenschlägen: die Konzeption vom 6. 6. 1966.

Auch bei neueren Konflikten wie in Vietnam wurde heftig aus der Luft gekämpft. Doch passierte das Entscheidende wieder auf dem Boden.

Jaun: Die etwas frivole Idee, Kriege könnten allein aus der Luft entschieden werden, lag ja schon Giulio Douhets Bomber-Konzept zugrunde. Die Luftwaffen hatten in Vietnam einen hohen Stellenwert. Ein rein quantitativ-technizistischer Ansatz musste aber scheitern. Die neuesten Konflikte und Kriege im Irak oder in Afghanistan zeigen auf, dass grundsätzlich überall Bodentruppen nötig sind; doch auch sie sind in der Komplexität moderner Gesellschaften nicht das Mittel, das einen Krieg «gewinnen» kann.

Der bereits hoch technisierte erste Golfkrieg ist ein gutes Beispiel dafür.

Jaun: Ja, die obige Antwort gilt auch hier. Vor allem in den USA wird die jeweilige Wichtigkeit der Bodentruppen und der Luft­waffe in der Operation Desert Shield/Storm bis heute diskutiert. Die Luftwaffe sah sich als entscheidendes Element, zerstörte in einer mehrwöchigen Kampagne einen Grossteil der irakischen Streitkräfte auf dem Boden und erschütterte deren Moral. Das Heer führte in einer 100-Stunden-Kampagne ein lehrbuchmässiges Manöver, legte erstaunliche Distanzen zurück und zeigte die Überlegenheit seines Materials auf. Es ist heute schwer, zu beurteilen, ob der Einsatz am Boden notwendig war. Dennoch trieb er die verbleibenden irakischen Truppen zur Flucht aus Kuwait, obschon einige für das Regime wichtige Verbände entkamen.

Auch in jüngster Zeit, etwa in Syrien, scheinen Luftangriffe kaum Entscheidendes zu bewirken, wenn man nicht gerade Totalschäden anrichten will.

Jaun: Es kommt auf die Art des Konfliktes an. Libyen zeigt ein anderes Bild als Syrien. Der Traum, einen Gegner rein aus der Luft ausschalten zu können, wird weiter gesponnen, wie auch Ihre Fragen zeigen. In Libyen kamen der UNO-Resolution folgend keine Bodentruppen zum Einsatz, ausgenommen Spezialkräfte. Heute zeigt sich, dass das Land nicht stabil ist. Was mit einem allerdings massiven Einsatz von Bodentruppen vielleicht besser herausgekommen wäre. In Syrien kommen auf Seite des Regimes wie auch von aussen, etwa aus Israel, Luftmittel zum Einsatz, wobei letztere interventionsartig und beschränkt wirksam sind.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Aussicht auf einen stabilen Frieden in Europa mussten auch in der Schweiz die Szenarien für einen Einsatz der Luftwaffe angepasst werden.

Jaun: Es war eher die finanzpolitische Entwicklung, wegen der die Fähigkeit der Erdkampfunterstützung aufgegeben werden musste. Politisch sprach sich das Schweizer Volk 1993 für die Beschaffung der F/A-18 und damit für eine Weiterentwicklung der Luftwaffe aus. Diese muss sich heute auf die Luftraumüberwachung und den Luftkampf gegen einfliegende Kampfjets im Konfliktfall konzentrieren.

Welche Szenarien, auch mit Blick auf die Zukunft, gibt es, wann und wie eine Schweizer Luftwaffe überhaupt noch zum Einsatz kommen könnte?

Jaun: Die heutige Situation ist nicht wesentlich anders als in den 1990er-Jahren, als der Krieg zurückkehrte nach Europa. Der bewaffnete Schutz des Luftraumes und die Fähigkeit, mindestens eine Zeit lang einen Abwehrkampf im Luftraum zu führen, steht im Vordergrund. Gesamtverteidigung gibt es seit Ende der 1990er-Jahre nicht mehr. Aber die Armee hat noch immer ihren dreiteiligen Auftrag: Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden und Friedensförderung im internationalen Rahmen. Und sie soll die Schweiz auch im Luftraum schützen und, wenn nötig, verteidigen können.

Hinweis

* Prof. Dr. Rudolf Jaun ist Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit und Militärgeschichte an der Universität Zürich. Seine Forschungsgebiete sind zurzeit die Sozial- und Militärgeschichte der Schweiz.