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ABSCHIED: Thomas Bornhauser: «Diese Aufgabe ist ein grosses Privileg»

Er hat 20 Jahre lang die «Neue Luzerner Zeitung» geprägt. Jetzt tritt Chefredaktor Thomas Bornhauser (60) ab. Im Interview spricht er offen über Druckversuche, Marktmacht und Einsamkeit.
Interview Flurina Valsecchi
Die Arbeit als Chefredaktor bei der «Neuen Luzerner Zeitung» war für ihn eine Lebensaufgabe: Thomas Bornhauser. (Bild: Archiv Neue LZ)

Die Arbeit als Chefredaktor bei der «Neuen Luzerner Zeitung» war für ihn eine Lebensaufgabe: Thomas Bornhauser. (Bild: Archiv Neue LZ)

Interview Flurina Valsecchi

Deine letzte Woche als Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung» und ihrer Regionalausgaben ist angebrochen. Doch für unsere montägliche Rubrik «Die Menschen hinter der Zeitung» konnten wir dich bis jetzt noch nie interviewen. Warum hast du gekniffen?

Thomas Bornhauser: Der Chef steht funktionsbedingt oft im Schaufenster, ich muss es nicht noch zusätzlich zelebrieren. Und vor allem sollen auch andere Kollegen Rampenlicht erhalten.

Tatsächlich, anstatt den Aussenmi­nister zu spielen, engagierst du dich lieber im Tagesgeschehen auf der Redaktion. Cüpli-Anlässe widerstreben dir geradezu.

Bornhauser: Wenn einer als Chefredaktor vor allem Aussenminister ist, dann wird er mit der Zeit zur PR-Figur. Er vertritt dann etwas, was er in der Entstehung gar nicht mehr massgeblich beeinflusst. Und das passt nicht zu meinem Verständnis von Glaubwürdigkeit.

Doch als Vielschreiber bist du weniger aufgefallen.

Bornhauser: Ich will das Produkt von innen heraus bestimmen, nicht als Chefjournalist, sondern als Chefredaktor. Ich will für eine optimale Bühne verantwortlich sein, auf welcher sich die talentierten Autoren entfalten können.

Du hast in Genf internationale Beziehungen studiert. Trauerst du heute einer Botschafter-Karriere nach?

Bornhauser: (lacht) Nein, keinen Moment. Wobei: Es ist nicht auszuschliessen, dass ich nach dem Studium, im Alter von 24 Jahren, diplomatischer war als heute.

Stattdessen bist du über 20 Jahre lang in der beschaulichen Zentralschweiz geblieben. Du bist inzwischen mit Abstand der dienstälteste Chefredaktor einer Schweizer Tageszeitung. Die «Neue Luzerner Zeitung» und ihre Regionalausgaben führst du seit der Fusion 1996 zwischen LNN und der «Luzerner Zeitung». Hast du den Absprung verpasst?

Bornhauser: Nein. Ich konnte hier in der Zentralschweiz an massgeblicher Stelle beim Aufbau einer neuen Zeitung anpacken. Derlei ist nicht innert ein paar Jahren erledigt. Es gab zwar mal ein richtig attraktives Angebot aus Zürich, das ich dann aber abgelehnt habe. Hier in Luzern habe ich meine Lebensaufgabe gefunden. Es war ein grosses Privileg, dass ich diese Arbeit hier machen durfte.

Doch der Job hat auch seine Schattenseiten: lange Arbeitstage, unregelmässige Arbeitszeiten und grosser Druck. Deine Familie musste zurückstecken. Hat sich der Chrampf gelohnt?

Bornhauser: Man soll dankbar sein, wenn man seine beruflichen Talente gut einbringen kann. Ich bedaure deshalb nichts.

Dein grösster Erfolg? Deine grösste Niederlage?

Bornhauser: Beginnen wir mit der Niederlage: Das ist eine persönliche, nämlich, dass meine Ehe scheiterte. Die zwei grössten Erfolge sind, dass ich meine drei Kinder in tragender Verantwortung ins Erwachsenenleben begleiten durfte und dass ich eine neue Zeitung von der Geburt bis zur Volljährigkeit führen durfte.

Was würdest du rückblickend anders machen?

Bornhauser: Vieles würde ich wieder ähnlich machen.

Oft wird beklagt, dass die Zeitungen nur noch oberflächliche, reisserische Berichte bringen. War früher tatsächlich alles besser?

Bornhauser: Als ich vor über 35 Jahren als junger Journalist in Luzern startete, hatte man in bürgerlichen Kreisen das Recherchieren noch als Schimpfwort empfunden. Von Transparenz keine Spur. Es war noch gar nicht allzu lange her, dass im Verwaltungsrat des «Vaterlands» etwa amtierende Regierungsräte sassen! Unabhängiges journalistisches Handwerk ist bei uns ein relativ junges Produkt. Die Zeitungen von heute müssen viel besser sein, das Publikum ist heute – zum Glück – emanzipiert und anspruchsvoll.

Du kennst die Innerschweiz und ihre Meinungsträger bestens. Wie schaffst du es, unabhängig zu bleiben?

Bornhauser: Der Chefredaktor einer unabhängigen Regionalzeitung darf zwar da und dort ein bisschen dabei sein, aber es darf keine «Freundesdienste» in der Zeitung geben. Das grenzt faktisch auch Freundschaften ein. Das ist ein durchaus hoher Preis, den ich aber bezahlte, weil ich diesen Anspruch ernst nahm. Ein Beispiel: 1994 wurde ich Mitglied bei den Rotariern, schon nach kurzer Zeit wollte man über mich Einfluss auf die Berichterstattung nehmen. Da sagte ich das erste Mal Nein. Beim zweiten Versuch trat ich aus.

Bist du einsam geworden?

Bornhauser: Offiziell haben wir alle ja «schampar» viele Freunde. Doch ich bin überzeugt, dass man in dieser Funktion tatsächlich auch ein Stück Alleinsein ertragen muss. Im Rotary-Club zum Beispiel lernte ich wundervolle Menschen kennen. Doch als öffentliche Figur droht dir leider permanent Vereinnahmung.

Welche Druckversuche hast du erlebt?

Bornhauser: Oh, das gäbe eine ziemliche Liste! Darauf würde man Profipolitiker und Bundesparlamentarier finden, auch Inseratekunden. Und vereinzelt Verwaltungsvertreter. Natürlich gibt es dann auch intern die Versuchung, bei derlei Druckversuchen «die fünf grade sein zu lassen».

Hat dir dieser Druck nie zugesetzt?

Bornhauser: Doch, sicher. Das waren etliche schwierige Momente. Das hat mich bisweilen echt belastet, zumal in derlei Fällen der Chefredaktor sehr schnell sehr einsam ist. Aber wir sind nicht den Mächtigen verpflichtet und auch nicht denen, die auf Zeit gewählt sind. Wir müssen stattdessen für die «einfachen Leser» da sein, für «Frau Meier und Herrn Müller», wie ich zu sagen pflegte. Sie wollen transparent informiert werden über das, was in unserer Region geschieht.

Manchmal hast du auch polarisiert. Besonders von linker Seite wird dir vorgeworfen, du betreibest Kampagnenjournalismus.

Bornhauser: Die Innerschweiz ist im Kern konservativ und ländlich geprägt. Da wäre eine linke Zeitung zum Scheitern verurteilt. Dass ideologische Linke deshalb mit mir über all die Jahre Mühe gehabt haben, verstehe ich bestens. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, die Leute zu bekehren. Allerdings habe ich persönlich eine grosse Sensibilität gegenüber echten sozialen Engpässen. Ich kenne es aus meiner eigenen Kindheit, wie es ist, wenn eine Familie schauen muss, dass es genug hat für die elementarsten Bedürfnisse.

Man hört von den Kritikern, wir würden unsere Monopolstellung für einseitige Berichterstattung ausnutzen.

Bornhauser: Dieses Thema hat mich in all den Jahren immer wieder beschäftigt und auch emotional in Beschlag genommen. Auf der einen Seite ist eine marktdominante Stellung heute unverzichtbar, wenn man als Medienunternehmen Bestand haben will. Auf der anderen Seite bedeutet diese Marktmacht eine enorme Verantwortung. Wir müssen so fair wie irgendwie möglich mit den Menschen bei uns umgehen. Wir dürfen nicht mit Kanonen auf Spatzen schiessen. Aber wir müssen gleichzeitig den Mut haben, die Probleme beim Namen zu nennen.

Und ist dir das gut gelungen?

Bornhauser: Da gibt es ohne Zweifel Betroffene, die mit einem «Nein» antworten würden. Insgesamt allerdings sprechen die Ergebnisse der Zeitung im Lesermarkt für sich. Konkret aber heisst das: Jede Ausgabe ist eine neue Herausforderung. Haben wir die Probleme und Schwachstellen auf den Punkt gebracht? Und wenn ja: Ist das nicht auf Kosten von Wehrlosen, Unschuldigen oder Kleinen geschehen?

Kommen wir auf deinen Führungsstil zu sprechen.

Bornhauser: Gerüchteweise heisst es, ich sei ein Softie.

Du nimmst es mit Humor. Doch Spass beiseite. Ich habe kürzlich Folgendes über dich gelesen: «Bornhauser führt mit Zuckerbrot und Peitsche, wobei ihm die Peitsche wesentlich lieber ist.»

Bornhauser: Der Nachrichtenfluss wird immer schneller, der Wettbewerb spielt knallhart um die verfügbare Zeit der Medienkonsumenten. Da müssen wir als Journalisten Leistung bringen. Umso mehr braucht es Chefs, die nicht Popularität als oberstes Ziel sehen, sondern die von ihren Mitarbeitern viel fordern und sie so gleichzeitig fördern.

Mein Eindruck: Du verlierst nicht gern? Das hat wohl mit deiner Leidenschaft für den Sport zu tun, du bist ein Fan des FCL und des EVZ.

Bornhauser: (lacht) Deshalb hat es dich vorher vielleicht überrascht, dass ich eine persönliche Niederlage zugegeben habe. Ich bin in meinem Geist Mannschaftssportler.

Früher bist du im Goal gestanden.

Bornhauser: Der Goalie ist Teil der Mannschaft, hat aber gleichzeitig auch einen guten Überblick. Es gilt, das Team anzufeuern, man muss alles für den Sieg tun. Das ist beim Zeitungmachen ähnlich. Man sollte angefressen sein. Vielleicht auch ein bisschen verbissen.

Während andere Zeitungen rote Zahlen schrieben, hat die Neue LZ unter deiner Führung immer Gewinn erzielt. Ist dir der wirtschaftliche Erfolg wichtiger als der Inhalt unserer Zeitung?

Bornhauser: Ohne wirtschaftlichen Erfolg gibt es auf Dauer keine journalistische Unabhängigkeit. Entweder man hat viele Leser, oder man hat Sponsoren, die sagen, wo es langgeht. Wirtschaftlicher Erfolg ist Mittel zum journalistischen Zweck. Wenn wir mit unserer Berichterstattung viele Leser erreichen, dann kommen auch die Inserenten. Denn sie inserieren ja, um unser Publikum zu erreichen.

Doch auch bei uns sind die Abozahlen rückläufig. Immer weniger sind bereit, für Zeitungen zu bezahlen. Hast du eine Antwort auf diese Entwicklung?

Bornhauser: Immerhin haben wir auch im letzten Jahr die Einnahmen aus dem Lesermarkt leicht steigern können. Die NZZ-Mediengruppe führt nun in den überregionalen Themen die Redaktionen in St. Gallen und in Luzern zusammen. Im Kern ist dieser Schritt richtig. Auf Dauer müssen wir mit weniger Geld eine bessere Zeitung machen. Das heisst: Die bezahlte Zeitung muss in heutiger Zeit gar nicht mehr alle Themen abdecken, sondern sich fokussieren. Und das zielgenau, was genaue Kenntnisse der Leserbedürfnisse erfordert. Und auf Verlagsebene braucht es eine Weiterentwicklung der publizistischen Geschäftsmodelle.

Wie stark hat es dich geschmerzt, dass du jetzt Platz machen musst für eine neue Führungscrew?

Bornhauser: Die Art und Weise hat mich getroffen. Man hätte mich vor dem Entscheid ins Vertrauen ziehen können. Das ist nicht geschehen. Trotzdem wollte ich den Bettel nicht einfach hinschmeissen, denn die Neue LZ ist und bleibt ja auch ein bisschen «meine» Neue LZ. Ich will also beitragen zu bestmöglichen Startbedingungen für meine Nachfolger.

Künftig wirst du als Autor für unsere Zeitung im Einsatz sein. Worüber wirst du den ersten Artikel schreiben?

Bornhauser: Schauen wir mal! Jetzt will ich erst mal ein bisschen reisen, zur Ruhe kommen und lesen.

Zum Schluss: Welche Schlagzeile würdest du noch gerne setzen?

Bornhauser: Ich hatte jetzt 20 Jahre lang in weit über 4000 Tagesleitungen genug Möglichkeiten, Schlagzeilen redaktionell zu begleiten. Das reicht.

Thomas Bornhauser im Jahr 2008 in Diskussion zur Lancierung der «Zentralschweiz am Sonntag» zusammen mit Verwaltungsratspräsident Erwin Bachmann (Mitte) und Jürg Weber, Leiter Regionalmedien NZZ. (Bild: Archiv Neue LZ)

Thomas Bornhauser im Jahr 2008 in Diskussion zur Lancierung der «Zentralschweiz am Sonntag» zusammen mit Verwaltungsratspräsident Erwin Bachmann (Mitte) und Jürg Weber, Leiter Regionalmedien NZZ. (Bild: Archiv Neue LZ)

Thomas Bornhauser im Jahr 2002 am nationalen Tochtertag im «Bildfokus» seiner Tochter Cornelia. (Bild: Archiv Neue LZ)

Thomas Bornhauser im Jahr 2002 am nationalen Tochtertag im «Bildfokus» seiner Tochter Cornelia. (Bild: Archiv Neue LZ)

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