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ALPEN: Gletschern fehlt schon die Schutzschicht

Allein in diesem Sommer könnte der Titlisgletscher um 3 Meter schrumpfen. Geht es so weiter, ist dieser laut ­Experten in 80 Jahren verschwunden.
Die Touristenattraktion ist bedroht: Auch auf dem Titlisgletscher schmilzt das Eis. (Bild: Pius Amrein)

Die Touristenattraktion ist bedroht: Auch auf dem Titlisgletscher schmilzt das Eis. (Bild: Pius Amrein)

Yasmin Kunz

Jetzt rollt bereits die zweite Hitzewelle über die Schweiz. Gestern Freitag dürfte laut Meteorologen sogar der heisseste Tag mit Temperaturen im Flachland von bis zu 35 Grad gewesen sein. Diese Hitze setzt nicht nur Menschen und Tieren zu, sondern auch den Gletschern. Ganz im Gegensatz zum Vorjahr: 2014 hat sich der kühle, nasse Sommer positiv auf die Eismassen ausgewirkt. Der Titlisgletscher etwa schmolz rund 70 Prozent weniger als noch 2013, schätzt Peter Reinle, Leiter Marketing der Titlis-Bahnen. Auf dem Gemsstock oberhalb von Andermatt hat man vergangenes Jahr sogar einen Zuwachs an Eismasse festgestellt, wie Carlo Danioth, Pisten- und Rettungschef bei der Andermatt-Sedrun Sport AG, sagt.

Rund 300 Meter weniger Gletscher

Dass die Gletscher aufgrund der letzten beiden Sommer weniger an Eismasse verloren haben, belegen nun auch Zahlen vom Schweizerischen Gletschermessnetz. Während die Zunge des Firnalpeligletschers (zirka 1900 bis 2400 m ü. M.) bei Engelberg von 2012 bis 2014 rund 8 Meter vorrücken konnte, ist er 2011/12 fast 7 Meter zurückgegangen (siehe Grafik). Seit Beginn der Messungen im Jahr 1894 hat der Firnalpeligletscher insgesamt 296 Meter verloren, was rund einem Fünftel der anfänglichen Länge entspricht. Eindrücklich ist auch ein Blick auf die Entwicklung der Fläche: 1973 mass der Gletscher noch 0,81 Quadratkilometer, 2010 waren es noch 0,63. Das ist ein Flächenverlust von 24,45 Prozent.

Der schützende Schnee ist weg

Andreas Bauder, Glaziologe bei der ETH-Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie, kommentiert die Entwicklung: «Bei kleinen Gletschern wie dem Firnalpeligletscher kann es vorkommen, dass in Einzeljahren an der Zunge abgelagerte Schneemassen aus dem vergangenen Winter den Sommer überdauern.» Bei grösseren Gletschern hingegen würden die Gletscherzungen zu tief liegen. Der Schnee schmelze daher jeweils über den Sommer weg.

Dieses Jahr dürfte die Bilanz allerdings für alle Gletscher negativ ausfallen. Peter Reinle sagt: «Diese Hitze ist ganz schlecht für die Gletscher.» Es gebe auf dem Titlisgletscher, der auf 3000 Metern über Meer liegt, teils schon Flächen, wo die schützende Schneeschicht bereits weggeschmolzen ist «und die Sonne nun auf das Eis scheint».

Auch Carlo Danioth bestätigt: «Auf dem 2963 hohen Gemsstock oberhalb von Andermatt ist an den Felswänden bereits der meiste Schnee weg.»

August und September abwarten

Wie arg sich die heissen Tage in Luzern zählte Meteo Schweiz bis gestern 15 Hitzetage – auf die hiesigen Gletscher im Endeffekt auswirken, ist noch offen. Denn die Monate August und September werden ausschlaggebend sein, wie stark die Gletscher unter dem Sommer gelitten haben. Reinle vermutet allerdings, dass die Eismassen des Titlisgletschers heuer zwischen 1 und 3 Meter an Dicke verlieren könnten.

Auch Glaziologe Bauder beobachtete, dass die Zunge des Grossen Aletschgletschers in den letzten Wochen stark ausgeapert geschmolzen – ist. Laut Bauder gibt es ein weiteres konkretes Anzeichen für den massiven Gletscherschwund: «Die Abflussrate der Bäche unterhalb der Gletscher ist sehr hoch.»

Der heisse Sommer ist nicht allein verantwortlich für die Schmelze, weiss Reinle von den Titlis-Bergbahnen. «Der vergangene Winter war bei uns nicht sehr schneereich und demzufolge die schützende Schicht über den Eismassen nicht gross genug, um dieser Hitze zu trotzen.» Das bestätigt auch Bauder: «Auf der Alpennordseite war der Schneefall im Winter unterdurchschnittlich bis durchschnittlich. Die Südseite hingegen wurde genug eingeschneit.»

Ob die Bilanz der Schmelzmasse heuer ähnlich sein wird wie im heissen Sommer von 2003 lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Reinle schätzt, dass der Sommer 2003 noch schlechter war für die Gletscher als der aktuelle. «Damals sind im August und September noch grosse Eismassen geschmolzen.» Ein Blick in die Zahlen des Schweizerischen Gletschermessnetzes bestätigen dies: 2003/04 hat beispielsweise der Firnalpeligletscher 36,2 Meter an Länge verloren. Das sind über fünfmal mehr als 2011/12.

Vliese schützen exponierte Stellen

Sowohl auf dem Titlis wie auch auf dem Gemsstock werden für den Schutz der Gletscher seit 2005 Kunststoffvliese eingesetzt. Gemäss Bauder ist diese Abdeckung sehr effektiv: «Unter dem Vlies schmilzt nur rund ein Drittel der Schnee- oder Eisschicht im Vergleich zu nicht abgedeckten Stellen.» Rund 7000 Quadratmeter, das entspricht knapp einem Fussballfeld, deckt man am Titlis mit Vlies ein. Reinle: «Wir packen exponierte Stellen ein, die auch für den Tourismus von zentraler Bedeutung sind.» So würden beispielsweise Teile des Gletscherparks mit Vlies bedeckt. Weiter schütze man auch die Eismassen rund um die Masten des Gletscherskilifts. «Würden wir diese nicht abdecken, so müssten wir jeden Herbst die Masten neu richten und setzen.»

Trotz der aktuellen Hitze sind weitere Gletscherabdeckungen nicht geplant. «Wir können nicht den ganzen Gletscher einpacken. Das ist personell und finanziell nicht tragbar und zudem auch nicht schön anzuschauen», sagt Reinle. «Wir müssen es hinnehmen, dass unsere Gletscher wegschmelzen.»

Eingepackt: Ein Vlies soll Teile des Titlisgletschers - hier beim Gletscherpark - vor der Sonneneinstrahlung und somit vor dem Schmelzen schützen. (Bild: Pius Amrein)

Eingepackt: Ein Vlies soll Teile des Titlisgletschers - hier beim Gletscherpark - vor der Sonneneinstrahlung und somit vor dem Schmelzen schützen. (Bild: Pius Amrein)

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