ALTER: «Die Früherkennung ist zentral»

Seit zwei Monaten werden in der Memory Clinic Zentralschweiz in Luzern Demenzkranke abgeklärt. Die leitende Ärztin sagt, warum die Termine schon über Wochen ausgebucht sind.

Interview Christian Hodel
Drucken
Teilen
Patienten mit Gedächtnisstörungen oder Demenz lassen sich an der Memory Clinic Zentralschweiz abklären. Im Bild: Marion Reichert, Leiterin der Klinik, am neu eröffneten Standort Luzern, der sich auf dem Areal des Luzerner Kantonsspitals befindet. (Bild Corinne Glanzmann)

Patienten mit Gedächtnisstörungen oder Demenz lassen sich an der Memory Clinic Zentralschweiz abklären. Im Bild: Marion Reichert, Leiterin der Klinik, am neu eröffneten Standort Luzern, der sich auf dem Areal des Luzerner Kantonsspitals befindet. (Bild Corinne Glanzmann)

Schlüssel vergessen, Name entfallen, Kochplatte nicht ausgemacht: Laut der Schweizerischen Alzheimervereinigung gibt es in der Schweiz schätzungsweise 116 000 Demenzkranke. Allein im Kanton Luzern kommen jedes Jahr rund 1300 Personen dazu. Wer die Krankheit frühzeitig erkennt, schafft sich und seinem Umfeld erhebliche Vorteile, sagt Marion Reichert (45), Leitende Ärztin und Stellenleiterin Ambulante Alterspsychiatrie der Luzerner Psychiatrie (Lups). Seit zwei Monaten führt sie zusammen mit Thomas Nyffeler, Chefarzt Neurorehabilitation des Luzerner Kantonsspitals (Luks), die neu entstandene Memory Clinic Zentralschweiz mit den Standorten Sursee und Luzern – einem Ambulatorium zur Abklärung von Gedächtnisstörungen.

Marion Reichert, haben Sie Angst, an Demenz zu erkranken?

Marion Reichert: Ja, eine gewisse Angst habe ich schon, so wie die meisten Menschen. Ich nenne das die Angst der Gesunden. Man fürchtet sich davor, einst Hilfe annehmen zu müssen, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Damit umzugehen, ist herausfordernd.

Und wie gehen Betroffene damit um?

Reichert: Unterschiedlich. Viele merken anfänglich, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Aber sie können die Veränderungen oft nicht einordnen. Insbesondere Patienten in einem Frühstadium von Demenz sind stark verunsichert. Ist die Erkrankung stark fortgeschritten, hat man manchmal den Eindruck, dass sich die meisten mit ihrem veränderten Zustand abgefunden haben. Sie leben zurückgezogen in ihrer eigenen kleinen Welt.

Eigentlich eine schöne Vorstellung.

Reichert: Nicht unbedingt. Oft entsteht der Eindruck, Betroffene leiden nicht so sehr unter der Krankheit. Demenz ist aber immer eine grosse Belastung. Der Gedächtnisverlust und die Folgen sind oft nicht das Hauptproblem. Es sind andere Krankheitsfolgen, die schwierig zu bewältigen sind. Eine Demenzerkrankung kann beispielsweise zu Verhaltensstörungen führen, etwa Gereiztheit oder aggressives Verhalten.

Was auch die Angehörigen zu spüren kriegen. Wie unterstützen Sie diese?

Reichert: Wir raten allen Klienten, die zu uns kommen, ihre engsten Begleitpersonen mit an die Sitzungen zu nehmen. Ein Grossteil der Patienten kommt dieser Aufforderung nach. Sofern die Diagnose bestätigt wird, werden alle Beteiligten über die Krankheit aufgeklärt und über den Umgang damit beraten. In den Gesprächen können auch Fragen zu weiterführenden Hilfsangeboten besprochen werden.

Die Memory Clinic am Standort Luzern gibt es seit zwei Monaten – warum braucht es das Angebot?

Reichert: Eine Demenz abzuklären, ist komplex. Verschiedene Fachdisziplinen müssen involviert werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unseren Partnern am Luzerner Kantonsspital ermöglicht eine kompetente Diagnostik und Behandlung aus einer Hand. Für eine Abklärung braucht es Zeit, die Hausärzte oft nicht haben. Bei uns umfasst diese eine bis drei ambulante Sitzungen. Bisher hatten wir in der Zentralschweiz nur in Sursee einen Standort. Aufgrund der immer grösser werdenden Nachfrage sind wir an Kapazitätsgrenzen gestossen. Ebenso haben wir gemerkt, dass Sursee nicht für alle Klienten der ideale Standort ist.

Inwiefern?

Reichert: Seit wir in Luzern sind, behandeln wir deutlich mehr Patienten aus der Stadt Luzern oder den Kantonen Nid- und Obwalden. Ältere Menschen wollen möglichst wohnortsnah die medizinischen Angebote nutzen. Das können wir nun besser bieten.

Wie viele Patienten wurden seit der Eröffnung behandelt?

Reichert: In Sursee wie auch in Luzern sind wir über Wochen ausgebucht. Aktuell beträgt die Wartezeit für einen Termin bei uns rund elf Wochen. Pro Monat können wir an beiden Standorten rund 80 Patienten abklären und behandeln. Zum Vergleich: Allein im Kanton Luzern erkranken rund 1300 Menschen im Jahr an Demenz. Aber natürlich muss nicht jeder bei uns vorbeikommen. Einfachere Formen von Demenz, etwa Alzheimer, kann auch der Hausarzt diagnostizieren.

Welche Rolle spielt die Früherkennung?

Reichert: Das ist der zentrale Punkt. Heute sind wir leider noch nicht in der Lage, Demenz zu heilen. Aber wir können mittels Medikamenten und Therapien den Prozess verlangsamen und so die Lebensqualität der Betroffenen hochhalten. Was früher einfach als Alterserscheinung hingenommen wurde, wird heute abgeklärt. Die Leute wollen wissen, was sie haben. Zu Recht, wie ich finde. Auch Demenzkranke haben ein Recht auf eine gute Abklärung.

Wie muss man sich eine Sitzung bei Ihnen vorstellen?

Reichert: Es gibt verschiedene Tests, in denen die Aktivität der Hirnfunktionen untersucht wird. Man muss etwa Formen erkennen oder Zahlen und Buchstaben. Was für ein gesundes Hirn einfach anmutet, ist für ein geschädigtes teils sehr schwer.

Wie kann man Demenz vorbeugen?

Reichert: Erkranken kann jeder. Vielleicht ist unser Gehirn einfach nicht für 100 Jahre ausgestattet. Aber es gibt Faktoren, die es schädigen. Negativen Einfluss haben etwa Stress, Rauchen oder Alkohol.

Betroffen von Demenz sind oft Senioren. Sie behandeln aber auch Kinder.

Reichert: Demenz kann auch im frühen Alter auftreten. Das ist aber eher selten. Wir untersuchen und behandeln aber nicht nur demente Patienten, sondern jegliche Art von Gedächtnisstörungen und Konzentrationsschwächen. Die Ursachen für solche Auffälligkeiten sind ganz verschieden und können in jedem Alter auftreten. Zudem prüfen wir immer mehr Personen auf ihre Fahrtauglichkeit. Viele Hausärzte holen bei einer für die Betroffenen oft einschneidenden Entscheidung eine zusätzliche Meinung ein.

Interview Christian Hodel

Hinweis

Marion Reichert (45) ist leitende Ärztin ambulante Alterspsychiatrie der Luzerner Psychiatrie (Lups) und verheiratet. Sie leitet die Memory Clinic Zentralschweiz, die vom Lups in Zusammenarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital betrieben wird.

Abteilung eröffnet

Sursee chh. Die steigende Zahl von Demenzerkrankten stellt auch Alters- und Pflegeheime in der Region vor neue Herausforderungen. In Sursee etwa wurde gestern im Haus für Pflege und Betreuung Seeblick eine Spezialabteilung eröffnet – eine geschützte Wohngruppe für Menschen mit Demenz. Sechs Plätze hat diese, wie es in einer Mitteilung heisst. Die Errichtung der Wohngruppe, die in einem eigenen Anbau untergebracht ist, kostete laut Roger Wicki, Co-Geschäftsleiter des Seeblicks, rund 1,5 Millionen Franken.

Bin auch ich betroffen? Das sind die Anzeichen

Abklärung chh. Eine Demenzdiagnose können nur Fachpersonen stellen. Doch es gibt laut der Schweizerischen Alzheimervereinigung Symptome, die auf eine Erkrankung hinweisen.

  • Vergesslichkeit: Demenzkranke haben Mühe, sich neue Informationen wie etwa Namen zu merken. Sie vergessen Verabredungen oder Ereignisse.
  • Sprache: Demenzkranke finden häufig mitten im Satz das richtige Wort nicht und benutzen schliesslich ein anderes Wort aus einem ähnlichen Kontext (etwa «Fuss» für «Schuh») oder umschreiben dieses.
  • Orientierung: Betroffene haben Mühe, sich zurechtzufinden und können sich in einer vertrauten Umgebung verlaufen. Solche Orientierungsstörungen können gerade beim Autofahren zu Schwierigkeiten führen. Demenzkranke legen vielfach Gegenstände an unlogischen Orten ab – etwa die Zahnbürste im Kühlschrank – und finden sie erst später durch Zufall wieder.
  • Gewohnheit: Im Alltag haben Demenzerkrankte plötzlich Mühe, gewohnte Tätigkeiten auszuführen. Dies äussert sich etwa durch Probleme im Gebrauch von Geräten wie etwa der Fernbedienung oder Haushaltgeräten.
  • Gemütszustand: Die Stimmung von betroffenen Personen schwankt stark und kann im Nu von Zufriedenheit in Verzweiflung oder Wut umkippen.
  • Soziales Verhalten: Demenzkranke neigen dazu, sich aus dem sozialen Leben zurückzuziehen. Sie pflegen Hobbys und Kontakte nicht mehr und verzichten auf gesellschaftliche Anlässe.

Zur Schweregradmessung einer Demenz gibt es verschiedene Tests, die Fachpersonen durchführen. Einer davon ist der Minimental-Status-Test. 30 Fragen müssen in einem Interview beantwortet werden – pro Antwort gibt es einen Punkt. Bei weniger als 24 Punkten wird von einer Demenz ausgegangen.

Hinweis
Eine Version des Schnelltests, die Ärzte durchführen, finden Sie unter: www.pflegeportal.ch/pflegeportal/pub/mmst_1115_1.pdf

Rund 100 Formen von Demenz

Krankheit chh. Laut Schätzungen lebten im Jahr 2014 im Kanton Luzern 5200 Menschen mit Demenz. Bei rund acht Prozent aller über 65-Jährigen liegt gemäss der Schweizer Alzheimervereinigung eine solche bis dato unheilbare Form von Gedächtnisstörung vor. Demenz ist ein Sammelbegriff und umfasst rund 100 Krankheiten.

100 000 Franken vom Kanton
Eine Diagnose haben aber nur etwa die Hälfte der Demenzerkrankten in der Schweiz. Hier will die im November gegründete Memory Clinic Zentralschweiz Luzern Abhilfe schaffen. Eine zweite Klinik gibt es in der Zentralschweiz seit über zehn Jahren bereits in Sursee.
Beide Angebote werden von der Luzerner Psychiatrie (Lups) in Zusammenarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital (Luks) betrieben. Für die Eröffnung der Klinik in Luzern hat der Kanton, laut deren Leiterin Marion Reichert, 100 000 Franken Aufbaukosten beigesteuert. Ansonsten würden die Kosten über das ordentliche Budget der Luzerner Psychiatrie abgerechnet, so Reichert.

Hinweis
Mehr Informationen zur Demenz und zur Memory Clinic Zentralschweiz finden
Sie unter: www.lups.ch