ANDERMATT: Sprengstoff sorgt für Sicherheit

Lawinen mit Sprengstoff sicher sprengen. Darum ging es bei einem Kurs in Andermatt. Den Teilnehmern nötigte das explosive Treiben einigen Respekt ab.

Sarah Weissmann
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Instruktor Oswald Tschümperlin (links) bereitet mit Kursteilnehmer Pascal Zürcher am Nätschen ob Andermatt eine Übungssprengung vor. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Instruktor Oswald Tschümperlin (links) bereitet mit Kursteilnehmer Pascal Zürcher am Nätschen ob Andermatt eine Übungssprengung vor. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Die Sprengladungen werden berechnet und vorbereitet anlaesslich eines Eidgenoessischen Lawinensprengkurses in einem Lawinenhang im Gebiet Nätschen oberhalb von Andermatt. (Bild: URS FLUEELER)
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In den Schulungsräumen der Kaserne in Andermatt präparieren die 32 Teilnehmer mehrere Ladungen Sprengstoff. (Bild: URS FLUEELER)
Alle Teilnehmer sind Mitarbeiter bei unterschiedlichen Seilbahnen in der Deutschschweiz. (Bild: URS FLUEELER)
Mit mathematischen Formeln wird die Brenndauer der Sicherheitszündschnur berechnet. (Bild: URS FLUEELER)
Die Kursteilnehmer auf dem Weg zum Übungsgelände anlässlich eines Eidgenoessischen Lawinensprengkurses in einem Lawinenhang. (Bild: URS FLUEELER)
Kursabsolventen bei der Vorbereitung. (Bild: URS FLUEELER)
Alles wird genau besprochen und kontrolliert. Sicherheit hat höchste Priorität. (Bild: URS FLUEELER)
Kleiner Lawinenniedergang gegenüber des Übungsgelaendes. (Bild: URS FLUEELER)
224 Menschen starben in den letzten 10 Jahren bei Lawinenunfällen in der Schweiz. (Bild: URS FLUEELER)
90 Sekunden dauert es von der Zündung bis zur Detonation. (Bild: URS FLUEELER)
Alles wird minutiös vorbereitet. (Bild: URS FLUEELER)
Wenn eine Lawine künstlich ausgelöst wird, dürfen keine Menschen im Gebiet unterwegs sein. (Bild: URS FLUEELER)
Ein Mann beobachtet eine von mehreren Übungs-Lawinensprengungen. (Bild: URS FLUEELER)

Die Sprengladungen werden berechnet und vorbereitet anlaesslich eines Eidgenoessischen Lawinensprengkurses in einem Lawinenhang im Gebiet Nätschen oberhalb von Andermatt. (Bild: URS FLUEELER)

Orangefarbig verpackter Sprengstoff liegt auf dem Tisch. Mit Isolierband wird die Zündschnur und das Zündmittel daran befestigt. Die Teilnehmer des nationalen Lawinensprengkurses sind konzentriert. In den Schulungsräumen der Kaserne in Andermatt präparieren die 32 Teilnehmer, die alle Mitarbeiter bei unterschiedlichen Seilbahnen in der Deutschschweiz sind, in Begleitung der Instruktoren mehrere Ladungen Sprengstoff, um später im Skigebiet eine Lawine künstlich auszulösen. Mit mathematischen Formeln wird die Brenndauer der Sicherheitsanzündschnur berechnet, alles wird genau besprochen und kontrolliert. Sicherheit hat höchste Priorität. Dann packt sich jeder Teilnehmer eine Ladung in den Rucksack. Los gehts.

Zum Schutz der Wintersportler

224 Menschen starben in den letzten zehn Jahren bei Lawinenunfällen in der Schweiz. Zwei davon auf der Piste. Dass diese Zahl weiterhin so tief bleibt, dafür ist der Verband der Schweizer Seilbahnbranche Seilbahnen Schweiz (SBS) verantwortlich. «Die Transportunternehmen in den Skigebieten müssen verschiedene Vorkehrungen zur Sicher­- heitsgewährleistung treffen», erklärt Alexander Stüssi, Leiter der Abteilung Recht und Ressourcen. Um sicherzustellen, dass die Pflicht eingehalten wird, besucht und kontrolliert SBS alle 264 Mitgliedsunternehmen in einem Rhythmus von drei Jahren und bietet zudem branchenspezifische Aus- und Weiterbildungen für die Mitarbeitenden von Seilbahnunternehmen an.

Ausgerüstet mit einem Lawinenverschütteten-Suchgerät, einer Lawinensonde, Schaufel, Funkgerät und Erste-Hilfe-Material geht es mit der Seilbahn ins Skigebiet Nätschen ob Andermatt. Die Auszubildenden des Lawinensprengkurses wurden in acht Gruppen unterteilt. Der 24-jährige Berner Pascal Zürcher ist als erster an der Reihe und wird von seinem Instruktor Oswald Tschümperlin angeleitet.

«Das künstliche Auslösen einer Lawine im Skigebiet ist nötig, um eine temporäre Sicherheit für eine Piste oder Bahnanlage zu gewährleisten», erklärt Ueli Frutiger, Experte für Pistensicherheit bei Seilbahnen Schweiz. So wird verhindert, dass sich die Schneemasse unkontrolliert löst.

90 Sekunden bis zur Detonation

Kursteilnehmer Pascal Zürcher nimmt nun die Ladung aus seinem Rucksack, breitet die Halteleine – sie ist am Sprengstoff befestigt, um diesen werfen zu können – im Schnee aus und klemmt sich den Sprengstoff zwischen die Beine. Er zündet die Sicherheitsanzündschnur, wirft den Sprengstoff den Hang hinunter, und alle Anwesenden müssen in Deckung gehen. 90 Sekunden dauert es von der Zündung bis zur Detonation. Pascal Zürcher schaut auf die Uhr.

Wenn eine Lawine künstlich ausgelöst wird, muss laut Frutiger die Piste gesperrt sein, und es dürfen keine Menschen in dem Gebiet unterwegs sein. «Die Sprengpatrouille muss sich ebenfalls an gewisse Sicherheitsvorschriften halten. Sie müssen immer zu zweit an eine Sprengung gehen und per Funk die Bahnstation über das genaue Vorgehen informieren und Rücksprache halten.»

Pascal Zürcher ruft: «zehn Sekunden.» Alle Anwesenden müssen in den Schnee knien, die Ohren zuhalten und den Mund – zum Druckausgleich – öffnen. Es gibt einen lauten, dumpfen Knall. Der Boden vibriert so stark, dass es am ganzen Körper zu spüren ist. Eine Schneefontäne spritzt in die Luft. Der Geruch des gelatineartigen Sicherheitssprengstoffs liegt in der Luft.

Eine Lawine wird nicht ausgelöst. «Der Schnee ist heute zu nass, als dass man wirklich eine Lawine auslösen könnte. Es geht um das Üben», sagt Frutiger. Der Experte erklärt, dass die Sprengung per Hand die häufigste Methode sei und dass es wichtig sei, mit dem nötigen Respekt an eine solche Sprengung heranzugehen.

Zürcher zieht die Halteleine zurück. Er wirkt erleichtert. «Ich hab heute zum ersten Mal einen Sprengstoff gezündet und bis zum Moment der Zündung war ich schon etwas angespannt.»

Mehr Bilder vom Kurs in Andermatt finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bilder