Aufgeben kam für sie nie in Frage

Fast ihr halbes Leben sitzt Concetta Civitarese im Rollstuhl. Jetzt bereitet die abnehmende Sprachfähigkeit der 60-Jährigen grosse Probleme. Die LZ-Weihnachtsaktion hilft mit, dass die temperamentvolle Frau weiterhin kommunizieren kann.

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Concetta Civitareses Leidenschaft ist das Malen - imit dem Pinsel im Mund. Mit ihren Werken schmückt sie ihr Zimmer. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Concetta Civitareses Leidenschaft ist das Malen - imit dem Pinsel im Mund. Mit ihren Werken schmückt sie ihr Zimmer. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Gut möglich, dass einem in Sursee, im Städtli, eine fröhlich und aufmerksam in die Welt blickende Frau im Elektrorollstuhl begegnet. «Das war ein Kampf, bis ich vor zwei Jahren diesen Rollstuhl bekam», erzählt die Querschnittgelähmte Concetta Civitarese in ihrem Zimmer im Alterszentrum St. Martin in Sursee. Sie spricht langsam, um Deutlichkeit bemüht – und fast unhörbar. Die Journalistin achtet auf ihre Mundbewegungen, fragt nach. Franziska Kägi, Pflegedienstleiterin, unterstützt, übersetzt, erklärt: «Concetta ist eine grosse Kämpferin, sie musste ein Leben lang einstehen für sich.»

Auf dem Hof gearbeitet

Rückblende. Concetta Civitareses Mutter stirbt, als sie 10-jährig ist, ihr Bruder ist acht. Ihr Vater heiratet ein zweites Mal, ihre zweite Mutter gebärt nochmals sechs Kinder. Concetta muss auf dem kleinen Bauernhof in der Provinz Kampanien in Italien früh mithelfen, beim Kochen, Vieh hüten und zu den kleinen Geschwistern schauen. In die Schule kann sie wegen der vielen Arbeit zu Hause nicht so oft gehen.
«Ich hätte mich gefreut, mehr lernen zu können», steht im kleinen Büchlein über ihr Leben, das sie 2011 mit Hilfe ihrer Aktivierungsfachfrau im Heim verfasst hat. Mit 18 Jahren lernt Concetta ihren späteren Ehemann Emidio kennen, der aus den Abruzzen stammt und in Luzern arbeitet. Concetta und Emidio heiraten 1971, ein Jahr später kommt ihr Sohn zur Welt, drei Jahre später ihre Tochter. Jäh wird das Glück der jungen, in Emmenbrücke wohnenden Familie zerstört, als im November 1980 Emidio an einem Herzinfarkt stirbt.

Der Schicksalsschlag

Drei Jahre später ein erneuter Schicksalsschlag: Am 1. November 1983 besucht Concetta mit Begleitern das Grab ihres verstorbenen Mannes und bekommt danach rasende Kopfschmerzen. Was sie und ihre Besucher nicht wissen: Es sind die Symptome einer lebensbedrohenden Hirnblutung. Erst nach einigen Stunden kommt sie ins Spital, fällt für sechs Wochen ins Koma. Als sie erwacht, kann sie ihre Arme und Beine nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen. «Ich fragte mich damals dauernd: warum? Einzig meine Kinder gaben mir die Kraft zum Durchhalten.»

Schwierige Zeiten

Nach einem Jahr lernt die querschnittgelähmte junge Frau wieder sprechen – eine grosse Herausforderung, denn neben ihrer Muttersprache will sie nun auch Deutsch lernen. Während fast 25 Jahren lebt sie im Alters- und Pflegeheim Staffelnhof in Reussbühl. Es tut ihr weh, ihre beiden Kinder nicht selbst betreuen zu können. Sie kommen zuerst in eine Pflegefamilie, später in eine Jugendsiedlung. Im Heim hat Concetta Civitarese grosse Mühe, sich dem Pflegepersonal verständlich zu machen. «Ich war oft deprimiert. Erst allmählich wurde ich verstanden, und ich spürte, dass es noch Menschen mit einer warmen Seele gibt. Dadurch fühlte ich mich leichter», blickt sie zurück.

Eine besondere Begegnung

Im Staffelnhof kreuzen sich die Wege von Concetta Civitarese und Franziska Kägi, die dort einige Jahre als Stationsleiterin arbeitet. Die beiden Frauen finden einen guten Draht zueinander. «Wir unternahmen sogar einen zweitägigen Ausflug nach Locarno, und in Andermatt fuhren wir Schlitten.» 2008 kann die Tetraplegikerin einen Monat Ferien im Alterszentrum St. Martin in Sursee verbringen, wo Franziska Kägi inzwischen als Pflegedienstleiterin arbeitet. «Es hat mir hier sehr gefallen, und immer stärker spürte ich den Wunsch nach einem Tapetenwechsel.» Aus diesem Wunsch wird Wirklichkeit – und nun kämpft Concetta in Sursee weiter.
Ihre braunen Augen funkeln, wenn sie erzählt, wie sehr sie sich einen Elektrorollstuhl gewünscht hat und wie stark sie lange Zeit gebremst wurde. «Ich will selber über mich bestimmen, ich will möglichst selbstständig und mobil sein», sagt sie mit grossem Nachdruck. Franziska Kägi erklärt: «Das gab im Pflegeteam tatsächlich eine ernsthafte Diskussion. Wir mussten die Selbstbestimmung der Bewohner, die für uns sehr zentral ist, abwägen gegen Gefahren und das Unfallrisiko. Wir tragen schliesslich Mitverantwortung. Wir haben dann die Selbstverantwortung von Concetta sehr hoch gewichtet und Ja gesagt zum Elektrorollstuhl.»

Jeden Tag draussen

Strahlend erzählt Concetta Civitarese von ihren kleinen und grossen Ausflügen. «Ich bin fast bei jedem Wetter und beinahe jeden Tag draussen, auch jetzt, im Herbst. Ich liebe Blumen, Bäume, Vögel.» Mit ihrer zweiten Leidenschaft, dem Malen mit dem Pinsel im Mund, setzt sie Naturmotive in Bilder um. «Ja, und gerne fahre ich ins Städtchen und bis zum MParc ins Migros-Restaurant.» Da gehts doch bergab? Verschmitzt lacht die geschickte Rollstuhlfahrerin: «Klar, aber ich habe ja meine Schleichwege.» Selbst Franziska Kägi staunt, als Concetta weiter erzählt, sie trinke im Migros-Restaurant gerne mal einen Kaffee – denn ohne Hilfe kann sie ja nicht trinken. «Eine nette junge Mitarbeiterin hilft mir», ist die triumphierende Erklärung.

Spezieller Computer hilft

Im Alterszentrum St. Martin fühlt sich Concetta Civitarese sehr wohl. Dennoch hat sie ab und zu Verständigungsprobleme mit dem Pflegeteam und mit ihrem weiteren Umfeld. Ihre Stimme ist fast unhörbar geworden; es braucht viel Einfühlungsvermögen und Geduld für eine Kommunikation. Unterstützung ist in Sicht: Ein spezieller Computer könnte praktisch ihre Augenbewegungen beim Blick auf Symbole auf dem Bildschirm erfassen und in Sprache umsetzen.
Die LZ-Weihnachtsaktion beteiligt sich an den Kosten für ein solches Gerät und für die dafür nötige Schulung, denn für eine solche Anschaffung und überhaupt für grosse Sprünge ist Concetta Civitareses Budget viel zu klein. Unsere Spender können hier wirksam helfen und grosse Freude bereiten. «Dafür bin ich sehr dankbar», sagt die kontaktfreudige Frau.

Stolz auf ihre Kinder

Sie hat gern Besuch, ist stolz auf ihre beiden erwachsenen Kinder und ihre drei Enkel. «Es tut so gut, wenn sie in mein Zimmer rennen und ‹Nonna› rufen. Auch der Besuch von meinen Freundinnen und freiwilligen Helferinnen bedeutet mir viel.» Seit kurzem gibt es im Alterszentrum St. Martin sogar einen «gruppo italiano». Sie hätten es zu fünft sehr lustig, verrät die temperamentvolle Frau. Franziska Kägi fragt, was sie denn so machten. «Parlare italiano und Espresso trinken», antwortet Concetta Civitarese und setzt schelmisch hinzu: «Und manchmal gibt es einen Grappa.»

Sie möge eigentlich nicht mehr so kämpfen wie früher, sagt die 60-Jährige am Ende des zweistündigen Gesprächs. Sehnsuchtsvoll verrät sie dann doch ihren grossen Wunsch: «Ich möchte so gerne wieder einmal in meine Heimat nach Italien und meine Geschwister, meine Familie, besuchen.» Wetten, dass sie das schafft?

Ruth Schneider