Aufklärung à la Papa

Lena Berger über das Thema Aufklärung und Briefe an sich selbst.

Lena Berger
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Lena Berger

Leiterin Zentralschweiz am Sonntag
Neue Luzerner Zeitung

(Neue LZ/Dominik Wunderli)

Fotografiert am 26.11.2015

Kopfsalat
Mitarbeiter
Mitarbeiterin
Portrait (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Lena Berger Leiterin Zentralschweiz am Sonntag Neue Luzerner Zeitung (Neue LZ/Dominik Wunderli) Fotografiert am 26.11.2015 Kopfsalat Mitarbeiter Mitarbeiterin Portrait (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Aufklärung, das ist ein schwieriges Thema. Nicht nur für angehende Pubertierende oftmals mit Scham verbunden, auch für Eltern muss es teils schlimm sein, mit ihren Kindern über Sex zu reden.

Mein Vater, der hat das auf seine ganz eigene Weise gemacht. Eines Abends setzte er sich zu mir ans Bett und sagte: «Kind, du kommst bald in die Pubertät. Du wirst anfangen zu rauchen, zu trinken und Sex zu haben. Wir werden kaum noch miteinander reden. Die grenzenlose Unvernunft wird rund fünf Jahre dauern, danach bist du wieder normal.»

In dieser Nacht habe ich nicht geschlafen. Die Vorstellung, einer so einschneidenden Veränderung einfach ausgeliefert zu sein, fand ich schrecklich. Also schrieb ich einen Brief an mich selbst, zu öffnen in drei Jahren, wenn dieses «Pubertätsdings» gemäss Papi in voller Blüte sein würde. «Lena», schrieb ich mir, «Zigaretten sind gefährlich. Du willst nicht rauchen. Du meinst das nur wegen des Gruppendrucks. Und mit dem Trinken: Bestell doch amigs einfach ein Citro. Das ist nämlich genauso cool.»

Der Brief enthielt noch einige weitere Anweisungen, die allesamt in einer Schublade vergessen gingen. In der Zwischenzeit fing ich an zu rauchen, trank Bier und lernte meinen ersten Freund kennen, der in der Tat ein ziemlicher Tölpel gewesen ist. Und ja, es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich kaum mit meinem Vater redete.

Hat er also Recht gehab? Ich habe den Brief dann Jahre später wiedergefunden. Ich las ihn und hatte ein schlechtes Gewissen dem 11-jährigen Mädchen gegenüber, das ich einst war. Gerne hätte ich ihm gesagt, dass es gar nicht so schlimm war. Dass ich gerade wegen der ganzen Dummheiten diejenige wurde, die ich heute bin. Und dass das meiste davon unheimlich Spass gemacht hat.

Die Vorstellung, mich von mir selbst zu entfremden, finde ich heute noch unheimlich. Ich liebe meinen Beruf. Vielleicht vernachlässige ich vor lauter Arbeitseifer mein Privatleben? Werde Workaholic und später Katzenoma? Werde irgendwann einsam sterben?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aus der Lektüre meines Briefes habe ich jedenfalls eines gelernt: Auch einschneidende Veränderungen müssen nicht schlimm sein. Wenn man bei wichtigen Entscheidungen das macht, was sich wirklich richtig anfühlt, dann führt einen das nicht auf den falschen Weg. Und wenn doch, dann hat es zumindest Spass gemacht.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch