LZ-Weihnachtsaktion: Die aufopfernde Liebe einer Ehefrau wird schlecht belohnt

37 Jahre lang pflegt Resly Huber ihren schwer verunfallten Mann. Wenige Monate nach seinem Tod beginnt ein neuer Albtraum.

Arno Renggli
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Oft fragt man sich, ob es auf dieser Welt so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Oder ob nicht zuweilen der Titel des berühmten Buches von John Greene zutrifft: «Das Schicksal ist ein mieser Verräter». So etwa bei Resly Huber, einer warmherzigen, humorvollen Frau, die wir im Kanton Uri treffen dürfen. Die Einschnitte in ihrer Lebensgeschichte sind kaum zu glauben.

Resly Huber-Horat (75) in ihrer Wohnung im Kanton Uri. Sie strickt für ein Hilfsprojekt in Rumänien.

Resly Huber-Horat (75) in ihrer Wohnung im Kanton Uri. Sie strickt für ein Hilfsprojekt in Rumänien.

Bild: Boris Bürgisser (25. November 2019)

Da ist dieser Tag im Sommer 1975: Mit ihrem Mann ist sie seit acht Jahren verheirat, sie haben zwei Kinder, ein drittes hat die ersten beiden Lebens­tage nicht überlebt – ein erster Schicksalsschlag für die beiden noch jungen Eltern. An besagtem Tag ist Ehemann Sepp, ein professioneller Bergführer, im Gebirge, um einen Kurs vorzubereiten. Zu Testzwecken trägt er neue Schuhe. Dann rutscht er aus und stürzt 150 Meter in die Tiefe.

Zu Hause wird es erst richtig schwer

«Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte», berichtet Resly Huber. «Aber von einem Moment auf den anderen wurde sein Leben und das der ganzen Familie auf den Kopf gestellt.» Mit schweren Kopfverletzungen, einem eingedrückten Brustkorb und inneren Blutungen wird Sepp nach Basel überführt. Rund sieben Wochen lang ringt er mit dem Tod, täglich fährt Resly Huber nach Basel. «Bei der Rückkehr wusste ich nie, ob ich meinen Mann letztmals lebend gesehen hatte.» Allmählich wird klar: Sepp wird überleben, aber gelähmt bleiben. Sie nimmt ihn heim, das am Berghang gelegene Häuschen wird so gut wie möglich rollstuhlgängig gemacht. 16 lange Wochen kann Sepp nur liegen, dann beginnt für den bis vor Kurzem topfitten jungen Mann das Leben im Rollstuhl; ohne Aussicht auf grössere Verbesserung.

Es ist die zermürbendste Zeit für alle. «Zehn Jahre hat es gedauert, bis Sepp sich halbwegs mit der neuen Situa­tion abfinden konnte.» Davor ist er depressiv, lethargisch, zeitweilig können ihn die Kinder aus dem Abgrund holen, doch oft sitzt er tagelang am Fenster, schaut ins Dorf, ins Gebirge, in die Welt, an der er kaum mehr teilhaben kann. Seine Frau gibt alles: Sie schaut, dass der familiäre Karren läuft, versucht, den Mann in Unternehmungen einzubeziehen, ihn aus der Isolation herauszuholen. Psychisch ist es anstrengend, aber auch physisch. Wie oft schiebt sie den 25 Kilo schweren Rollstuhl herum, hievt ihn ins Auto. Nach einigen Jahren stirbt die Mutter von Sepp, die bei der Betreuung der Kinder eine wichtige Rolle gespielt hat.

Ein Unfall und eine schlimme Diagnose

«Es war schwer, aber ich habe keinen Tag daran gezweifelt, dass ich die Aufgabe übernehmen und für meinen Mann da sein will», sagt sie. Später wird es besser, Sepp findet mit Computer und Internet kreative Tätigkeiten. Die beiden verändern ihre Wohnsituation, ziehen schliesslich in die Wohnung, die Resly Huber noch heute bewohnt. Geld haben sie wenig. «Man lebt halt entsprechend», sagt sie schlicht. 37 Jahre lang pflegt sie ihren Mann, dann kommt er für eine Herzklappenoperation nach Zürich, es gibt Komplikationen, eine Woche später ist Sepp tot.

«Viele Menschen sagten mir, dass es für ihn vielleicht besser war, gehen zu können. Aber für mich selber war es keine Erleichterung. Ich habe ihn geliebt, durch ihn hatte ich meine Aufgabe, und ich vermisse ihn bis heute.»

Ein halbes Jahr nach Sepps Tod wird Resly Huber im Auto angefahren. Verletzt muss sie ins Spital, wo ein Routinecheck ergibt, dass sie Lungenkrebs hat. Ein neuer Leidensweg beginnt mit Bestrahlungen und Chemotherapie. Ihre Gelenke, von den Jahrzehnten der Belastung ohnehin schon angegriffen, werden schlechter. Sie braucht einen Rollator. Der Krebs ist zwischenzeitlich zurückgegangen, aber letztes Jahr plötzlich wieder gewachsen. Auch heute muss sie sich Behandlungen mit schweren Nebenwirkungen unterziehen.

«Manchmal frage ich mich schon, womit ich das alles verdient habe», sagt sie. «Aber dann schimpfe ich mit mir selber, dass ich mich so runterziehen lasse. Und versuche, positiv zu denken und zu leben.» Halt und Freude geben ihr Aktivitäten wie mit einer Guggenmusig ihrer Wohngemeinde, wo sie viele Jahre mitwirkte und heute Ehrenmitglied ist. Und natürlich vor allem ihre Kinder und ihre beiden Enkel. «Ich weiss: Es gibt immer noch Dinge, die mir wichtig sind. Und für die es mich noch braucht.»

So können auch Sie spenden und helfen

Am Freitag, 6. Dezember,  liegt nochmals der Flyer mit dem Einzahlungsschein zur diesjährigen LZ-Weihnachtsaktion der Printausgabe unserer Zeitung bei. Zum 24. Mal sammelt sie mit ihren Regionalausgaben für Menschen in der Zentralschweiz, die in Not geraten sind. Spenden können Sie auf das Postkonto 60-33377-5 (IBAN-Nummer: CH89 0900 0000 6003 3377 5) und online via www.luzernerzeitung.ch/weihnachtsaktion. Auch SMS-Spenden sind möglich: Wählen Sie die Nummer 488 und schreiben Sie LZWA plus den Frankenbetrag (nur Zahl). Wir danken herzlich!

Die LZ-Weihnachtsaktion ist in unserer Region fest verankert. 2018 wurde mit rund 4,9 Millionen Franken ein Spendenrekord realisiert. Total 16309 Spenderinnen und Spender halfen mit. Seit der Gründung im Jahr 1996 wurden über 54 Millionen Franken gesammelt. Wie willkommen diese Hilfe ist, zeigt die Zahl der Hilfegesuche, die sich letztes Jahr auf 3848 belief, ebenfalls ein neuer Höchstwert. Dieses Jahr haben wir, kaum ist die Sammlung gestartet, bereits über 2300 Anfragen erhalten. Hilfegesuche können nur von Gemeinden oder sozialen Institutionen eingereicht werden. Jedes Gesuch wird vom Beirat sorgfältig geprüft. Dieser besteht aus 13 ehrenamtlich tätigen Sozialfach­leuten. Beiratspräsident ist Urs W. Studer, alt Stadtpräsident von Luzern.

Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Sammlung, die wieder vielen Menschen in unserer Region helfen und neue Hoffnung geben wird.

Infos: lzweihnachtsaktion@lzmedien.ch, Tel. 041 429 54 04.