AUSBILDUNG: Ihre Zukunft liegt in der Pflege

Es braucht künftig mehr Pflegepersonal in Spitälern und Altersheimen. Die Ausbildung eigener Fachkräfte ist deshalb wichtig – wir porträtieren zwei von ihnen.

Florian Weingartner
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Chantal Arnold und Saa Mihajlovic sprechen über ihre Erfahrungen. (Bild: Neue LZ)

Chantal Arnold und Saa Mihajlovic sprechen über ihre Erfahrungen. (Bild: Neue LZ)

Das Thema des Pflegepersonalmangels ist ein Dauerbrenner. Insbesondere Fachpersonal ist gesucht. Grund genug, den Pflegebereich einmal aus der Sicht angehender Pflegefachleute anzuschauen. Bis zu ihrem Ausbildungsende in eineinhalb Jahren berichten wir alle paar Monate über den Alltag in Schule und Praxis der beiden angehenden diplomierten Pflegefachleute Höhere Fachschule (HF) Chantal Arnold und Sasa Mihajlovic (siehe Porträts unten).

Gezielt Fachpersonal ausbilden

Auch für das Wohn- und Pflegezentrum Berghof, Wolhusen, in dem Sasa Mihajlovic seine Ausbildung absolviert, bedeutet die Rekrutierung von Pflegefachpersonal eine zunehmende Herausforderung. Das Pflegezentrum Berghof hat gemäss Cornelia Willi, Leitung Pflegedienst, das Personal als wichtigste Ressource eines Unternehmens erkannt. Willi sagt: «In der Langzeitpflege haben wir es analog zu den Akutkliniken immer schwerer, genügend Fachpersonal zu rekrutieren. Da kann ein Ausfall einer einzigen Fachperson die Planung durcheinanderbringen. Es ist auch sehr schwer, Stellen neu zu besetzen, wenn man die Leute nicht selber ausbildet. Der Markt der Fachpersonen ist ausgetrocknet.» Des zunehmenden Personalmangels im Bereich der Langzeitpflege ist man sich im Pflegezentrum bewusst und bildet gezielt Fachpersonal aus und weiter.

Gemäss der Pflegedienstleiterin wird der Bedarf an Pflegefachpersonal weiter zunehmen. «Bewohnerinnen und Bewohner treten immer später in eine entsprechende Institution ein, meist mit komplexeren Gebrechen. Durch das neue Fallpauschalensystem entlassen die Spitäler zudem ihre Patienten früher. Das heisst wiederum, dass für die notwendige fachliche Behandlung in Alters-und Pflegezentren zunehmend Fachpersonal notwendig ist.» Als Gegenstrategie für den Fachpersonalmangel nennt Cornelia Willi ein einziges Rezept: «Ausbilden, ausbilden, ausbilden!» Das Luzerner Kantonsspital (LUKS), an dessen Standort in Sursee Chantal Arnold ausgebildet wird, kann derzeit zwar die nötigen Stellen im Pflegebereich besetzen. Die Rekrutierung sei aber wie auch an anderen Schweizer Spitälern schwierig, sagt Michael Döring, Departementsleiter Pflege beim LUKS. Insbesondere in spezialisierten Pflegebereichen. «Vor allem beim Pflegefachpersonal für die Intensiv- und Notfallstationen sowie in den Operationsbereichen ist zu wenig Personal auf dem Arbeitsmarkt vorhanden.»

Verschärfung der Situation

«Wir gehen von einer allgemeinen Verschärfung der Situation in den kommenden Jahren aus», sagt Döring. Wie verschiedene Prognosen zeigen würden, sei von einer Kombination geburtenschwächerer Jahrgänge, einer Pensionierungswelle und einem steigenden Bedarf an Pflegepersonal auszugehen. Umso wichtiger ist die Ausbildung eigener Fachkräfte. Döring: «Die eigene Ausbildung von Pflegefachleuten ist für uns elementar wichtig. Der grösste Anteil unserer Pflegemitarbeiter hat bei uns die Ausbildung durchlaufen.» Die Ausbildungstätigkeit sorge auch dafür, dass sich das Unternehmen fachlich auf dem aktuellsten Stand halten könne.

Der Bildungsgang

Die Höhere Fachschule Gesundheit Zentralschweiz (HFGZ) bietet fünf Diplomausbildungen an: Pflegefachleute HF, biomedizinische Analytiker HF und Experten Anästhesie-, Intensiv- und Notfallpflege NDS HF. Zurzeit machen über 500 Personen eine Diplomausbildung, weitere 1800 durchlaufen pro Jahr eine Weiterbildung. Die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson HF dauert normalerweise drei Jahre, für Fachpersonen Gesundheit nur zwei Jahre. Die Ausbildung findet blockweise in der Schule und in der Praxis statt. Dabei können vier Vertiefungsrichtungen belegt werden: Pflege und Betreuung von Langzeiterkrankten, jene von Kindern, Jugendlichen, Familien und Frauen, jene somatisch Erkrankter und jene von Menschen zu Hause. Das Aufnahmeverfahren findet im Ausbildungsbetrieb statt. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung sind Tätigkeiten in verschiedenen Arbeitsbereichen und Zusatzausbildungen möglich. Weitere infos: www.hfgz.ch

Chantal Arnold, 20, Luzerner Kantonsspital Sursee

Es ist ein schönes Gefühl, Menschen helfen zu können. Sei es auch nur mit kleinen Dingen», sagt Chantal Arnold zu ihren Beweggründen für die Berufswahl im Pflegebereich. Im vergangenen Sommer machte sie ihren Berufslehrabschluss als Fachfrau Gesundheit. Die Berufslehre absolvierte sie beim Luzerner Kantonsspital (LUKS) in Luzern. Nun arbeitet sie am Standort Sursee.

Die grösste Veränderung zwischen der Zeit in der Berufslehre und heute sei der neue Arbeitsort. Die Mentalität im Team in Sursee sei eine ganz andere als in Luzern. «Hier wird mehr personell gepflegt, sodass ich ‹meine› Patienten habe, bei denen ich alles mache. In Luzern hatten wir hingegen unsere Aufgaben, die wir bei allen Patienten auf dem Stock durchführten.» Doch auch sonst unterscheide sich ihre Rolle seit Beginn der Diplomausbildung. «Nun darf ich selber Infusionen legen, Blutkulturen abnehmen und die Verantwortung für die Arztvisite übernehmen.» Dabei komme ihr das im Schulblock Gelernte zugute, sagtdie Altishoferin. «Inzwischen weiss ich recht gut, was im menschlichen Körper so vor sich geht. Das Wissen ist vertiefter als vorher, und ich lerne, wie alles zusammenhängt.» Die Abteilung, auf der sie arbeitet, ist interdisziplinär. So trifft sie all die Krankheiten, welche sie im schulischen Bereich kennen lernt, auch im Krankenhaus an. Mit «ihren» Patienten habe sie ein gutes Verhältnis. «Die Geschichten all dieser Menschen zu hören, einen Teil ihres Lebens mitzuerleben, das macht die Arbeit interessant. Diese persönliche Seite mit den Krankheitsbildern zu verknüpfen, ist aber auch eine Herausforderung.» Arnold ist von ihrer neuen, verantwortungsvolleren Rolle begeistert. Dabei hat sie gemäss eigener Aussage auch keine Probleme mit «schwierigen» Patienten: «Für den Frust von Menschen gibt es immer einen Grund. Da hängt vieles miteinander zusammen. Sich dann zu überlegen, was man besser machen könnte, eine Pflegediagnose mit Massnahmen zu erstellen und diese dann umzusetzen, das macht den Reiz der Arbeit aus.» Weniger schön, aber nicht selten sind Todesfälle auf der Station. «Damit muss man leben können. Seit ich hier bin, sind bereits drei meiner Patienten verstorben. Da reagiert man im ersten Moment vielleicht schon mit dem Gedanken: ‹Nicht schon wieder ich.›»Doch sie arbeite mit guten Leuten zusammen, die ihr im Umgang mit diesen Ereignissen helfen würden.

Sasa Mihajlovic, 19, Pflegezentrum Berghof, Wolhusen

Ich fühle mich gut, jetzt, da ich das Fähigkeitszeugnis habe», sagte Sasa Mihajlovic im Juni vergangenen Jahres gegenüber unserer Zeitung. Er bekam damals an der Lehrabschlussfeier sein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Fachmann Gesundheit mit Ehrenmeldung. Heute, rund acht Monate später, ist der Wolhuser noch zufriedener mit sich und der Welt. Noch immer arbeitet er im Pflegezentrum Berghof. Mit dem Lehrabschluss und dem Beginn seiner Diplomausbildung hat sich auch seine Rolle innerhalb des Pflegeteams verändert. «Zwar konnte ich schon während der Lehre oft selbstständig arbeiten. Nun bin ich aber vermehrt als Fachperson gefragt und darf eigene Entscheide treffen.» Im September begann die Diplomausbildung. Zehn Wochen Schule am Stück folgten. Zehn Wochen ohne praktische Tätigkeit. Eine lange Zeit? «Nein, im Gegenteil: Es war gut, dass wir uns voll auf das Schulische konzentrieren konnten.»

Thematisch habe sich das Gelernte nicht gross vom Stoff in der Berufslehre unterschieden. «Vieles hatte ich schon gehört, aber nun lernten wir es vertiefter und verknüpften unser Wissen. Es geht darum, weiter zu denken.» Etwa dann, wenn es um den Umgang mit einem Krankheitsbild wie Diabetes geht. «In der Lehre wusste ich schon,welches die Symptome und Behandlungsweisen sind. Nun aber lerne ich, wie der Umgang im Einzelfall mit all den weiteren Besonderheiten des Patienten geplant werden kann.»

Der Entscheid für die Diplomausbildung fiel Mihajlovic leicht. «Für mich war von Anfang an klar, dass ich mich nicht mit der dreijährigen Berufslehre begnüge. Mit dem Diplom der Höheren Fachschule habe ich mehr Kompetenz, kann mehr Verantwortung übernehmen, und – auch wichtig – man ist auf dem
Arbeitsmarkt viel mehr gesucht.» Das Pflegeheim habe ihn dabei auch immer unterstützt.

Seit über dreieinhalb Jahren arbeitet Mihajlovic nun schon im Berghof. Und er kann sich vorstellen, noch lange zu bleiben. «Mir gefallen der Beruf und die Atmosphäre hier. Man kann auch mal mit den Bewohnern zusammensitzen und ein wenig reden. Es ist spannend, was die Leute aus ihrem Leben zu erzählen haben.» Die unregelmässigen Arbeitszeiten mit Frühund Spätdienst und Wochenendschichten sieht Mihajlovic eher als Vor- denn als Nachteil. «Das macht die Arbeit doch abwechslungsreicher. Es ist eben kein 08/15-Job», meint er.