AUSSTELLUNG: Ein gigantisches Hotel in Brunnen nur für Chinesen

Das Alpine Museum liefert einen Beitrag zur Diskussion über gigantische Hotelprojekte. Es präsentiert ein Transithotel für chinesische Reisende.

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Chinesische Touristinnen auf dem 
Jungfraujoch. (Bild: PD/Xiaobin Fu/Alpines Museum)

Chinesische Touristinnen auf dem Jungfraujoch. (Bild: PD/Xiaobin Fu/Alpines Museum)

Gar so spektakulär wie das Hotelhochhaus in Vals mit seinen 381 Metern Höhe oder der von Herzog & de Meuron entworfene Hotelturm auf der Davoser Schatzalp wirkt das Transithotel in Modellen und Visualisierungen nicht. Einen Hang zum Gigantismus verrät es gleichwohl. Mit 180 Metern Länge wäre es ein monumentaler Riegel in der Landschaft, die Zahl von tausend Betten würde eine magische Marke erreichen.

Wäre und würde: Das Transithotel wird so nicht gebaut werden aber nicht mangels Investoren oder wegen Widerständen aus Bevölkerung und Naturschutzkreisen. Sondern weil es von Anfang an als Gedankenspiel angelegt war. In einem Steinbruch am Vierwaldstättersee ausserhalb von Brunnen ein Hotel zu planen, das war 2013 die Aufgabe für die Absolventen des Architekturlehrgangs an der Hochschule Luzern.

Chinesen in der Schweiz

Cyrill Chrétien befasste sich für sein Projekt mit einer boomenden Besuchergruppe im Reiseland Schweiz, den Touristen aus China. Gegen 900 000 Chinesinnen und Chinesen besuchten letztes Jahr die Schweiz, bis 2017 wird ein weiterer Zuwachs um 20 bis 25 Prozent erwartet. Weil 80 Prozent von ihnen in organisierten Gruppen reisen, lassen sich ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse präzise erfassen. Der chinesische Durchschnittstourist, dies die Ergebnisse, reist in 36 Stunden auf vorgegebenen Pfaden durch die Schweiz, er gibt 450 Franken für Shopping aus, wünscht chinesisches Essen und geniesst ein bisschen Natur.

Auf diesen Erkenntnissen hat Chrétien sein Projekt aufgebaut, das nun in der Reihe der Sonderausstellungen innerhalb der Ausstellung «Himalaya Report» im Alpinen Museum in Bern vorgestellt wird und unter dem Motto «Tourismus nach Mass für chinesische Gäste» läuft.

Das Zimmer ist nicht so wichtig

Chrétien habe sich dabei nicht am konventionellen Hotelbau orientiert, sondern an Flughafendecks, Shopping Malls und grossen amerikanischen Bahnhöfen, sagt Projektleiterin Barbara Keller. Wegen der kurzen Verweildauer spielen die Zimmer eine untergeordnete Rolle, sie sind deshalb einfach konzipiert und gegen den Fels hin ausgerichtet. Die Schauseite zum See beherbergt Gemeinschaftsräume wie Lobby, Restaurants, Bars, Kino- und Vergnügungssäle sowie Souvenirläden, Uhrengeschäfte und Boutiquen und natürlich ist ein imposanter unterirdischer Carparkplatz unabdingbar.

Die Ausstellung zeigt Grundrisse sowie Teile des Projekts im Modell. Eine Fotostrecke von Xiaobin Fu begleitet als Einführung in das Thema chinesische Reisende auf ihrem Trip von Zürich über Bern, Lausanne, Montreux, Interlaken, Jungfraujoch, Luzern und zum Rheinfall.

Zu sehr ins Detail geht die Ausstellung bewusst nicht, stattdessen wird die Idee des Gedankenspiels weitergetrieben. Auf vier Bildschirmen äussern sich zehn Exponenten der Tourismusbranche zum Transithotel, aber auch zum Schweizer Tourismus im Allgemeinen. Simon Bosshart etwa, der Director Asia Pacific von Schweiz Tourismus, berichtet von Bestrebungen, die Schweiz auch in Asien stärker als Winterdestination zu vermarkten. Das kommt nicht von ungefähr: 70 Prozent der chinesischen Touristen besuchen die Schweiz zwischen Juli und September. Hotelier Bruno Fanchini in Brunnen spricht dagegen nicht von Sommer oder Winter: «Wir haben 365 Tage Saison.»

Gefährliche Ausrichtung

Es ist auffallend, dass Tourismusexponenten in der Zentralschweiz, der Hauptdestination asiatischer Touristen in der Schweiz, massgeschneiderten Angeboten für den chinesischen Markt eher etwas abgewinnen können. Die in der Schweiz tätige Stadtführerin Mei Willi-Wu malt sich aus, wie ein Transithotel Erfolg haben kann wenn es voll auf Swissness setzt. Tobias Matter von den Titlis-Bergbahnen räumt ein, dass so ein Hotel die Zimmerknappheit lindern könne, was Organisatoren und der Destination Zentralschweiz entgegenkäme. Ob es dem Gast gefalle, zweifle er an. Sich auf Billig- und Gruppenreisende auszurichten, sei zudem gefährlich.

Nichts für Appenzell

Die klarsten Vorbehalte meldet der Appenzeller Tourismusdirektor Guido Buob an, für den der asiatische Markt eine marginale Rolle spielt. Kultur und Brauchtum könne man nicht gleich vermarkten wie Berge und Bergbahnen. «Ein Berg schreit nicht, wenn er übervermarktet wird. Die Träger von Kultur und Brauchtum aber sind die Einheimischen. Wenn wir anfangen, daraus eine Show zu machen, habe ich nullkommaplötzlich ein Problem. Wir laufen ja nicht täglich in der Tracht herum.» Das Transithotel wolle er nicht kommentieren, er wisse nur: «Für Appenzell ist das nichts.»

Simon Bosshart spricht vom Retortenhotel als einem interessanten Businessmodell. Es missachte aber die spezielle Rolle der Schweiz als natürliche, gewachsene, historische Destination: «Damit sollte man nicht spielen. Man sollte sich dem Gast nicht allzu sehr anpassen. Letztlich kommt er ja wegen des Landes und seiner Eigenheiten.»

BEda Hanimann

Hinweis

«Biwak 12 Himalaya Report», Alpines Museum, Bern, bis 28. Juni, www.alpinesmuseum.ch