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Das Heiliggrab als barocke Schaubühne zu Ostern

In Oberwil bei Zug ist nach langer Zeit ein Heiliggrab wieder aufgestellt. Heute gibt es nur noch wenige dieser zuweilen spektakulären Architekturen, welche für die Gläubigen einst von höchster Bedeutung waren.
Andreas Faessler
Schauarchitektur mit Tiefenwirkung: das Heiliggrab in der Niklausenkapelle in Oberwil ZG. (Bild: Stefan Kaiser, 8. April 2019)

Schauarchitektur mit Tiefenwirkung: das Heiliggrab in der Niklausenkapelle in Oberwil ZG. (Bild: Stefan Kaiser, 8. April 2019)

Sie waren früher einer der visuellen Höhepunkte im Kirchenjahr: Sogenannte «Kulissenheiliggräber» kamen im 17. Jahrhundert auf und hatten im 18. Jahrhundert ihre Hochblüte. Vornehmlich perspektivisch gestaltet, liessen die Konstruktionen eine Tiefenwirkung entstehen, welche auf das Grab Christi hinzielt. Jeweils am Hohen Donnerstag wurde die oft aufwendig konzipierte Holzarchitektur im Chorraum der Kirche aufgebaut und in den folgenden Tagen mit zwei wechselnden Szenarien bespielt: Am Karfreitag erblickte man nach der Kreuzver­ehrung den im Grab liegenden Christus, über ihm ausgestellt die geweihte Hostie. In der Osternacht wurden der Grabchristus und das Allerheiligste entfernt, und der Heiland erschien als Auferstandener. Nach der Ostermesse baute man die Kulisse umgehend wieder ab.

Auch im 19. Jahrhundert pflegte man die Tradition dieser österlichen Schautheater vielerorts weiter. Doch hatte sich der Zeitgeschmack gewandelt. Gefragt war nun nicht mehr die einstige Tiefenwirkung, sondern eine breite Bilderwand. In der Dorfkapelle Oberwil begnügte man sich mit der Umgestaltung und partiellen Übermalung des bestehenden Grabes. Aus der Mode gekommen, wurden viele der übers Jahr im Estrich eingelagerten Heiliggräber nach und nach entsorgt.

Vom Staub befreit und restauriert

Da und dort gelingen Wiederentdeckungen solcher ausgedienter Schaukulissen. Indem sie vom Staub befreit und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden, wird durch sie ein Stück kirchlicher Zeitgeschichte neu belebt; so aktuell in Oberwil bei Zug anlässlich des 400-jährigen Bestehens der dortigen Kapelle St. Nikolaus. Zwar wusste man von der Existenz dieses Heiliggrabes, welches um 1774 nachweislich vom Zuger Maler Carl Josef Speck gestaltet worden war, und es gab bereits 1979 und 1999 Bestrebungen für eine Wiederaufstellung. Doch erst jetzt erfolgte anlässlich des genannten Jubiläums eine Restaurierung. Dies auf Initiative der Luzernerin Mathilde Tobler, ehemalige Kulturgutverantwort­liche der Katholischen Kirchgemeinde Zug, und in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege. Einfach gestaltete sich das Unterfangen nicht: Teile der Kulissenelemente sowie die Ab­deckungen für den Hochaltar fehlten und mussten stilgerecht neu an­gefertigt werden. «Uns half eine Fotodokumentation des 1775 ebenfalls von Speck gemalten Heiliggrabes in der Rischer Pfarrkirche», erklärt Mathilde Tobler. So habe man eine Idee erhalten, wie die Ergänzungen zu gestalten sind. Auch habe man die Engelsfiguren, welche um 1901 im Stil des Stanser Kirchenmalers Melchior Paul von Deschwanden hinzugefügt worden sind, belassen, auch wenn sie nicht zum ursprünglich barocken Erscheinungsbild gehören. «Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, die spätere Übermalung zu entfernen. Die darunterliegende Malschicht wäre zerstört worden», so Mathilde Tobler weiter. Das sei aber auch kein Manko – im Gegenteil: So erzähle das auferstandene Heiliggrab von Oberwil seine Geschichte.

Hinweis auf einen Stifter?

Das aus fünf hintereinander aufgestellten Kulissen bestehende Heiliggrab von Oberwil zeigt frontseitig im Bogen Gottvater mit der Weltkugel, flankiert von Engelspaaren mit Passionsattributen. Auch sie gehören zu den später hinzugefügten Gestaltungselementen. Auf den Seitenwänden unterhalb von Gottvater sind links der Evangelist Matthäus und rechts der Prophet Jesaja mit biblischen Worten abgebildet. «Diese auffallend theologische Komponente innerhalb des Ganzen lässt womöglich auf einen Stifter des Heiliggrabes schliessen, welcher eine bibeltextorientierte Darstellung gewünscht hat», erwägt Mathilde Tobler. Im religiösen Zentrum der perspektivischen Schaubühne liegt das Grab Christi. Darüber der Expositionsthron für das Allerheiligste in der Monstranz.

Mathilde Tobler ist von Freude erfüllt beim Anblick der nun nach langer Zeit erstmals wieder präsentierten Barockarchitektur in der Oberwiler Kapelle. «Wir sehen vor uns etwas, das vor langer Zeit für viele Generationen von grosser Bedeutung war. Und nicht zuletzt erhalten wir so wertvolles Kulturgut.»

Weniges hat die Zeit überdauert

Auf dem Gebiet der Stadt Zug ist das Oberwiler Heiliggrab das einzige, welches die Zeit mehr oder minder vollständig überdauert hat. «Möglicherweise verdanken wir dies dem Umstand, dass die 1954–1956 erbaute, moderne Pfarrkirche die Bedürfnisse der Liturgieerneuerung von 1969 abgedeckt hat», so Mathilde Tobler.

Einige Zentralschweizer Kirchgemeinden verfügen heute noch – oder wieder – über ein Heiliggrab, welches als kirchengeschichtliches Kulturerbe geschätzt und gepflegt wird. Dazu gehört etwa Rothenthurm mit einem sieben Meter hohen Exemplar. 2010 ist in Steinen SZ ein wiederentdecktes Heiliggrab nach langem wieder präsentiert worden. Weitere erwähnenswerte Beispiele sind u. a. Beromünster, Geuensee, Hergiswil oder Heiligkreuz bei Entlebuch.

Das Heiliggrab in der Niklausenkapelle in Oberwil ZG ist bis und mit 28. April aufgestellt. Führungen durch die Kapelle mit Heiliggrab: Samstag, 13. April, 15 und 17 Uhr sowie Ostermontag, 22. April, 15 und 17 Uhr.

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