BEFRAGUNG: Erst saufen, dann zuschlagen

Gewaltdelikte unter Alkoholeinfluss: Es sind vor allem junge Erwachsene, die im Ausgang eher zuschlagen. An einem Drittel der Delikte sind Frauen beteiligt.

Lukas Scharpf
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Die Gewalt im öffentlichen Raum nimmt weiter zu. (Bild: Quelle: BAG / Grafik: Oliver Marx)

Die Gewalt im öffentlichen Raum nimmt weiter zu. (Bild: Quelle: BAG / Grafik: Oliver Marx)

Körperverletzungen, Vandalismus oder Lärmbelästigung. Welchen Einfluss hat Alkohol auf Gewalt im öffentlichen Raum? Dieser Frage ging die Hochschule Luzern im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nach. 1053 Polizisten in den Kantonen Bern, Genf und Luzern sowie der Stadt Zürich gaben Auskunft. «Alkoholmissbrauch ist längst nicht nur ein Aspekt der Gesundheit, sondern auch der Sicherheit», sagte Gabriele Scherer, Co-Leiterin der Sektion Alkohol des BAG, zur gestern vorgestellten Studie.

Minderjährige weniger im Fokus

Die Polizisten gaben Auskunft darüber, bei welchen und wie vielen Straftaten aus einer Woche Arbeit Alkohol im Spiel war. Auch wenn sie dies bei Tätern nur vermuteten und nicht durch eine Blutkontrolle nachgewiesen hatten. Bei Gewaltdelikten ist der Anteil unter Alkoholeinfluss massgeblich. Bei Tätlichkeiten sind es 70 und bei Körperverletzungen 73 Prozent. Bei Delikten, die eine Vorstufe zu Gewalt bilden, Streitigkeiten und nächtliche Ruhestörung, ist der Anteil ebenfalls hoch (siehe Grafik). Erstaunlich tief erscheint dagegen der Anteil bei Sachbeschädigungen und Vandalismus. Das führen die Studienleiter darauf zurück, das bei diesen Delikten die Täter oft nicht eruiert werden können.

Die Taten unter Alkoholeinfluss konzentrieren sich auf das Wochenende. Das ist wenig überraschend. Auffallend ist die Tatsache, dass Minderjährige weit weniger als vermutet die Übeltäter sind. Nur in 11 Prozent der Fälle sind die Täter unter 18 Jahre alt. Am häufigsten involviert sind junge Erwachsene. 49 Prozent der Täter waren 19- bis 24-jährig, ein Drittel im Alter zwischen 25 und 34. Die grosse Mehrheit der Täter sind Männer. Frauen waren aber in 31 Prozent der Fälle zumindest beteiligt. Die Polizisten bestätigten auch eine frühere Studie, wonach etwa bei der Hälfte der Fälle von häuslicher Gewalt Alkohol mit im Spiel ist. Im März hat das BAG eine Studie veröffentlicht, die vorrechnet, dass Alkoholmissbrauch pro Jahr Kosten für die Gesellschaft in der Höhe von 4,2 Milliarden Franken verursacht.

Verbote haben es schwer

Der Befund wurde zum ersten Mal in dieser Form festgehalten und soll laut BAG als Entscheidungsgrundlage dienen. Aber die wenigsten dürften überrascht sein, dass hoher Alkoholkonsum Gewaltbereitschaft und Ruhestörungen fördert. Politiker, die Verbote für Alkohol in der Öffentlichkeit fordern, wenn auch nur beschränkt auf gewisse Orte, haben es aber schwer. Jüngstes Beispiel ist der Vorschlag des Luzerner CVP-Kantonsrats Pius Zängerle. Er wollte auf zentralen Plätzen im Kanton Luzern verbieten, alkoholische Getränke sichtbar mit sich zu tragen oder daraus zu trinken. Im Fokus stand der Bahnhof- und Europaplatz in der Stadt Luzern. Der Kantonsrat schickte den Vorschlag vorgestern mit einer grossen Mehrheit bachab.

Auch viel Alkohol ohne Gewalt

Die befragten Polizisten stärken solchen Forderungen allerdings etwas den Rücken. Zwar äusserte sich nur die Hälfte zu Massnahmen. Aber als am wirkungsvollsten erachten auch die Polizisten Konsumverbote, stärkere Polizeipräsenz und die Wiedereinführung der Polizeistunde. Letzteres befanden 80 Prozent der Polizisten der Stadt Zürich – mehr als doppelt so viele wie in den anderen Korps. Vielen der Interviewten war es auch ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass im Ausgang zwar sehr viel Alkohol konsumiert wird, es aber auch sehr viele Alkoholisierte gibt, die nicht gewalttätig werden.