Interview

Das andere Interview: «Beim Gansabhauet kann man nichts falsch machen»

Aline Theiler war eine von sechs Frauen, die am Gansabhauet teilgenommen haben. Die 28-jährige Pfeffikerin schrieb dabei Geschichte.

Roger Rüegger
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Aline Theiler zeigt acht Tage nach dem Gansabhauet am Originalschauplatz, wie sie den Säbel führte.

Aline Theiler zeigt acht Tage nach dem Gansabhauet am Originalschauplatz, wie sie den Säbel führte.

Bild: Dominik Wunderli (19. November 2019)

Jedes Jahr am Martinstag feiert Sursee den Gansabhauet. Es geht darum, einer an einem Draht aufgeknüpften toten Gans mit einem stumpfen Dragonersäbel den Kopf abzuschlagen. Die Teilnehmer sehen nichts. Sie tragen eine Sonnenmaske und einen roten Mantel. Bevor sie zum Schlag ansetzen, trinken sie ein Glas Wein und drehen sich um die eigene Achse. Heuer wollten 6 Frauen und 91 Männer eine der beiden Gänse vom Draht holen. Aline Theiler war die erste Frau, der dies gelang. Sie durfte die Beute behalten.

Haben Sie das Festessen schon genossen?

Aline Theiler: Nein, die Gans werden wir Mitte Dezember essen.

Wer ist «wir»?

Giovi, ich und einige Freunde und Familienmitglieder.

Giovi ist ein Mann aus Sursee, der die zweite Gans abhaute. Kennt ihr euch?

Bis am Gansabhauet nicht. Danach gingen wir mit Freunden unseren Erfolg feiern und haben besprochen, was mit unseren Trophäen geschehen soll.

Bereiten Sie die Gans zu?

Nein. Ich koche gerne, aber eine Gans herzurichten, traue ich mir nicht zu. Es wäre schade, wenn ich das edle Fleisch versauen würde. Giovi und ich brachten die Gänse zu Uschi ins Restaurant zum Wilden Mann. Sie wird ein tolles Gericht zubereiten.

Nachdem Sie bei der Auslosung die Startnummer sieben gezogen haben, waren Ihre Kollegen überzeugt, dass Sie die Gans gewinnen werden. Dürfen die nun auch vom Gänsebraten essen?

Zuerst wollte ich nur sechs Leute mitnehmen, damit insgesamt sieben Personen dabei sind, weil die Sieben mir Glück brachte. Giovi meinte zu Recht, er wolle möglichst viele teilhaben lassen am Festschmaus. Es werden nun rund 30 Personen dabei sein.

So fett waren die Gänse auch wieder nicht!

Laut Uschi wirft meine Gans 1,2 Kilogramm Fleisch ab. Giovis Vogel ist etwas kleiner. Vielleicht gibt es eine Kombination aus Geflügel und Wild.

Sie sind die erste Frau, die am Gansabhauet eine Gans vom Draht holte. Hat dieser historische Moment für Sie eine Bedeutung?

Unmittelbar danach war ich mir dessen nicht bewusst. Das kam erst, als die Leute der Zunft Heini zu Uri jubelten und gratulierten. Es ist rüüdig schön mitzuerleben, wie dieser Brauch die Menschen in Sursee bewegt.

Es gibt auch solche, die gegen den Brauch sind. Gab es negative Reaktionen?

Sehr wenige. Am Tag des Gansabhauet sprach mich eine Bewohnerin aus Sursee an, die es nicht gut findet, dass eine Frau mitmacht. Sonst bekam ich bis jetzt durchweg positive Feedbacks. Ich staunte, wie viele Leute mich am Abend im Städtli ansprachen oder mir Fotos von meinem Schlag schickten. Gansabhauet verbindet.

Wie bereiteten sie sich vor?

Als ich realisierte, dass ich mit der Nummer sieben möglicherweise auftreten werde, fragte ich einen Kollegen, der die Gans schon zweimal heruntergeschlagen hatte, was zu tun sei. Und unmittelbar vor der Aktion gab mir ein Hans Glanzmann aus Nottwil im Rathaus letzte In­struktionen.

Die Tipps waren Gold wert. Was ist das Geheimnis?

Das Wichtigste sei, von unten nach oben zu schlagen, sagte der Kollege, und Hans meinte, ich könne nichts falsch machen.

Und den Säbel möglichst verkehrt in den Händen zu halten. Ihnen ist schon klar, dass Sie das Werkzeug falsch führten?

Offenbar haben mir dies viele Leute zugerufen. Ich hörte unter der Maske aber nur ein «iiiiiiiiii» als ich das Tier beim Hals berührte, um mich zu orientieren.

Was haben Sie gelernt; welche Ratschläge geben Sie künftigen Schlägern mit?

Genug Zeit einplanen und das Fest geniessen. Ich habe mir nur zwei Stunden vorgenommen, weil ich am Freitag darauf eine Arbeit abgeben musste. Es dauerte aber viel länger. Eben, weil wir die Gänse bei Uschi deponierten, uns dann mit Freunden bei Jan im «Goose» zum Feiern trafen und uns im Anschluss mit der Familie ein Nachtessen bei Uschi gönnten.

Waren Sie bei Ihrem Auftritt nervös?

Als die Trommeln ertönten, war die Nervosität schlagartig weg. Man trägt den roten Mantel und die Maske und ist wie für sich in seiner eigenen Welt. Weil ich nichts sehen konnte und verhüllt war, fühlte ich mich wie in einem geschützten Bereich.

Interessant ist, dass Sie in der Kantonsschule eine Arbeit über den Gansabhauet geschrieben haben und jetzt in die Geschichte eingehen. Spielten Sie schon immer mit dem Gedanken, teilzunehmen?

Das liegt 15 Jahre zurück und nein, mit diesem Gedanken spielte ich bis zum vergangenen Jahr nie. Nicht etwa, weil ich nicht wollte, sondern weil ich in Erinnerung hatte, dass dies nur erlesenen Personen zustände.

Nun haben Sie eine besondere Verbindung zum Gansabhauet. Hatten Sie die eigentlich nicht schon immer?

Wie viele andere Leute aus der Region Sursee bin ich damit aufgewachsen. Die Kinder werden mit Grimassenschneiden, Sackhüpfen und Klettern schon früh eingebunden. Es ist ein Plausch und ein Volksfest. Dass der Stellenwert aber derart hoch ist, überraschte mich doch sehr.