BEINWIL: Auch nach 45 Jahren noch ohne Amtsschimmel

Erhard Huwyler-Frei ist fast sein gesamtes Berufsleben lang als örtlicher Gemeindeschreiber tätig gewesen. Per Ende Jahr tritt er in den Ruhestand. Seit seinem Amtsantritt 1973 hat sich viel verändert.

Cornelia Bisch
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Erhard Huwyler-Frei hält der Gemeinde Beinwil als Gemeindeschreiber seit 1973 die Treue.

Erhard Huwyler-Frei hält der Gemeinde Beinwil als Gemeindeschreiber seit 1973 die Treue.

Es war noch die Zeit der Schlaghosen und des Makramees, als Erhard Huwyler-Frei vor knapp 45 Jahren seine Stelle als frischgebackener Gemeindeschreiber auf der Gemeindekanzlei Beinwil antrat. Er ist in Beinwil aufgewachsen und lebt noch immer im Dorf. «Die Veränderungen in dieser Zeit sind eklatant. Man könnte fast sagen, ich hätte heute einen komplett anderen Beruf», stellt der knapp 65-Jährige fest. Früher sei der Gemeindeschreiber für einfach alles zuständig gewesen. «Ich hatte noch mindestens zwei Dutzend weitere Ämter und zusätzliche Funktionen inne. Dazu gehörten anfangs auch die Finanz- und Steuerverwaltung sowie das Zivilstandsamt.» Die verschiedenen Arbeitsbereiche wurden jedoch zunehmend komplexer und aufwendiger. «Einzelne Aufgaben wurden reorganisiert und intern umverteilt. Das Steueramt wird heute in Merenschwand regional geführt, das Zivilstandsamt in Muri.» Dafür sind weitere Aufgaben hinzugekommen, etwa im Bereich des Bauwesens mit der lokalen Raum- und Nutzungsordnung oder im Bereich des Gesundheitswesens und der Sozialhilfe. Auch die Digitalisierung stellte Erhard Huwyler und sein Team vor grosse Herausforderungen, die er mit Offenheit, aber auch einer Portion Skepsis anging.

Den Menschen auf Augenhöhe begegnen

Das Zivilstandsamt, das er während 26 Jahren führte, gab Huwyler mit Bedauern auf. «Ich habe viele schöne Trauungen miterlebt, aber natürlich auch berührende Todesfälle.» Er versuchte stets, die Menschen, die er fast alle persönlich kennt, einfühlsam zu behandeln und zu beraten. «Man leidet natürlich mit. Ich bin deshalb nie mit dem Hammer des Amtsschimmels aufgetreten, sondern den Leuten immer auf persönlicher Ebene begegnet.» Oft wurde er um Rat gefragt, auch ausserhalb der Amtsstube und der Bürozeiten. Das hat ihm nichts ausgemacht, im Gegenteil. «Das Schöne an dieser Position in einer kleinen Gemeinde ist, dass man geschätzt wird und als Vertrauensperson bürgernah arbeitet.» Die Anonymität einer grossen Gemeinde hat ihn nicht gereizt, obwohl es hin und wieder Angebote gegeben hätte. Besonders schätzte er es, die Mittagszeit mit seiner Familie zu Hause verbringen zu können.

Der vielfältige Aufgabenbereich in der 1200-Seelen-Gemeinde gestaltete Huwylers Arbeitsalltag besonders interessant. «Man ist Generalist, also eher Allrounder als Fachspezialist, muss flexibel und virtuos denken und schnell umschalten können.» Dabei sei die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat während all der Jahre von entscheidender Bedeutung gewesen. «Vieles wurde auf typische Beueler Art angepackt», plaudert Huwyler aus dem Nähkästchen. «Etwa die Einzonungspraxis mit dem Kauf und Verkauf von Grundstücken durch die Gemeinde, dank der das Wachstum des Dorfes erfolgreich gesteuert werden konnte.» Einen Meilenstein stellte die Güterregulierung dar, die ursprünglich nur fünf bis sechs Jahre hätte ­ in Anspruch nehmen sollen, schliesslich aber ganze 24 Jahre dauerte. «Dann die beiden Golfplatzvorlagen, die nach jahrelanger Vorbereitung vom Souverän abgelehnt wurden, oder die beiden überregionalen Deponien ‹im Feld›. Demnächst tritt zudem das Projekt Windpark Lindenberg in die entscheidende Planungs- und Abstimmungsphase», zählt Huwyler weiter auf.

Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit präsidierte er während zwölf Jahren den Gemeindeschreiberverband des Bezirks Muri, unterrichtete während 18 Jahren Lehrlinge an der kaufmännischen Berufsschule Wohlen und führte gemeinsam mit seiner Ehefrau Marie-Therese lange Zeit die Geschäftsstelle Jagd Aargau. Später stand er dieser Vereinigung acht Jahre lang als Präsident vor. Huwyler ist selbst passionierter Jäger, Wanderer, Naturliebhaber und Ortshistoriker. Er freut sich darauf, künftig mehr Zeit für diese schönen Hobbys zu haben. Auch die Familie des vierfachen Vaters und neunfachen Grossvaters habe bereits ihre Ansprüche angemeldet, sagt Huwyler lachend. Auf diese Aufgabe freut er sich besonders. «Die Familie ist das Wichtigste», betont er. Und kaum hat er dies ausgesprochen, steht der 11-jährige Enkel Enea in der Tür, um ihn zum gemeinsamen Mittagessen abzuholen. Küchenchef ist heute sein Grossvater.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch