BERGBAHN: Jetzt sollen Araber die Rigi erobern

Mit Stefan Otz wird ein Zürcher CEO der Rigi Bahnen AG. Eine seiner Visionen: Er möchte neue Angebote ­auf den Berg bringen – ein «Rummelplatz» soll die Rigi aber nicht werden.

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Stefan Otz (50) wird neuer CEO der Rigi-Bahnen. Er will die «Königin der Berge» noch stärker auf dem Weltmarkt positionieren. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Stefan Otz (50) wird neuer CEO der Rigi-Bahnen. Er will die «Königin der Berge» noch stärker auf dem Weltmarkt positionieren. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Von der Jungfrau zur Rigi: So kann der berufliche Wechsel von Stefan Otz (50) zusammengefasst werden. «Mich zieht es anscheinend zu den weiblichen Bergen. Die eine ist mir schon vertraut, die Rigi lerne ich nun kennen», sagt Otz, der in Unterseen BE wohnt, mit einem Schmunzeln. Bis August waltet er noch als Direktor von Interlaken Tourismus, bevor er im September seine Stelle als CEO der Rigi Bahnen AG antritt.

Die Rigi ist für ihn «die klassische Schweiz». Sie stehe für «Authentizität, Ehrlichkeit und Original». Auf die Frage zum persönlichen Bezug zur Rigi antwortet der im zürcherischen Volketswil aufgewachsene Otz: «Dreifach.» Eine Primarschulreise habe ihn auf die Rigi geführt. Als Betriebsdisponent bei den SBB habe er eine der ersten Gruppenreisen am Schalter auf den Innerschweizer Berg gebucht. Und der 60. Geburtstag seines Vaters wurde dort gefeiert. Zudem habe er während sechs Jahren den Schweizer Tourismus in den USA vertreten. «Mit der Zentralschweiz als Hotspot.»

Übernahme nach Rekordjahr

In den letzten 13 Jahren amtete Otz als Tourismusdirektor von Interlaken. «Mit 50 Jahren stellte sich die Frage, ob ich nochmals eine andere Tätigkeit ausübe. Für mich war klar: Es muss sich lohnen, Interlaken zu verlassen. Die Hürde war gross.» Die Rigi-Bahnen konnten den zweifachen Familienvater schliesslich weglocken. «Die Rigi-Bahnen sind sehr gut aufgestellt und haben dennoch viel Potenzial.» Otz übernimmt das Unternehmen nach einem Rekordjahr. Die Gästezahlen sind 2015 um 20 Prozent gestiegen (von rund 655 000 auf 785 000). «Das Unternehmen nun zu übernehmen, ist fantastisch.» Die Rigi-Bahnen seien weiter auf einem Wachstumspfad. «Wenn auch künftig eher etwas gedämpft.»

Zu den Unterschieden seiner aktuellen Tätigkeit bei Interlaken Tourismus sagt der Sales- und Marketingspezialist: «Bei den Rigi-Bahnen sind dreimal mehr Leute angestellt, das Budget ist dreimal so hoch.» Die Rigi Bahnen AG beschäftigt rund 160 Mitarbeiter, das Budget liegt bei 21 Millionen Franken. Weiter komme bei den Rigi-Bahnen der technische Aspekt dazu. «Darauf freue ich mich sehr.»

Welche Ziele hat Stefan Otz mit dem Berg? Seit 2012 bearbeiten die Rigi-Bahnen die asiatischen Märkte intensiver, was sich auch entsprechend auf die Gästezahlen ausgewirkt hat. Dennoch ist die Rigi einer der beliebtesten Berge der Schweizer. Das soll auch so bleiben, betont Otz. «Das Verhältnis beträgt heute 70 Prozent Schweizer und 30 Prozent Ausländer – eine gesunde Mischung.» Wird das auch in zehn Jahren noch so sein? «Vielleicht liegt das Verhältnis dann bei zwei Dritteln zu einem Drittel. Auch das wäre noch in Ordnung. Wir wollen am Weltmarkt partizipieren, ohne dass der Anteil der Schweizer sinkt», führt Otz aus.

Araber nach Interlaken gelotst

Als Direktor von Interlaken Tourismus hat Otz erfolgreich dazu beigetragen, dass Touristen aus den Golfstaaten nach Interlaken strömten. «Arabische Touristen könnten auch eine Chance für die Rigi sein. Dies müssen wir aber erst sorgfältig analysieren.» Künftig soll sich das Unternehmen von einem Bahnbetrieb zu einem gästeorientierten Tourismusunternehmen entwickeln. Otz’ Vision: «Die Rigi steht für pure Swissness. Diese wollen wir noch besser inszenieren.» Will heissen: «Wir möchten neue Angebote auf dem Berg schaffen, die zu Swissness passen, beispielsweise etwas mit Käse, Sackmesser oder Tieren.» Otz sagt aber: «Die Rigi soll kein Rummelplatz der Alpen werden, wir wollen da oben nicht plötzlich ein Disneyland.»

Wie will Otz das Unternehmen führen? Als Chef sei er «hart, aber herzlich». Und er «teile und herrsche», während ersteres Priorität habe. Führungskräfte der Tourismusbranche bezeichnen ihn als «Visionär», «Macher» und «Motivator».

In seiner Freizeit schaltet Otz am liebsten musikalisch ab. Sei es als Tenorsaxofonist, als Akkordeonist oder mit Jazz. «In einer Rigi-Kapelle wird man mich wohl nicht spielen hören. Aber die Musik kann für die Rigi eine grössere Bedeutung erhalten.» Auch Rad-, Schnee- und Bergsport oder Altmetall-Kunstschweissen und Motorradfahren zählt Otz zu seinen Hobbys.

Umzug nach Küssnacht

Nach dem Ende seines Engagements in Interlaken Mitte August verlegt Stefan Otz seinen Wohnsitz nach Küssnacht. Zur Einarbeitung will er den «einen oder anderen Anlass in der Region besuchen» und vor allem «mit unbelasteten Augen das Produkt anschauen». Dafür seien die Zeit vor dem Stellenantritt und die ersten 100 Tage im Amt besonders wertvoll. «Danach ist man schnell im Alltagstrott.»

Schweizer sind auf den Gipfeln die wichtigsten Kunden

Die Bergbahnen der Rigi, des Titlis und des Pilatus erzielten vergangenes Jahr allesamt Rekorde. Gäste aus dem arabischen Raum spielen aber noch keine grosse Rolle, wie eine Umfrage zeigt.

Tobias Thut, Leiter Marketing und Verkauf der Pilatus-Bahnen, spricht von über 400 000 Gästen, die letztes Jahr auf dem Luzerner Hausberg standen. Er gibt sich sehr zufrieden, «zumal wir wegen des Baus des Dragon Ride – also der neuen Seilbahn – nicht einmal das ganze Jahr Vollbetrieb hatten». Die Hälfte der Gäste stammt laut Thut aus der Schweiz. Jeder fünfte Besucher ist Asiate, wobei die Chinesen die grösste Rolle spielen. Aus den Vereinigten Staaten kommen rund 15 Prozent der Besucher, aber auch Gäste aus europäischen Staaten spielen eine wichtige Rolle. Gäste aus dem arabischen Raum treffe man hingegen selten auf dem Berg. «Dort sind wir nur punktuell tätig. Und wir werden dies auch nicht verstärken, da wir finanziell nicht die Möglichkeit haben, selber noch zusätzliche Gästegruppen anzusprechen.» Die Pilatus-Bahnen würden sich stark an die Strategie von Luzern Tourismus anlehnen, wie der Marketingleiter ausführt. «Diversifikation ist für uns der Schlüssel zum Erfolg. Aber der wichtigste Markt für uns ist und bleibt die Schweiz.» Potenzial sieht Thut in den Fernmärkten China, Südkorea, USA sowie in südostasiatischen Ländern.

Titlis: 40 Prozent Asiaten

Zufrieden ist man auch auf dem Titlis. Knapp 1,2 Millionen Gäste beförderten die Titlis-Bergbahnen im vergangenen Jahr – ebenfalls ein Rekord. Geschäftsführer Norbert Patt erklärt, dass rund 40 Prozent der Gäste aus der Schweiz anreisen. Nochmals 40 Prozent macht der Fremdenverkehr aus China und Indien aus. Der restliche Teil stammt vor allem aus europäischen Ländern. Anders als die Pilatus-Bahnen bearbeiten die Titlis-Bergbahnen auch den arabischen Raum, sprich Golfstaaten wie Katar, Kuwait und Vereinigte Arabische Emirate. «Die Region ist sehr interessant, für uns birgt sie ein grosses Potenzial», führt Patt aus. Allerdings sei es wichtig, breit aufgestellt zu sein und sich nicht nur auf ein Land oder eine Region zu fokussieren.

Die Rigi hatte 2015 einen regelrechten Asiaten-Boom zu verzeichnen. Noch nie wurden auf dem Berg so viele Chinesen registriert wie vergangenes Jahr. Insgesamt besuchten rund 785 000 Besucher den Berg, rund 70 Prozent davon waren Schweizer Gäste. Aus Asien stammen rund 15 Prozent. Aus Nord- und Südamerika reisten 7 Prozent der Gäste an, aus Europa etwa deren 5. Führend bei den internationalen Märkten sind laut Roger Joss, Marketingleiter der Rigi-Bahnen, China, Südkorea und die USA.

Angenehme Flugdistanzen

Dass die Rigi- Bahnen und auch die Titlis-Bergbahnen künftig vermehrt auf arabische Gäste setzen, kann der Tourismusexperte Urs Wagenseil nachvollziehen. Der Dozent am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern betrachtet das Potenzial der Gäste aus dem arabischen Raum als positiv: «Die Reisefreudigkeit dieser Leute nimmt zu», sagt er. Es sei eine gute Klientel, die viel Wertschöpfung bringen könne. Und zudem seien die Zentralschweizer Destinationen gut gelegen, von Zürich und dem Flughafen aus seien sie vor der Haustür. Ein wichtiger Faktor seien zudem die Flugdistanzen, welche aus dem arabischen Raum «angenehm» seien.

Wagenseil betont aber auch: «Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Denn die Kundschaft aus dem arabischen Raum wird von verschiedensten europäischen Ländern bearbeitet.» Es gelte, sich in diesem Wettbewerb zu beweisen. Schweiz Tourismus spielt dabei in der Vermarktung eine Hauptrolle, wie Wagenseil erklärt. «Wir sind keine Nobodys und haben da bereits ein gutes Netzwerk.» Neben einem guten Marketing sei auch ein «perfektes Leistungsangebot» für diese Kundengruppe wichtig. «Es gilt, deren Bedürfnisse und Erwartungen zu erfüllen.»

Wirtschaft profitiert stark

Dass plötzlich Schweizer Gäste wegen der grossen Anzahl Touristen aus fremden Ländern ausbleiben, könne sein, sagt Wagenseil. «Der eine oder andere macht sich sicher Gedanken.» Aber die Schweizer Wirtschaft und die Tourismusorte würden stark von den ausländische Gästen profitieren. Zudem: Wenn Schweizer ins Ausland reisen, seien sie dort ebenso oft ein Teil der Massen, gibt er zu bedenken.

Matthias Stadler

Roseline Troxler