BERN: Eva Novak: «Ogi rettete mich aus dem Labyrinth»

Eva Novak (56) ist Bundeshaus-Korrespondentin der «Neuen Luzerner Zeitung» und der «Zentralschweiz am Sonntag». Die Präsidentin der Vereinigung der Bundeshausjournalisten (VBJ) lebt mit ihrer 17-jährigen Tochter in Bern.

Roger Rüegger
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Eva Novak, Bundeshaus-Korrespondentin unserer Zeitung in Bern. (Archivbild Nadia Schärli)

Eva Novak, Bundeshaus-Korrespondentin unserer Zeitung in Bern. (Archivbild Nadia Schärli)

Eva Novak, Sie berichten seit 25 Jahren aus dem Bundeshaus. Ist es nicht Zeit, die Fronten zu wechseln und selber in die Politik einzusteigen?

Eva Novak: Wenn ich das wollte, hätte ich den Schritt schon vor langer Zeit gemacht. Meine Partei müsste aber zuerst erfunden werden – und sowieso: Als Journalistin habe ich mindestens so viel Einfluss wie einer der 246 Parlamentarier auf Bundesebene. (lacht)

Sie bringen als Präsidentin der Vereinigung der Bundeshausjournalisten aber doch das nötige Rüstzeug mit. Zudem wurde einer der ersten Präsidenten der Bundeshausjournalisten, Markus Feldmann (1897–1958), 1951 in den Bundesrat gewählt. Weckt das nicht Begehrlichkeiten?

Novak: Warum sollte es? Mir reicht völlig, mich für die Sache der Medienschaffenden im Bundeshaus einzusetzen. Es muss nicht gleich das ganze Volk sein.

Damals gab es noch keine Frau im Bundesrat. Und bei den Bundeshausjournalisten sind Sie die erste Präsidentin, haben eine Männerdomäne durchbrochen. Was bedeutet das Ihnen?

Novak: Natürlich ist es schmeichelhaft. Mit meiner Person hat es aber weniger zu tun als mit der Entwicklung seit den frühen 80er-Jahren. Als ich da erstmals ins Bundeshaus kam, war es weitgehend frauenfrei, sowohl was die Politik als auch den Journalismus betrifft. Heute arbeite ich in einem Grossraumbüro, in dem wir Frauen in der Mehrheit sind, und selbst im Bundesrat gab es zwischenzeitlich eine Frauenmehrheit. Selber habe ich von der Tatsache, dass ich eine Frau bin, immer profitiert und hatte nie den Eindruck, deswegen benachteiligt zu werden. Womit ich nicht sagen will, dass die Benachteiligung der Frauen etwa in Tieflohnberufen kein Thema ist.

Weshalb haben Sie nie Nachteiliges erlebt?

Novak: Vielleicht, weil ich in der damaligen Tschechoslowakei aufgewachsen bin. Dort war es selbstverständlich, dass Frauen arbeiten und Karriere machen. Dadurch packte ich die Dinge wohl anders an. Ich hatte nie das Gefühl, mich wegen meines Geschlechts speziell beweisen zu müssen.

Als Sie im Bundeshaus anfingen, war die erste Bundesrätin Elisabeth Kopp noch im Amt. Hatten Sie einen besonderen Draht zu ihr?

Novak: Nein, ich habe sie nur einige Male interviewt. Für sie war es aber kein Vorteil, eine Frau zu sein. Sie ist letztlich über ihren Mann gestolpert – und über die Tatsache, dass sie nicht über die nötigen politischen Seilschaften verfügte, was unter anderem daran lag, dass sie als Frau nie Militärdienst geleistet hat.

Als Bundeshausjournalistin sitzen Sie mit der Konkurrenz auf engstem Raum. Gibt es einen Ehren­kodex unter Ihnen, dass Sie sich keine Geschichten abjagen?

Novak: Selbstverständlich, sonst könnten wir gleich einpacken.

Warum funktioniert das?

Novak: Warum sollte es nicht? Schliesslich sind wir alle erwachsen und pflegen einen respektvollen Umgang miteinander. Ausserdem arbeiten wir für unterschiedliche Medien in unterschiedlichen Sprachregionen, was manchmal sogar zu Koproduktionen führt.

Aus Ihrer Feder stammen einige nationale Primeurs. So berichteten Sie nach der Stabsübung «Stabilo Due» über das Versagen des Führungsstabs der Armee. Diese Infos stammen aus einem geheimen Bericht, den die Armee erstellen liess. Stimmt es, dass Politjournalisten die wirklich guten Geschichten erst zu später Stunde bei viel Alkohol in Berner Bars erfahren?

Novak: Das gibt es sicher. Ich bin aber so gut wie nie spätabends in Bars anzutreffen und brauche auch keine alkoholisierten Gesprächspartner, um an Facts zu kommen.

Wie kommen Sie als Journalistin an geheime Berichte ran?

Novak: Bei Tageslicht – mit sehr viel Überzeugungsarbeit, mühsamer Recherche und mit einem guten Netzwerk.

Lässt man auch mal ein paar Scheine springen?

Novak: Offensichtlich. Zumindest in den Hollywoodfilmen und der Regenbogenpresse. Im Bundeshaus ist mir aber keine einzige Geschichte bekannt, welche dank Schmiergeld zu Stande gekommen wäre.

Wie nahe stehen Sie Politikern; duzen oder siezen Sie sich gegenseitig?

Novak: Ich bin mit vielen per Du, was aber nicht heisst, dass ich ihnen besonders nahestünde. Ich pflege mit allen ein professionelles, distanziertes Verhältnis.

Auch mit Bundesräten?

Novak: Die aktuellen sieze ich und sie mich. Früher war ich mit einigen per Du, zuletzt mit Samuel Schmid. Wichtig ist das nicht.

Sie waren vor dem Engagement bei unserer Zeitung Fernsehjournalistin. Meistens läuft die Karriere umgekehrt. Warum der erneute Wechsel zum Printjournalismus?

Novak: Das Schweizer Fenster von RTL/Pro 7, wo ich zuletzt gearbeitet hatte, wurde geschlossen. Hätte ich zum SRF zurückkehren wollen, hätte ich nach Zürich umziehen müssen. Das kam für mich nicht in Frage. Bei der Zeitung konnte ich weiterhin als Journalistin in Bern arbeiten.

Wie kommt es, dass Sie eher an Militärthemen als an Mode interessiert sind?

Novak (lacht): Wie kommt es, dass Sie mich interviewen, obwohl ich kein Fussballstar bin? Es ist nicht so, dass mich Mode gar nicht interessieren würde. Aber journalistisch reizt mich das Thema nicht. Da gibt das Militär ungleich mehr her, wie ich dank meiner Fernsehzeit weiss. Für politische TV-Journalisten ist die Armee das dankbarste Thema, zusammen mit der Landwirtschaft.

Wieso das?

Novak: Ein Besuch beim Bauern mit einer Kuh auf der Weide macht sich in bewegten Bildern immer gut. Und einer Gruppe Soldaten kann man sagen, sie sollen 17,5 Meter in einer bestimmten Geschwindigkeit laufen und dann an einem bestimmten Punkt anhalten, ohne nur einen Finger zu rühren. Das funktioniert immer und gibt attraktive Fernsehbilder. So wuchs ich langsam in die Themen rein.

War der Zugang zu den Bundesräten für Journalisten früher einfacher?

Novak: Das halte ich für ein Gerücht. Wie gut oder wie schlecht zugänglich er ist, hängt vom einzelnen Bundesrat ab. Seit aber unsere Büros vor ein paar Jahren aus dem Bundeshaus ausgelagert wurden, ergibt sich nur noch selten die Gelegenheit, einem Bundesrat oder einer Bundesrätin zufällig über den Weg zu laufen.

Erinnern Sie sich an spezielle oder lustige Ereignisse mit Bundesräten?

Novak: Da gibt es einige. Ruth Dreifuss, die sich meiner erbarmte, als ich an einem Fraktionsausflug der SP das Stativ, einen Haufen TV-Kassetten und einen Berg Notizen tragen musste. Sie nahm mir einen Grossteil ab, schleppte das Zeug den ganzen Tag lang und duldete keinen Widerspruch. Oder Adolf Ogi. Als ich vor vielen Jahren mit der SVP-Fraktion die Zigarettenfabrik in Dagmersellen besuchte, verlief ich mich in den Hallen. Ich würde heute noch herumirren, wäre ich nicht auf Ogi gestossen, der sich ebenfalls von der Gruppe entfernt hatte. Er sagte: Keine Sorge, Frau Novak, ich rette Sie. Er hielt Wort und wies mir den Ausweg aus dem Labyrinth.

Sie sind als Flüchtling in die Schweiz gekommen. Wie sehr spielt Ihre Vergangenheit eine Rolle im Gefühlsleben bei solchen Themen?

Novak: Das spielt natürlich immer stark mit, denn eine Flucht ist ein einschneidendes Erlebnis, das einen ein Leben lang nicht loslässt. Das Thema hat mich deshalb immer interessiert. Über die ersten Flüchtlingswellen, die ich als Journalistin erlebt habe – von den Tamilen bis zu den Leuten aus Ex-Jugoslawien –, habe ich häufig berichtet. Inzwischen gehört Flüchtlingspolitik nicht mehr zu den Gebieten, über die ich regelmässig schreibe.

Gibt es eine Leidenschaft neben dem Bundeshaus?

Novak: Meine Leidenschaft sind seit meiner Kindheit die Pilze. Ausserdem Sport und Spiele. Über 40 Jahre lang habe ich Volleyball gespielt: einst in der Nationalliga B bei Köniz, bis vor einem Jahr noch Meisterschaft in einer unteren Liga. Heute jogge ich regelmässig und mache bei einer Frauen-Skatrunde mit.

Roger Rüegger