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BOSWIL: Betagte Künstler werden zu Hauptfiguren

Die Alte Kirche verbindet man heute mit hochstehender Musik. Dass das dazugehörende Künstlerhaus dreissig Jahre lang eine Pension für alternde Kunstschaffende war, ruft jetzt ein Buch in Erinnerung.
Die Autorin Daniela Kuhn bei der Vernissage ihres Buches in Boswil. (Bild: Jakob Ineichen (28. April 2017))

Die Autorin Daniela Kuhn bei der Vernissage ihres Buches in Boswil. (Bild: Jakob Ineichen (28. April 2017))

Das titelgebende, beinahe geflügelte Wort «In die Wärme nach Boswil» stammt von Elsa Stauffer. Die 1905 geborene, heute weitgehend vergessene, aber zu ihrer Zeit unbeirrt gegen alle Widerstände höchst produktive Berner Bildhauerin hatte im Herbst 1966 genug von feuchtkalten Ateliers und beschloss, den Winter als Pensionärin im Künstlerhaus zu verbringen. Sie lebte sich rasch in die Hausgemeinschaft von Malern, Musikerinnen und Schriftstellern ein. Auch die beiden darauffolgenden Winter verbrachte sie in Boswil.

Neun weitere Künstlerschicksale vereint Daniela Kuhn – Spezialistin für Biografien und Lebensgeschichten – in ihrem neusten Buch, das eine Hommage sein soll für jene Frauen und Männer, die zwischen 1960 und 1991 ihren Lebensabend im Künstlerhaus verbrachten. Der Regisseur Kurt Früh («Polizischt Wäckerli», «Dällebach Kari») gehört dazu, wie auch der Maler Walter Arnold Steffen, der als Verdingbub aufwuchs und immer wieder in der Psychiatrie landete. Die jüdisch-deutsche Sängerin Lissy Sanden musste vor den Nazis nach Bolivien fliehen und lebte später in New York – überall war sie aktiv als Gesangspädagogin, Chorleiterin, Musiktherapeutin. Die Tänzerin Stephanie Darras debütierte in Wien, tanzte in Sofia, Belgrad, Budapest, Istanbul und Beirut und lebte schliesslich mit ihrem griechischen Mann in Ägypten.

Idee entstand aus Überbleibseln

Der erste Pensionär des Künstlerhauses aber war der stille Maler Carl Zürcher aus Uitikon, dessen Sonnenblumenbild an diesem Vernissageabend die Bühne in der Alten Kirche schmückt, angelehnt an die geschwungenen Beine eines eleganten alten Holztisches. Michael Schneider, seit 2006 Leiter der Institution, eröffnet die Feier, berichtet von den Schätzen des Künstlerhaus-Archivs, von alten Briefen, vergilbten Fotografien, einer Mappe mit Taschenagenden, und wie aus diesen Überbleibseln einer vergangenen Zeit seine Idee entstand: «Schon lange war mir bewusst, dass hier ein Schatz zu heben wäre, mehr noch: dass es nicht nur ein Wunsch, sondern sogar eine Pflicht wäre, diese Künstlerleben wieder ins allgemeine Bewusstsein zu bringen.» Das zahlreich herbeigeströmte Publikum, vorwiegend zusammengesetzt aus den Mitgliedern des Fördervereins des Künstlerhauses, hört aufmerksam zu, als Daniela Kuhn im anschliessenden Interview die Entstehung des Buches schildert. Das Unterfangen brauchte Zeit und war zunächst fragmentarisch. Auf der Suche nach Zeitzeugen stiess sie endlich auf Helen Rösch, die hochbetagte Witwe des Lichtplaners Willy Hans Rösch, der 1953 zusammen mit dem Glasmaler Alfred Rajsek die Stiftung Künstlerhaus Boswil ins Leben gerufen hatte. Helen Rösch empfing die Schriftstellerin und erzählte lebhaft von ihren Erlebnissen mit den verschiedenen Pensionären. «Da bekam mein Projekt Fleisch an den Knochen!», sagt Kuhn. Auf die Frage, welches der zehn Porträts sie besonders berührt habe, antwortet sie: «Alle gehen mir gleich nahe, besonders aber ihre Armut.» Dahinter scheint auf, dass manche dieser Biografien bedürftig bis verwahrlost begann und tragisch endete und dass jenseits des Rampenlichts um Werk und Überleben immer gerungen wurde. Der Titel «In die Wärme» ist bewusst metaphorisch: «Ein Zimmer im Boswiler Künstlerhaus zu haben, war für diese Künstlerinnen und Künstler ein Glück.» Der Austausch mit anderen Kreativen, die Überwindung der Einsamkeit, scheint dabei im Zentrum gestanden zu haben.

Patricia Draeger mit ihrem mächtigen Akkordeon und Albin Brun mit Schwyzerörgeli und Saxofon umrahmen den Anlass virtuos und stimmungsvoll. Als Zuhörer nimmt man sie wahr als erfolgreich, ja glänzend im Moment des Musizierens auf der Bühne, assoziiert aber – nach Kuhns Lesung –, dass auch diese Musiker wohl ein nicht immer einfaches Leben täglich zu bestehen haben. Das Geborgensein in der Kunst jedoch hält alles zusammen.

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

Daniela Kuhn: «In die Wärme nach Boswil» – 10 Lebensgeschichten aus einem Altersheim für Künstler 1960–1991, Limmat-Verlag, Zürich, 2017. Weitere Infos: www.kuenstlerhausboswil.ch

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