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BOSWIL: Zuckersüsses, Pikantes oder Hochprozentiges

Das Klassikfestival «Boswiler Sommer» hat unter dem Motto Delikatessen eine opulente Vielfalt an musikalischen Leckerbissen geboten. Diese hielten auch für Kenner Überraschungen bereit.
Cornelia.bisch@zugerzeitung.ch
Ein überragendes Talent: Leichtigkeit, Charme und Witz begleiten die Auftritte des Klarinettisten Sebastian Manz.

Ein überragendes Talent: Leichtigkeit, Charme und Witz begleiten die Auftritte des Klarinettisten Sebastian Manz.

Es ist eines der Markenzeichen des bis am letzten Sonntag dauernden «Boswiler Sommers», dass man alles etwas anders angeht, Bekanntes neu interpretiert, Unbekanntes ausgräbt und überraschend präsentiert, mit Lust, Leidenschaft und viel Humor experimentiert. Die lockere, freundschaftliche Umgangsform der Künstler, die gemeinsam im Gästehaus wohnen, am gleichen Tisch essen und zusammen proben, ist auch fürs Publikum spürbar. In Boswil gibt es keine Konkurrenz, man spielt aus Freude, aus Liebe zur Musik und aus Interesse an der Gemeinschaft. Kein noch so weltbekannter Musiker ist sich zu schade, auch mal in den hinteren Rängen des Orchesters mitzuspielen. «Ich habe hier viele neue Freunde gewonnen», sagte der ungarische Dirigent Gábor Takács, der als Special Guest Kompositionen zweier seiner Landsleute – Dvorák und Bartók – in seiner unverwechselbaren Art ohne Stab dirigierte. Die ganze Bandbreite grosser Gefühle spiegelte sich in der Musik wider: verspielte, tänzerische Leichtigkeit, tiefe Verzweiflung, leidenschaftliches Feuer. Als Kontrast dazu Mozarts Flötenkonzert in D-Dur, das Festival Artist Henrik Wiese und das Orchester Chaarts mit unübertrefflichem Feingefühl präsentierten, und Daniel Schnyders Geigensolo mit Orchester «Mozart in China», interpretiert von Xiaoming Wang. Der in New York lebende Schweizer Komponist und Musiker, ein häufiger Gast am «Boswiler Sommer», wohnte dem Konzert bei.

Musik aus dem Balkan stand auch im Zentrum des Programms «rot mundend». Die vier grossartigen Sängerinnen des Eva-Quartetts präsentierten in farbenfroher Tracht mit viel Temperament und Authentizität eine Reihe äusserst anspruchsvoller Volkslieder. Wunderschöne Stimmen, ein fantastisches Klang­volumen, tiefe Gefühle und das richtige Quäntchen Humor. Als Pendant dazu rumänische Volks- und Klezmertänze sowie die Violinsonate Nr. 3 des rumänischen Komponisten Georges Enescu mit dem Solisten Jonian Kadesha, der gemeinsam mit der russischen Cellistin Anastasia Kobekina als Festival-Entdeckung galt. Die beiden jungen Musiker überzeugten auf der ganzen Linie und werden vermutlich im nächsten Jahr als Festival Artists zurückkehren, wie der Geschäftsführer des Künstlerhauses, Michael Schneider, ankündigte.

Im Mittelpunkt der ersten Sonntagsmatinee «herb schmelzend» stand Bachs Partita Nr. 2 in d-Moll, die in unüblicher Form vom Schweizer Geiger Sebastian Bohren und dem Vokalensemble der Basler Madrigalisten aufgeführt wurde. Ein Forschungsteam um Helga Thoene habe einen sensationellen, musikarchäologischen Fund zu Tage gefördert, heisst es dazu in der Programmschrift. Nämlich, dass in Bachs Solopartita Kirchenlieder versteckt seien. Die Wirkung dieser neu erarbeiten Interpretation ist erstaunlich. Die Stimmen hüllen die zarten Geigenmelodien in ­einen betörenden Klangteppich und betonen damit deren eindringliche Intensität.

Berauschend Hochprozentiges

Experimentelles in ganz anderer Form wurde unter dem Titel «burbon pur» serviert. «Erwin Schulhoffs Concertino für Klarinette, Oboe und Fagott ist sogar vielen Musikern nicht geläufig», erklärte der begnadete, charismatische Solist und Festival Artist Sebastian Manz in seiner Einführung. Vermutlich deshalb, weil es besonders anspruchsvoll zu spielen ist. Tänzerisch, chaotisch, ein wenig dadaistisch, bisweilen mit jazzigen Rhythmen stellte die siebensätzige Komposition einen besonderen Höhepunkt des Festivalprogramms dar.

Noch einmal traten alle Festival Artists und Entdeckungen zum sonntäglichen Schlusskonzert auf mit Nielsens berührendem Flötenkonzert, von Webers verspieltem, gefühlvoll pointiertem Klarinettenquintett in B-Dur, eigenhändig arrangiert für Klarinette und Streicher von Sebastian Manz, sowie Edward Elgars Konzert für Violoncello und Orchester in e-Moll.

Die Rekordauslastung des letzten Jahres wurde heuer zwar nicht erreicht, aber: «Solche Schwankungen sind normal», betonte der musikalische Leiter Andreas Fleck. «Es ist uns gelungen, den Leuten viele unbekannte Werke zurückzugeben. Sie waren neugierig und haben unsere Delikatessen mit Genuss verspeist.»

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

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