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BRÜSSEL: Fabian Fellmann: «Direkte Demokratie ist vielen suspekt»

Der Buochser Fabian Fellmann (35) lebt seit einem Jahr in Brüssel. Er hat an der Universität Lausanne Politikwissenschaft studiert. Als junger Journalist war er einige Jahre bei der «Neuen Nidwaldner Zeitung» tätig. Danach war er unter anderem Inlandchef bei unserer Zeitung, ehe er zur «NZZ am Sonntag» wechselte.
Roger Rüegger
Fabian Fellmann (35), Korrespondent in Brüssel. (Bild: PD)

Fabian Fellmann (35), Korrespondent in Brüssel. (Bild: PD)

Fabian Fellmann, an dieser Stelle haben Korrespondenten von gefallenen Soldaten in der Ostukraine oder israelischen Raketen im Südlibanon berichtet. Aus Brüssel sind solche Gänsehaut-Geschichten eher nicht zu erwarten?

Fellmann: Wollen Sie damit sagen, Brüssel sei eine langweilige Stadt?

Ich war noch nie dort. Ist sie es nicht?

Fellmann: Natürlich erlebe ich keine Gewalt wie die Journalisten in den Krisengebieten. Brüssel ist aber eine der wichtigsten Städte der Politik, deren Sinn und Zweck es ja ist, Gewalt zu verhindern und Konflikte friedlich beizulegen. Hier wird über staatliche Gelder in Milliardenhöhe bestimmt. Es wird gekämpft, und es fliessen hier auch Tränen, aber auf einer anderen Ebene. Langweilig ist die Stadt nicht.

Der Inhalt der Themen mag ja spannend sein. Aber Feldarbeit verrichten Sie wohl nicht häufig?

Fellmann: Es kommt schon vor, dass ich mit 200 anderen Leuten mehrere Stunden in einem Konferenzsaal ohne Tageslicht sitze. In solchen Sälen werden aber Beschlüsse gefasst, die das Leben jedes einzelnen Menschen in Europa beeinflussen. Wichtige Entscheide, über die es gilt, eine spannende Geschichte zu schreiben.

Derzeit ist die Flüchtlingstragödie ein grosses Thema. Da suchen Politiker weit weg vom Drama nach Lösungen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass in nützlicher Frist Resultate erreicht werden.

Fellmann: Alle schreien immer nach Soforthilfe. Ein Beispiel einer belgischen Delegation, die unmittelbar nach dem Erdbeben nach Nepal aufgebrochen ist, zeigt, dass diese nicht unbedingt effizienter ist. Sie kam gar nie zum Einsatz, weil im Schnellverfahren zu wenig geplant wurde, und kam frustriert und praktisch unverrichteter Dinge zurück. Besser ist, wenn man sich Zeit nimmt für die Vorbereitung, wozu die politischen Prozesse gehören, auch wenn das manchmal frustrierend ist.

Sie sagen, dass in Brüssel täglich Pressekonferenzen stattfinden. Da wird viel erzählt, was in der Schweiz niemand interessiert. Wie holen Sie sich knackige Geschichten?

Fellmann: Bei den Pressekonferenzen geht es hauptsächlich darum, auf dem Stand zu bleiben und andere Leute zu treffen. Was unsere Leser gerne erfahren, bekommt man meist nicht dort. In Brüssel arbeiten viele Politiker, Journalisten und Lobbyisten, da machen ständig neue Informationen und Gerüchte die Runde. Wenn man diesen nachgeht, erfährt man, wo die Fetzen fliegen.

Können Sie jeweils direkt mit wichtigen Leuten reden oder kommt man eher an jene ran, die nur meinen, sie seien wichtig?

Fellmann: Wichtige Leute wie den Präsidenten der EU-Kommission kann ich vergessen. Er will seine Botschaften vor allem in den grossen Medien der 28 EU-Länder verbreiten. Ein Schweizer Journalist ist für ihn völlig unbedeutend.

Haben Sie als Journalist eines Nicht-EU-Mitglieds ein Handicap?

Fellmann: In einigen Dingen. Beim Sicherheitscheck habe ich mit viel mehr Bürokratie zu kämpfen. Ein Treffen von Staats- und Regierungschefs kostet mich jedes Mal eine zusätzliche Stunde. Journalisten aus der EU erhalten eine Zugangsberechtigung für sechs Monate. Wir Schweizer müssen uns aber jedes einzelne Mal anmelden.

Viel Papierkram, wie es sich für die EU gehört. Sie waren zu Beginn Ihrer journalistischen Laufbahn bei der «Neuen Nidwaldner Zeitung» angestellt. Wie sehr kommt Ihnen die Erfahrung im Regionaljournalismus in Brüssel entgegen?

Fellmann: Als Regionaljournalist habe ich gelernt, auf die Leute zuzugehen und mit ihnen zu reden. In Nidwalden habe ich oft aus dem Landrat berichtet. Dort habe ich die Grundmechanismen der Politik kennen gelernt, die auch in Brüssel spielen. Zudem beschränkt sich meine Arbeit nicht nur auf die EU. Ich bin auch Benelux- und Nato-Korrespondent und schreibe Porträts und Reportagen.

Wie sehr unterscheidet sich die Arbeit in Brüssel von dem Job als Journalist in der Zentralschweiz?

Fellmann: Zuerst musste ich mich orientieren, welche Institutionen der EU wofür zuständig sind. Manche heissen fast gleich, sind aber völlig verschieden. Was ist die Europäische Kommission, der Europäische Rat, das Parlament, mit welcher Stelle muss ich Kontakt aufnehmen, wenn es um die Ukraine-Krise geht, wo steckt die wirkliche Macht?

Sie stammen aus einem konservativen Kanton und erklären den Leuten die EU. Fast ein Widerspruch?

Fellmann: Natürlich hat mich meine Herkunft geprägt, und ich bin kein EU-Fanatiker. Aber die Europäische Union ist ein interessantes politisches Projekt, sie ist unser grösster Handelspartner, und viele EU-Bürger ticken ähnlich wie wir. Sie ist es darum wert, sich seriös mit ihr auseinanderzusetzen.

Und wie erklären Sie Ihren Journalisten-Kollegen aus EU-Mitgliedsstaaten die Schweiz?

Fellmann: Das sind spannende, aber nicht einfache Gespräche. Viele verstehen das politische System der Schweiz nicht, direkte Demokratie ist ihnen suspekt, ganz besonders die Masseneinwanderungsinitiative. Zudem stelle ich als Schweizer Fragen über die EU, welche mich für einige Kollegen schon fast zu einem EU-Verräter machen.

Lassen wir die Arbeit beiseite und widmen uns dem Thema Bier. Ein Kollege hat erzählt, dass er demnächst mit Freunden nach Brüssel fahren werde, weil die Bierkultur sprichwörtlich sei.

Fellmann: Sagen Sie ihm, er soll mich anrufen, wenn er hier ist. Und er hat recht, die Bierkultur ist hier sehr entwickelt. In belgischen Schulen wurde bis in die 1980er-Jahre Bier als Stärkungsgetränk aufgetischt, auch wenn es nur Tafelbier mit geringem Alkoholgehalt war. Sonst sind die belgischen Biere meistens sehr stark. Als ich das erste Mal zum Feierabendbier ging, habe ich dies schnell gelernt.

Was nicht bedeutet, dass man sich dort nur betrinken kann?

Fellmann: Ganz und gar nicht. Bier ist hier wie guter Wein etwas zum Geniessen. Ausserdem ist das Kulturangebot hier ausgezeichnet. Es gibt viele tolle Konzerte. Brüssel ist eine Grossstadt, sehr international.

Sie sagen, dass Brüssel den Ruf als notorische Schlechtwetter-Stadt geniesst. Warum sind Sie dennoch dort hingezogen?

Fellmann: Das stimmt. Den Ruf hat Brüssel. Allerdings ist das Wetter hier besser als in Luzern. Als wir das letzte Mal telefonierten, schien hier die Sonne, während es in Luzern regnete. Wie ist es jetzt bei euch?

Es regnet ...

Fellmann: Voila, hier ist es immer noch schön.

Das freut mich. Nur das schöne Wetter machts aber nicht aus?

Fellmann: Den Weg hierhin habe ich gefunden, weil ich 2012 eine Verän­derung suchte. Damals wurde ein ­Korrespondenten-Job frei. Und weil ich als Inlandredaktor über das nötige Rüstzeug verfügte, habe ich mich darum bemüht. Ein Engagement in den USA oder in China könnte ich mir auch vorstellen.

Zuletzt wohnten Sie in Luzern. Vermissen Sie die Stadt nicht?

Fellmann: Die Berge fehlen mir schon. Und die Hügel allgemein. Die Einheimischen halten mich für sehr sportlich, weil ich oft mit dem Velo unterwegs bin sie halten ihre Stadt für hügelig. Aber das ist sie nicht. In Luzern joggte ich jeweils den Sonnenberg hoch und hatte in einer halben Stunde 200 Höhenmeter absolviert. In Brüssel sind das höchste der Gefühle vielleicht 50 Höhenmeter.

Roger Rüegger

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