CHINA: Felix Lee: «Autofahren in Peking ist eine Qual»

Der 39-jährige Felix Lee ist als China-Berichterstatter in Peking stationiert. Lee wuchs als Kind von chinesischen Eltern in Deutschland auf, sein Vater war 1949 aus Nanking nach Taiwan geflüchtet und begann in den 60er-Jahren ein Studium in Deutschland. Ende der 70er-Jahre kehrten die Eltern von Lee wieder zurück nach China.

Interview Turi Bucher
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Felix Lee. (Bild: PD)

Felix Lee. (Bild: PD)

Felix Lee, seit wann arbeiten Sie in China, in der Heimat Ihrer Eltern?

Felix Lee: Ich bin nun schon seit drei Jahren in Peking und werde noch die nächsten zwei Jahre bleiben. Ich habe in Berlin immer noch ein Standbein, habe meine alte Wohnung einfach zwischenvermietet.

Aufgewachsen sind Sie in Wolfsburg.

Lee: Richtig. Als meine Eltern nach ­China zurückkehrten, hat mein Vater dort für VW das China-Geschäft aufgebaut. (Der Hauptsitz des Autoherstellers VW befindet sich in Wolfsburg, Anm. d. Red). Er hat mit VW-ähnlichen chinesischen Schriftzeichen und einem lyrischen Namen für das Wort «Volkswagen» den chinesischen Ausdruck für VW geprägt. Die Chinesen dachten wirklich, das sei ihr Volkswagen. Zeitweise war der Anteil von VW fahrenden Chinesen bei 80 Prozent.

Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?

Lee: Während meines Studiums der Volkswirtschaft und Politik in Göttingen habe ich freiberuflich als Journalist angefangen. Nach der Journalistenschule bin ich bei der ARD und danach bei der Berliner Tageszeitung TAZ eingestiegen.

Dann war es ja wohl ziemlich schnell mal klar, dass Sie mit Ihren chinesischen Wurzeln für die Berichterstattung über China prädestiniert sind.

Lee: Nicht unbedingt. Ich hatte zwar schon vor, mal nach China zu gehen, aber ich wollte als Journalist nicht nur einzig und allein auf China «verbucht» werden. Deshalb habe ich zuerst für den Regionalteil der TAZ im Wirtschaftsressort gearbeitet. Von Peking aus «betreue» ich ja auch noch Nordkorea, Hongkong, die Mongolei und Taiwan.

Stichwort Hongkong. Haben Sie von den Unruhen mit den Studentendemonstrationen in den vergangenen Monaten sozusagen aus sicherer Distanz via Peking berichtet, oder waren Sie selber vor Ort?

Lee: Natürlich war ich selber vor Ort. Bei solchen Vorkommnissen setzt man sich als Korrespondent so schnell wie möglich ins Flugzeug. Ich muss allerdings betonen, dass das in Hongkong die friedlichsten Proteste waren, die ich überhaupt erlebt habe. Da habe ich in Deutschland und Europa schon anderes erlebt. Die Hongkonger Studenten haben sich wirklich bemüht, nicht für allzu grosse Unordnung zu sorgen, haben nach den Demonstrationen sogar den Müll wieder aufgesammelt.

Gefährlich wurde es also nie?

Lee: In Hongkong selber nicht. Aber in Peking wurde nach einer kritischen Veranstaltung zur Unterstützung der Hongkonger Demonstrationen die chinesische Assistentin der «Zeit»-Journalistin Angela Köckritz verhaftet. Das hat uns schon nervös gemacht. Die Frau sitzt übrigens immer noch in Haft. In Hongkong selber herrscht Pressefreiheit, das wissen wir sehr zu schätzen

Wie muss man sich Ihren Arbeitsort in Peking vorstellen?

Lee: Ich wohne im 6. Stock eines Hochhauses und teile im 2. Stock desselben Gebäudes Büroräumlichkeiten mit anderen ausländischen Journalisten.

Und wie sind Sie selber in Peking unterwegs?

Lee: Autofahren ist bei dem Verkehr eine Qual. Wenn es die Luftverhältnisse erlauben, ist das Velo das schnellste Transportmittel. Sonst bin ich mit der U-Bahn unterwegs.

Sie haben ein Stichwort, das ich mir notiert hatte, vorweggenommen: die Luftverschmutzung in den chinesischen Grossstädten.

Lee: Es ist nicht so, dass in Peking permanent Smog herrscht. Wir haben auch mal einen blauen Himmel und Sonnenschein. Aber es stimmt, die Feinstaubwerte sind zum Teil extrem. Wir Journalisten haben in unseren Räumen teure Luftreiniger und müssen auch nicht ständig draussen arbeiten. Wir sind also nicht die Hauptbetroffenen wie beispielsweise Bauarbeiter oder Wachleute.

Was tun Sie bei Smogalarm?

Lee: Smogalarm an einem freien Tag kann schon ziemlich auf die Laune schlagen. Statt Natur und frische Luft zu geniessen, bleib ich dann halt im Haus. Ich habe mir selber eine Limite gesetzt: Bei einem Smog-Grundwert von 200 trage ich draussen die Schutzmaske, bei 300 gehe ich nicht mehr raus. Zum Vergleich: In europäischen Grossstädten ist ein Feinstaubwert von über 30 schon Grund, um Massnahmen zu ergreifen. Ein Wert von 30 das ist in Peking natürlich ein Traum.

Was tun Sie an einem freien Tag?

Lee: Drinnen spiele ich gerne Klavier, draussen gehe ich gern schwimmen.

Können Sie in China als Journalist überhaupt frei arbeiten?

Lee: Als ausländischer Berichterstatter ist man ständig unter Beobachtung. Sorge tragen muss man vor allem auch, dass man seine Gesprächspartner nicht in Gefahr bringt. Wenn ich für eine Reportage aufs Land fahre, steht schnell einmal die örtliche Behörde vor der Hoteltür. Es kommt regelmässig vor, dass die ­geplante Arbeit dann abgebrochen werden muss. Deshalb versuche ich in solchen Situationen, möglichst alles an einem einzigen Tag zu erledigen, ohne dass ich ein Hotelzimmer buchen muss.

Auch immer wieder ein Thema bei uns: die Familienplanung in China.

Lee: Die Ein-Kind-Politik wurde unterdessen stark gelockert. In Peking und Schanghai können Paare einen Antrag für ein zweites Kind stellen, und wenn man selber ein Einzelkind war, darf man auch ein zweites Kind haben. Doch noch immer gibt es hohe Geldstrafen für jene, die sich nicht an die Verordnungen halten.

Über Themen wie Menschrechtsverletzungen oder Tibet dürfen Sie wohl auch nicht schreiben.

Lee: Doch, darüber schreibe ich regelmässig. Der Regierung der Volksrepublik China ist es vor allem wichtig, dass sie als Journalist nicht Einfluss nach innen üben können. Doch für die ­Auslandpresse ist es schon möglich, darüber zu schreiben. Wenn Sie als ausländischer Journalist allerdings in die autonome Provinz Tibet reisen wollen, wird Ihnen die Einreise verwehrt.

Xi Jinping ist der höchste Chinese. Sind Sie dem Staatspräsidenten schon persönlich begegnet?

Lee: Eine persönliche Audienz liegt nicht drin. Als deutscher Journalist hat man da keine Chance, da ist man schlicht zu ­irrelevant.

Ist Xi Jinping beim Volk beliebt?

Lee: Erstaunlicherweise ja, obwohl er gegen Kritiker noch härter vorgeht als seine Vorgänger. Aber seit er die Korruption zur Chefsache erklärt hat, hat er beim Volk viele Punkte gesammelt.

Welches ist Ihr Lieblingsessen? Sagen Sie jetzt bitte nicht «chinesisch» ...

Lee: Wenn ich in China bin, vermisse ich die deutsche Küche, wenn ich in Deutschland weile, vermisse ich das chinesische Essen. Zurück in Deutschland geniesse ich gerne ein frisches Joghurt oder auch Hartkäse. In Peking esse ich am liebsten Maultaschen und Hühnchen Gung Bao. Mittlerweile gibt es in Peking natürlich alles zu kaufen. Es gibt auch Schweizer Lokale, die Raclette anbieten.

Und zum Schluss noch: Was wissen Sie über Luzern?

Lee: Ich habe Bekannte in Luzern, war auch schon mal da, um diese Freunde zu besuchen. Es ist schon ein anderes Gefühl, den Ort zu kennen, für dessen Zeitung man schreibt. Sonst ist das doch wie ein dunkles Loch.

INTERVIEW TURI BUCHER