Zentralschweiz

Bergbahnbetreiber: «Es wird mit zwei unterschiedlichen Ellen gemessen»

Am Freitag hat der Bundesrat bekanntgegeben, dass Skigebiete unter Auflagen offen bleiben dürfen. Unter anderem sollen Gondeln nur zu zwei Dritteln belegt werden – für gewisse Betreiber paradox.

Chiara Zgraggen
Drucken
Teilen
Auf den Berg dürfen alle – sie müssen jedoch mehr Zeit einrechnen.Denn: Die Bergbahnen dürfen ihre Gondeln nur zu zwei Dritteln füllen.

Auf den Berg dürfen alle – sie müssen jedoch mehr Zeit einrechnen.
Denn: Die Bergbahnen dürfen ihre Gondeln nur zu zwei Dritteln füllen.

Bild: Roger Grütter (Engelberg, 17. Februar 2019)

Der Bundesrat hat am Freitag konkrete Massnahmen für Skigebiete erlassen:

  • Die Skigebiete benötigen ab dem 22. Dezember eine Bewilligung des Kantons. Die epidemiologische Lage muss den Betrieb erlauben. Darüber hinaus benötigt es ausreichend Kapazität in den Spitälern und in den Contact Tracing Centern sowie beim Testen.
  • Die Transportmittel (Züge, Gondeln, Kabinen) dürfen nur noch zu zwei Dritteln gefüllt werden. Dies gilt für Sitz- und Stehplätze. Auf den Pisten gibt es keine Personenbeschränkung. Diese Regel gilt ab dem 9. Dezember.
  • In allen Bahnen (Sessel- und Skilift wie auch Gondeln oder ähnliches) gilt Maskenpflicht. Diese gilt auch beim Anstehen, dabei soll der Abstand von eineinhalb Metern eingehalten werden.
  • Pistenbeizen-Besucher dürfen nur ins Lokal, wenn ein Tisch frei ist. Im Innen- und Aussenbereich gelten dieselben Regeln wie bisher: Maximal vier Personen pro Tisch (ausgenommen sind Familien mit Kindern), Konsumation nur sitzend.

Vordrängelnde Kinder, ein Traubenstrauss vor dem Drehkreuz, die neuen Skier zerkratzt, weil jemand mit seinen auf die eigenen gefahren ist: Skilifte können Wintersportlern den letzten Nerv rauben. Doch dieses Jahr wird vieles anders sein.

Für viele Skigebiete bedeuten die neuen Massnahmen des Bundes vom Freitag (siehe Box) Änderungen an ihren Konzepten - oder auch nicht. Wie unsere Recherche zeigt, hatten die Verantwortlichen bereits im Vorfeld viele der neuen Massnahmen schon umgesetzt, so etwa die Titlis-Bahnen. Urs Egli, Leiter Marketing, sagt: «Wir hatten bereits vor einigen Wochen die Platzzahl in den Gondeln reduziert.» Konkret heisst das: Von den maximal 80 Gästen in der Titlis Rotair Gondel wurde die Anzahl auf sechzig reduziert. Neu wird zudem Sicherheitspersonal vor der Talstation positioniert, welches die Mindestabstände kontrolliert.

Sicherheitspersonal gibt es auf dem Gebiet der Melchsee-Frutt höchstens als Gäste. Dafür hat man gemäss Geschäftsführer Daniel Dommann mehr Personal eingestellt. Darüber hinaus werden die Gäste wo möglich an den Bahnen nicht mehr in den Innenräumen warten, sondern im Aussenbereich. «Das Billett kann denn auch an den ‹open air Kassen› gekauft werden - oder noch besser online», erklärt Dommann. Beim Skilift setzen die Verantwortlichen auf das «Schlangensystem». Dafür sei ein Kilometer Material bestellt worden.

Verglichen mit den Verkaufszahlen vor Saisonstart der vergangenen fünf Jahre verzeichnet die Melchsee-Frutt einen Rückgang von zehn Prozent. Man spüre die Verunsicherung der Gäste. «Als sich der Bundesrat erst vage zu den Skigebieten geäussert hat, sind die Verkaufszahlen gegen null gegangen», sagt der Geschäftsführer.

Bundesrats-Massnahmen sind unverständlich

Die Entscheide des Bundes zu den Skigebieten irritieren Dommann. «Als Skigebiet müssen wir strengere Vorschriften einhalten, als der reguläre Bus- und Bahnbetrieb.» Dies sei unfair. Oder mit den Worten Dommanns:

«Es wird mit zwei
unterschiedlichen Ellen gemessen.»

René Koller, Direktor der Bergbahnen Sörenberg AG, teilt die Ansichten Dommanns. Grundsätzlich könne er «mit den Massnahmen leben». Aber: «Wenn die Leute mit dem ÖV zu uns fahren, sind sie dicht gedrängt in Zug und Postauto. Und hier dürfen sie dann nur zu viert in die Gondelbahn.» Das sei unverständlich. Einen Beitrag zur Eindämmung des Virus zu leisten und der Gesundheit der Gäste und Mitarbeiter Acht zu geben, sei aber wichtig.

Vorverkaufszahlen bleiben konstant

Für die Restaurantbesucher überlegt Koller, ein Online-Reservationssystem einzuführen. So könnte ein Stau vor den Bergrestaurants vermieden werden. Die letzten Entscheide fallen Anfang Woche. Dann finden nämlich Gespräche mit dem Kanton Luzern statt.

Im Gegensatz zu den meisten der befragten Skigebiete sind die Vorverkaufszahlen der Bergbahnen Sörenberg AG auf ähnlichem Niveau der vergangenen vier Jahre - mit Ausnahme von 2019, welches Koller als «Rekordjahr» bezeichnet. Er vermutet, das liegt an der Verunsicherung der Gäste wegen der Pandemie.

Auch das Skigebiet Andermatt-Sedrun-Disentis hat bisher ähnlich viele Abonnemente wie im Vorjahr verkauft. Die Pandemie hat laut Stefan Kern, Kommunikationschef Andermatt Swiss Alps AG, bereits viel im Betrieb verändert. Corona habe einige Entwicklungen positiv beeinflusst. «Viele Digitalisierungsprozesse wurden beschleunigt.» Eine virtuelle Warteschlange an der Talstation in Andermatt gibt es neu, dazu können Billette und Tische in Bergrestaurants übers Internet reserviert werden. Bei letzterem führt eine Anweiserin die Gäste an die Tische, dies sorge für Entspannung. Deshalb wird es eventuell auch künftig eingesetzt.

Klewenalp befürchtet mehr Gäste während Werktagen

«Wir sind froh um die Massnahmen des Bundes», sagt Roger Joss, Geschäftsführer der Bergbahnen Beckenried-Emmetten AG. Konkret sei es eine Erleichterung gewesen, dass der Bundesrat die Skigebiete nicht dicht gemacht hat.

In der Zwischensaison sei zu beobachten gewesen, dass sich die Gäste diszipliniert verhalten hätten. Schon im Sommer und Herbst verlagerten die Bergbahnen das Anstehen aus dem Gebäude, zusätzliches Personal soll die Massnahmen kontrollieren. Roger Joss rechnet indessen damit, dass auch an Werktagen mehr Gäste auf die Piste möchten, da sie durch Homeoffice flexibler seien. «Auch an den Fasnachtstagen werden wohl mehr Leute den Weg auf die Piste auf sich nehmen.»

Wie vielen andere, haben auch die Betreiber der Sattel-Hochstuckli-Bahn* bereits vor Bekanntgabe der neuen Massnahmen die Anzahl Personen pro Gondel individuell angepasst. «Es bestand ein Kundenbedürfnis, dass die Menschen nur in ihrer Gruppe in die Gondel können», sagt der Geschäftsführer Theo Baumann. Um die Einhaltung der Massnahmen zu kontrollieren, sei die Belegschaft geschult worden. Je nach Auslastung böte man diese auf.

Die Sattel-Hochstuckli AG verzeichnet in diesem Jahr weniger Einnahmen aus dem Vorverkauf. «Wir sind dennoch zufrieden mit den Zahlen», so Baumann.

*In einer vorherigen Version haben wir geschrieben, dass die Verantwortlichen der Sattel-Hochstuckli AG nicht erreichbar waren. Da sie sich kurz nach Publikation gemeldet haben, wurde der Text dementsprechend ergänzt.
Die Betreiber der Hochybrig-Bahnen waren am Samstag bis 20 Uhr für die Luzerner Zeitung leider nicht erreichbar.